Die Bühne als Gefängnis

Anna Papsts Reportagen-Theater «Freigänger» am Konzert Theater Bern wirft grosse Fragen auf – und bleibt dank grandiosen Schauspielerinnen dennoch subtil.

Das Stück von Anna Papst, uraufgeführt in der Vidmar 2, ist mal witzig, mal todtraurig und regt zum Nachdenken an.

Das Stück von Anna Papst, uraufgeführt in der Vidmar 2, ist mal witzig, mal todtraurig und regt zum Nachdenken an. Bild: zvg/Christian Kleiner

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eines Tages wird sie von ihrer Arbeit weggerufen. «Oma und Opa sind tot», wird ihr gesagt, nicht mehr als das, keine Erklärungen, kein Trost. Erst später erfährt sie: Ihr Bruder hat die Grosseltern ermordet. Von da an ist nichts mehr, wie es vorher war; alle Werte, die sie hatte, scheinen infrage gestellt. Wie soll sie mit einem Bruder umgehen, der zwei Menschen das Leben genommen hat? Erst nach vielen Jahren schafft sie es, dem Bruder, der noch immer seine Strafe absitzt, wenigstens teilweise zu vergeben.

Performative Gespräche

Dies ist eine der wahren Geschichten, die in «Freigänger» erzählt wird – sie macht besonders betroffen und lässt das Publikum ganz still zurück. An ihrer Seite stehen weitere Erzählungen von Gefangenen in verschiedenen Phasen ihres Strafvollzugs; auch Angehörige, Mitarbeiter im Justizvollzug und ein Psychiater kommen zu Wort.

«Freigänger» ist nach «Ein Kind für alle» (2015) die zweite «Reportage fürs Theater», die die Autorin und Regisseurin Anna Papst auf die Bühne bringt. Das Konzept, das Papst mit Mats Staub entwickelt hat, macht aus zeitgenössischen Zeugenberichten Theater in Form performativer Gespräche.

Im Verlauf ihrer Tätigkeit als Hausautorin bei Konzert Theater Bern hat Anna Papst drei Jahre lang für «Freigänger» recherchiert und mit über 30 Insassen der offenen Strafvollzugsanstalt Witzwil gesprochen. Die Protokolle der Interviews hat Papst verdichtet und neu montiert. So ist ein Stück entstanden, das grosse Fragen aufwirft – aber keine einfachen Antworten bereithält.

Da ist zum Beispiel ein humorvoller, flapsiger Bauarbeiter, der sich in einem normalen Job wie ein Rädchen im Getriebe fühlt. Für ihn ist das alltägliche Leben Gefangenschaft, Freiheit das Überschreiten von Grenzen durch den Konsum von Drogen.

Oder da ist ein Gärtner, der wegen Fahrerflucht und nicht bezahlter Rechnungen sitzt – zerfressen hatte ihn ein ermüdendes Arbeitsleben mit endlosen finanziellen Sorgen. Und dann ist da noch ein Doppelmörder, Verdikt lebenslang, doch darüber scheint er gar nicht so unglücklich zu sein: «Wenn ich mir die Welt anschaue und rekapituliere, was da draussen alles abgeht, bin ich froh, bin ich hier drin.» Was also ist Freiheit?

Der Ex-Knacki als Nachbar

Die Erzählungen der Gefangenen, ihrer Angehörigen und von MitarbeiterInnen im Strafvollzug halten dem Publikum immer wieder einen Spiegel vor. Da wird es etwa direkt gefragt, ob es seinen Teil für die Resozialisierung von Verbrechern tun würde – oder den Ex-Knacki doch lieber nicht in der Nachbarschaft hätte.

Kritisiert wird auch die Sensationslust der Medien, die sich auf sämtliche Verbrechergeschichten stürzen: «Draussen fluchen sie über uns, aber zu Hause konsumieren sie uns», meint ein Gefangener bitter.

Die Figuren, oder besser: Personen erzählen immer wieder von Geldproblemen, von der Einsamkeit, der Entfremdung von Gesellschaft und Familie, dem Scheitern von Freundschaften und Liebesbeziehungen, von der Sehnsucht nach einem normalen Leben – und eben auch von Verbrechen, die sie zum Teil ohne Reue begehen. Ihre Geschichten sind völlig unterschiedlich, ebenso wie ihre Gesten oder ihre Ausdrucksweise. Dies beeindruckt besonders, da sie alle von nur drei Schauspielerinnen verkörpert werden.

Jede Bewegung zählt

Und deren Spiel ist grandios. Jeanne Devos, Grazia Pergoletti und ganz besonders die magnetische Florentine Krafft glänzen in allen Rollen. Im reduzierten, aber effektiven Bühnenbild (Annatina Huwiler) zählt jede Bewegung – da werden drei Steinbänke durch den Raum geschoben, ein Gerüst wird erklommen, sein Schatten gleicht Gitterstäben.

Das harte Licht (Rolf Lehmann) tut das Seine, um die Wirkung der Darbietungen zu steigern. Im kleinen Vidmar-2-Saal lässt es die Mimik der Schauspielerinnen äusserst klar hervortreten. Man sieht jedes Muskelzucken, jedes nervöse Befeuchten der Lippen.

Der Verfremdungseffekt, der durch die durchwegs weibliche Besetzung aller Rollen entsteht, ist zudem sinnig. Subtil wirft er Fragen zu Geschlecht und Kriminalität auf, die schon am Anfang des Stücks durch eine Filmeinspielung (Elvira Isenring) angetönt werden, geraten Männer doch weit häufiger mit dem Gesetz in Konflikt als Frauen.

Der angewandte Verfremdungseffekt schafft zudem eine Distanz zum Erzählten – und er betont, dass wir es hier mit den Geschichten von für uns Unsichtbaren zu tun haben. Durch ihre Stellvertreterinnen werden die Isolierten zurück in die Mitte der Gesellschaft geholt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2019, 15:07 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich urteile nicht über Tat und Strafe»

Berner Woche Gespräche im Strafvollzug: Die Regisseurin und Autorin Anna Papst über ihr Stück «Freigänger» für das Konzert Theater Bern. Mehr...

Dossiers

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Die goldene Kuppel des Tempels leuchtet in der Dunkelheit: Bild der Silhouette einer Frau, die im Wat Phra Dhammakaya Temple ausserhalb von Bangkok betet. (19. Februar 2019)
(Bild: Jorge Silva) Mehr...