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Die Axt im Haus

Die Bewegung des Selbermachens hat den Mainstream erreicht. Eine Ausstellung im Schaudepot des Museums für Gestaltung Zürich geht der Frage nach, was dies für das Design und den Möbelmarkt bedeutet.

Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel entwirft «Hartz IV Möbel» zum Nachbauen, die sich sehen lassen können.
Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel entwirft «Hartz IV Möbel» zum Nachbauen, die sich sehen lassen können.
Museum für Gestaltung
MAK-Table von Joao Silva/Paola De Francesco. Optische Stabilität garantiert das rote Band.
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Museum für Gestaltung
Aufs Wesentliche reduziert: Lampada a stelo von 'Kueng Caputo'.
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Museum für Gestaltung
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Die Axt im Hause erspart den Zimmermann. Aber macht Do it yourself (DIY)auch den Designer überflüssig? Eigentlich schon, denkt man in der Ausstellung Do It Yourself Design im Zürcher Toni-Areal. Auf dem Humus einer urbanen Gegenbewegung zum Massenkonsum gewachsen und beflügelt von den Möglichkeiten der Internetforen, gibt es in der DIY-Bewegung inzwischen so ziemlich alles, was sich Selbermacher wünschen. Vom halbfertigen Produkt, das man zu Hause nur noch zusammenstecken muss, bis hin zum komplizierten Schnittmusterbogen aus Holz, für den man eine elektrische Stichsäge braucht.

Die Bewegung hat sich ausdifferenziert, und der Markt hat reagiert. Ikea bewirtschaftet den Trend schon lange, und zunehmend sind es auch namhafte Designer, die mittun wollen im grossen Geschäft. Artek und Droog etwa, zwei renommierte Produzenten von ästhetisch anspruchsvollen Möbeln, bieten individualisierte Klassiker-Kits an. Das «ganz persönliche Möbel» besteht dann allerdings nur darin, dass man bei einem Alvar-Aalto-Tischchen drei Schrauben in drei vorgebohrte Löcher schrauben muss.

Teure Klassiker nachbauen

Das ist beim Architekten Van Bo Le-Mentzel anders. Der Berliner mit asia­tischen Wurzeln – er selber nennt sich auch «Karma-Ökonom» – entwirft Bauanleitungen für Möbelklassiker, die sich unter dem Titel «Hartz-IV-Möbel» in der Ausstellung ein fröhliches Stelldichein geben. Den bekannten und unter De-signfreaks begehrten «Standard Stuhl» von Jean Prouvé aus dem Jahr 1934 etwa kann man bei Le-Mentzel als Kreuzberg-Chair gratis vom Netz herunterladen (Hartzivmoebel.blogspot.ch). Die konischen Hinterbeine, welche dem Stuhl den prägnanten Ausdruck geben, sind zwar nicht wie beim Original von Vitra aus farbig lackiertem Metall, sondern aus Holz. Aber das Erscheinungsbild stimmt.

Die Sache ist ernst gemeint, auch ­Bedürftige sollen sich Design leisten können. Feedback auf der Website des Architekten ist erwünscht, persönliche Adaptionen werden in den Sozialen Medien rege diskutiert. Es scheint, dass der Prosumer, dieses moderne Mischwesen aus Produzent und Konsument, mit viel Spass am sinnlichen Tun Möbel und Einrichtungsgegenstände auf seine persönliche Weise weiterentwickelt und sich einen Teil dessen zurückholt, was er einst an die Industrialisierung und die arbeitsteilige Gesellschaft abgab. Und weil das Verfallsdatum bei vielen Massenprodukten mit eingeplant ist, führt dies oft zu defekten Dingen, die nicht mehr reparabel sind. Christian Pfeifer, Student der ZHDK, hat den Workshop www.zuerich.repariert.org ins Leben gerufen, wo man mit Gleichgesinnten und technischen Drauskommern Dinge reparieren kann, die einem aus persönlichen Gründen lieb und teuer sind.

Die sehenswerte Ausstellung geht ­einerseits der Frage nach, über welche Kanäle und in welchen Foren Entwürfe und Bauanleitungen ausgetauscht werden. Videofilme zeigen Gestalter im ­Atelier und auch Laien beim Werken ­daheim. Daneben hat man aber auch konkreten Gegenständen viel Raum gelassen. Wichtige Zeitzeugen der frühen Bewegung sind zum Beispiel Möbel von Susi und Ueli Berger, jenem gewieften und innovativen Berner Designer-­Couple der 60er- und 70er-Jahre, das in der Schweiz noch immer wenig Beachtung findet.

Damals, als die beiden ihren Sessel aus Drahtgeflecht ausheckten, gab es den ersten wesentlichen Schub des Do it yourself. Die Freude am Machen war eine subversive und auch etwas schnoddrige Antwort auf die «gute Form», die viele Jahrzehnte propagiert worden war und annahm, auf alle Auf­gaben im Design eine gültige und ab-schliessende Antwort zu haben.

Vorläufer aus England

Oft wird vergessen, dass es bereits lange vor der «guten Form», am Ende des 19. Jahrhunderts, mit der «Arts und Crafts»-Bewegung in England einen Vorläufer des DIY gab. Es war chic, sich naturnah zu geben und sich kunstgewerblich zu betätigen. Die Motivationen für das Heimwerk waren in der Vergangenheit unterschiedlich – als Gerrit Rietveld 1934 seinen spartanischen, günstigen Military-Chair herausbrachte, war dies nicht Ausdruck eines alternativen ­Lebensstils, keine Modeerscheinung, ­sondern ein pragmatisches Angebot in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Heute sind es vor allem zwei Motive, die dazu führen, dass Menschen ihre Möbel selber bauen, ihre Marmelade selber köcheln und ihre Radieschen selber pflanzen. Es ist die Skepsis vor den ­unabsehbaren Winkelzügen der globalisierten Wirtschaft, aber auch die Freude daran, selber etwas gestalten zu können. Dass dabei die Schönheit im klas­sischen Sinn auf der Strecke bleibt, ist eine andere Sache – aber Ästhetik ist nun mal Geschmackssache.

In die Ausstellung ist eine offene Werkstatt integriert, Studierende der ZHDK haben dafür wöchentlich wechselnde Projekte entwickelt. Das Zürcher Designerinnenduo Kueng Caputo, das im Foyer eine grosse Holzstruktur im Sinn einer Jurte entworfen hat, begleitet die Umsetzung von Designideen im ­Eigenbau.

Bis 31. Mai.

www.museum-gestaltung.ch

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