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Die Bewegte im Feuilleton

Brigitta Niederhauser war seit 1986 für den «Bund» tätig und wurde zur treuen, kritischen Begleiterin der Berner Kulturszene. Letzte Woche ist die ehemalige Kulturredaktorin im Alter von 66 Jahren verstorben.

Emotionale Nähe, frecher Blick: Brigitta Niederhauser im Mai 2016 nach einem Interview mit dem Autor Timmermahn.
Emotionale Nähe, frecher Blick: Brigitta Niederhauser im Mai 2016 nach einem Interview mit dem Autor Timmermahn.
Adrian Moser

Brigitta Niederhausers Zeit beim «Bund» begann im obersten Geschoss des alten «Bund»-Hauses an der Effingerstrasse. Dort, in der früheren Wohnung des Verlegers, befanden sich die Redaktionsräume der «Berner Woche». Grossbürgerliches Interieur, merklich in die Jahre gekommen. Doch was hier entstand, war durchaus innovativ: Anstatt auf ein Angebot der «Berner Zeitung» für eine gemeinsame Veranstaltungsbeilage einzugehen, gab «Bund»-Verleger Werner Stuber der Redaktion den Auftrag, innerhalb eines halben Jahres ein eigenes Heft zu lancieren.

Plattform der Berner Szene

Das war im Frühjahr 1988. Brigitta ­Niederhauser war Sozialarbeiterin, sie hatte in der drogentherapeutischen Gemeinschaft im «Schlüssel» Detligen gearbeitet. Ich war Medienredaktor und schrieb Filmkritiken. Nun sollten wir zusammen das Ausgehmagazin «Berner Woche» machen und hatten doch gar keine Erfahrung mit Printprodukten dieser Art. Im Oktober 1988 erschien die erste Ausgabe. Zunächst noch bieder wie ein Quartieranzeiger, wurde die «Berner Woche» zum Magazin mit Autoren- und Autorinnentexten und zum Organ einer regionalen Szene, die auf einer Vielzahl kleiner, autonomer Strukturen baute und sich als Szene, als etwas Gemeinsames, erst richtig zu verstehen begann. Brigitta Niederhauser war bald eine Stimme dieser Szene, mehr: eine ihrer engagiertesten Vermittlerinnen.

Der «Bund» machte schwierige Zeiten durch in den Achtziger- und Neunzigerjahren, wirtschaftlich, politisch. Das war auch eine Chance. Die Redaktion verjüngte sich. Brigitta Niederhauser wechselte in die Kulturredaktion, die sie später leitete und der sie bis zu ihrer Pensionierung Ende Juli 2016 angehörte. Sie war Teil jener Generation von Redaktorinnen und Redaktoren der einst freisinnigen Zeitung, welche in Bern das Feld für die rot-grüne Wende 1992 massgeblich mitebnete.

Der politische Wechsel, an dessen Anfang die Unruhen um Freiräume standen, die die Stadt schier zerrissen – Zaffaraya, Reitschule –, hat Bern geprägt und damit auch die Redaktionen seiner Zeitungen. Brigitta Niederhauser ist, mit manchmal bewundernswerter und oft unbequemer Entschlossenheit und Unbeirrbarkeit bis ins Alter eine Bewegte geblieben. Oder vielleicht eher eine von der Bewegung der Achtzigerjahre Beseelte. Nie ideologisch, aber undiskutabel auf der anderen Seite der Bürgerlichkeit.

Was viele nicht wussten

Anders leben. Am deutlichsten zum Tragen kam das in ihrem Engagement für das Waisenheim Sertshang Orphanage Home in Kathmandu, Nepal. Am Ursprung des Projekts stand der tibetische Arzt Tashi Sertshang, der Ende der Neunzigerjahre als Flüchtling in die Schweiz kam. Er arbeitete in der Fabrik, in der Freizeit führte er eine Heilpraxis. Verlangt hat er nichts; wer zu ihm kam, hat für das Waisenhaus in Kathmandu gespendet.

So ist Brigitta Niederhauser mit dem Projekt in Kontakt gekommen, für das sie aktiv war, bis es ihr das Leiden, dem sie nun erlegen ist, nicht mehr erlaubte. Sie koordinierte und verdankte Spenden – mit grosser Herzlichkeit etwa dann, als Schülerinnen und Schüler aus Wohlen, wo sie selber wohnte, mit einem Theater am Schulfest 600 Franken sammelten –, und sie war jedes Jahr mehrere Monate in Kathmandu. Die Arbeit für das Waisenheim, gradliniges, gänzlich uneigennütziges solidarisches Handeln, das war eine Seite von Brigitta Niederhauser, von der ihre Leserschaft wenig wusste. Eine weiche, sanfte Seite, im Gegensatz zu den harten und kantigen, die es auch gab.

