Die ausgezeichnete Kasachstan-Recherche

Markus Häfligers Artikelserie über die «Kasachstan-Affäre» gilt als Lehrstück der Sonderklasse. Dafür erhält der heutige TA-Bundeshausredaktor den Zürcher Journalistenpreis 2016.

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Anfang 2015 hatte Markus Häfliger, heute Bundeshausjournalist des «Tages-Anzeigers», einen Stein ins Rollen gebracht. Im «NZZ»-Artikel berichtete er über die Lobbying-Praktiken der kasachischen Regierung. Datenjournalist Thomas Preusse hatte dazu Zehntausende von Mails ausgewertet. Akribisch genau zeigt Häfliger in seinem Artikel, wie Ex-Botschafter Thomas Borer Nationalräte zu beeinflussen versucht hat, im Sinne der kasachischen Regierung tätig zu werden. Der Begriff «Kasachstan-Affäre» war geboren, die Verstrickungen der Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder das Gesprächsthema schlechthin. Für diese Artikelserie werden Häfliger und Preusse deshalb mit dem diesjährigen Zürcher Journalistenpreis geehrt.

Häfliger gelang es darüber hinaus aufzuzeigen, dass die «Kasachstan-Affäre» nur exemplarisch für die Art steht, wie heute politische Entscheide gefällt werden – und wie sehr es diesbezüglich an Transparenz mangelt. Das blieb nicht ohne Wirkung. Jurymitglied Susan Boos sagt: «Die Recherche von Häfliger und Preusse hat viel ausgelöst. Es ist ein Lehrstück der Sonderklasse.» Oder, um das Bild des rollenden Steins wieder aufzunehmen: Die beiden Journalisten lösten einen Steinschlag aus; bald müssen sich Lobbyisten im Bundeshaus registrieren lassen.

Nüchterne Integrationsgeschichte

Mit Paula Scheidt wird eine zweite Journalistin geehrt, die für ein Produkt von Tamedia tätig ist. Die «Magazin»-Reporterin erhält die Auszeichnung für ihren Artikel «Schweizer Familie». Darin erzählt sie die Geschichte von Ezmari Nabizadeh, 21, geflüchtet aus Afghanistan. In der Schweiz hat der vorläufig Aufgenommene bei einem Rentnerpaar in der Nähe von Baden ein neues Zuhause gefunden. Scheidt fokussiert in ihrer Reportage bewusst auf Nabizadehs Leben. Er macht eine Lehre, hat Schweizer Freunde, treibt Sport. Es ist die nüchterne Erzählweise, welche die Jury beeindruckt hat.

Laut Laudator Alain Zucker verkommen viele Artikel aus diesem Themenbereich zum Sozialkitsch. «Die Kraft dieser Geschichte – und ihre Wirkung auf die Leser – liegt hingegen in ihrem zurückhaltenden, aber genauen Erzählstil.»

Präzise Spurensicherung

Die dritten Preisträger zeichnet eine höchst präzise journalistische Spurensicherung aus. Der freie Journalist Federico Franchini und Hannes Grassegger, freier Journalist und «Magazin»-Reporter sowie «Reportagen»-Gründer Daniel Puntas Bernet haben in ihrem «Reportagen»-Artikel «Afrikanisches Blutgold schmelzen und Chef von Unicef Deutschland sein – kein Widerspruch?» (Nr. 26) Puzzleteile an Informationen zusammengeführt, über die dreckige Goldherstellung im Kongo bis hin zu jenen über den edlen Endabnehmer, einen deutschen Philanthropen.

Der Preis für das Gesamtwerk geht heuer an Felix E. Müller, seit 2002 Chefredaktor der «NZZ am Sonntag». Er gilt für viele als der kompletteste Chefredaktor überhaupt: einer mit breitem Horizont, exzellentem Netzwerk, ein Motivator und diskreter Antreiber, der es geschafft habe, sein Blatt als eigenständige Marke zu positionieren.

Die Arbeiten der Preisgekrönten haben sich gegen rund 180 eingereichte Beiträge durchgesetzt. Eine fünfköpfige Jury hat sie in einem mehrstufigen Verfahren ausgewertet. Der Preis wird seit 1981 verliehen und ist mit je 10'000 Franken dotiert.

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