Flair fürs Aufbegehrende

In den Kulturteil des «Bund» und in die kulturpolitische Berichterstattung hat Brigitta Niederhauser neue Töne eingebracht, eigene und die der jungen Talente, die sich bald um sie scharten wie die berühmten Motten ums Licht. Bei heiklen Themen der Kulturpolitik – das Stadttheater war diesbezüglich schon in den Neunzigern erste Adresse – fiel sie auf durch Klartext. In Kritiken, Porträts oder Features schuf sie emotionale Nähe und bewahrte sich gleichzeitig einen klaren, manchmal frechen Blick. Der mit den Jahren ein gefürchteter wurde.

Umstritten waren vor allem ihre Theaterbesprechungen. Was Theater ihr wirklich bedeutet habe, sei ihm nie klar geworden, sagte Christoph Reichenau, der langjährige Berner Kultursekretär, bei ihrer Pensionierung vor zwei Jahren. Die moralische Instanz Theater, so Reichenau, sei ihr fremd geblieben, vielleicht «gerade des Vernünftigen wegen, das dem Theater eingeschrieben ist». Die andere Seite der Vernunft, «die Leidenschaft, das Mitreissende, Aufbegehrende, Protestierende, Quere und immer Mitleidende war ihr näher. Dafür schrieb sie. Anschaulich, assoziativ, gedankenreich. Einfach gut.»

Was Reichenau als «anschaulich, assoziativ, gedankenreich» beschrieben hat, nennt der Autor und Kabarettist Bänz Friedli «literarisches Schreiben». Er war eines dieser Talente, die bald im «Bund»-Haus ein- und ausgingen. Junge Herren, kaum Frauen, mit wichtigen Gesichtern und den 120 damals noch mit Schreibmaschine getippten Zeilen zu Berns jüngsten Kultur-Highlights und Neuentdeckungen unter dem Arm. ­Brigitta Niederhauser hat ihnen nicht nur viel Raum im Feuilleton verschafft – «sie hat sich zurückgenommen zugunsten der jungen Autoren», sagt Friedli –, sie hat sie auch geführt und ihnen zugehört, bei Einladungen zum Spaghettiessen bei ihr daheim oder an ihrem Arbeitsplatz im Büro, wo sich die freien Mitarbeiter die Falle manchmal buchstäblich in die Hand drückten.

Aus diesem engen und regen Kontakt mit den Freien – die alle nicht nur gern geschrieben haben, sondern auch auf die Honorare angewiesen waren, so bescheiden sie ausfielen – ist gewachsen, was ihr Arbeits-, nein, ihr Lebens­verständnis besonders kennzeichnete: Treue. Brigitta Niederhauser hielt zu den Leuten, für die sie sich einmal entschieden hatte. «Sie war die treuste Seele», sagt Bänz Friedli.

Kuno, Marco und Pesche

Treue ist auch ein Motiv ihrer journalistischen Arbeit. Nicht nur, dass sie gut dreissig Jahre lang das Berner Kulturschaffen begleitete, sie ist auch mit denen älter geworden, über die sie geschrieben hat. Sie sass ein paar Mal bei Kuno Lauener am Küchentisch; es waren für sie bewegende Momente wie sonst kaum je. Sie hat dem Clown Marco Morelli viele Jahre auf ihre ganz eigene Weise liebevoll zugeschaut, und seine «leidige Geschichte» – die Folgen eines Unfalls 1988 im Stadttheater – hat ihr wehgetan. Sie war auch die Letzte, die medial zu Peter Burkhart gehalten hat im hässlichen Streit um die Mühle Hunziken. Das war selbstverständlich für sie.

Brigitta Niederhauser, übrigens gebürtige Zürcherin, hat sich des kulturellen Schaffens Berns angenommen wie niemand sonst in dieser langen Zeit. Sie konnte Verrisse schreiben, dass die Fetzen flogen, sie konnte ins Schwärmen geraten, dass einem fast mulmig wurde, aber immer konnte man sicher sein, dass sie es genau so meint. Sie flunkerte nie, war immer bei sich. Nicht viele können das von sich sagen.

Danke, Brigitta, treue Seele.

Bernhard Giger, 1952 geboren, ist Präsident von Bekult und Leiter des Kornhausforums Bern. Er arbeitete von 1988 bis 1996 auf der «Bund»-Redaktion eng mit Brigitta Niederhauser zusammen.

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