Dichterstress

«Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel über Beef, «Bauernbashing» und gestohlene Gänse.

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Xymna Engel

Deutschland leidet unter Dichterstress: Was wurde in den letzten Wochen öffentlich gereimt und gedisst! Ja, es gab so richtig Beef, würde Bushido sagen. Dabei tobt der Streit für einmal nicht zwischen seinen rappenden Fachgenossen Kollegah und Fler (Wir erinnern uns an geistreiche Zeilen wie: «Überleg ma: Warum wurdst du im Heim geparkt? / Wahrscheinlich lags daran, dass du schon immer scheisse warst»), sondern zwischen deutschen Bauern und dem Bundesumweltministerium. Und irgendwie scheint der Begriff Beef hier noch besser zu passen als zu jedem verbalen Schlagabtausch zwischen Anhängern der Krass-Mann-Fraktion. Aber von vorn.

Um die deutschen Bauern zu ermutigen, umweltverträglich zu wirtschaften, initiierte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vor einigen Wochen eine PR-Kampagne mit guten Absichten. Elf «neue Bauernregeln» wurden ausgedacht und in heimeliger Stickschrift auf grosse Plakate gedruckt. Da war dann zum Beispiel zu lesen: «Ohne Blumen auf der Wiese gehts der Biene richtig miese.» Oder: «Steht das Schwein auf einem Bein, so ist der Schweinestall zu klein.» In einer Zeit, in der Google Goethe den Rang abläuft, muss man diese Reimeskunst erst mal wirken lassen.

Schnell kam hingegen die Reaktion des Deutschen Bauernverbands: Die Bauernregeln seien eine «inhaltliche Bankrotterklärung». Kommentatoren diagnostizierten «Bauernbashing» und «staatliches Mobbing», der Landwirtschaftsminister forderte von Hendricks eine Entschuldigung, und Gitta Connemann, stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion im Bundestag, sprach auf Facebook von einer «Negativkampagne» und attackierte diese mit ihren eigenen Waffen: «Spricht die Hendricks über Bauern, bekomme ich das kalte Schauern.» Und auch der Bauernverband übte sich im Schüttelreim: «Ist zu schwach das Argument, macht der Reim das Regiment.» Das Ministerium verteidigte sich gegen die Kritik, man wolle natürlich keinen Berufsstand diffamieren, sondern lediglich auf humorvolle Art auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen. Ja, und so flogen die Vorwürfe wochenlang hin und her wie ein Kuhschwanz an einem fliegenreichen Sommernachmittag.

Die armen Tiere aber, die gingen ob der ganzen Debatte total vergessen. Zum Glück setzte sich für sie zur gleichen Zeit jemand an einem anderen Schauplatz ein, und zwar im beschaulichen Limburg. Dort beschwerte sich eine Veganerin bei der Stadt über das Glockenspiel des Rathausturms. Eines der gespielten Lieder ist dort nämlich «Fuchs, du hast die Gans gestohlen» mit der Liedzeile: «Gib sie wieder her / Sonst wird dich der Jäger holen / mit dem Schiessgewehr.» Die Veganerin wollte mit ihrer Beschwerde das negative Bild des Fuchses korrigieren. Der Limburger Bürgermeister, der tatsächlich Marius Hahn heisst, strich das Kinderlied daraufhin aus dem Programm des Glockenspiels. Aber nicht, ohne die Diskussion zuvor während einer Büttenrede aufs Korn zu nehmen: «Der Hahn, der Hahn, der ist nicht vegan – und sagt ganz unverhohlen: Der Fuchs, der hat die Gans gestohlen.» Und es kam, wie es kommen musste: In den folgenden Tagen lief das Telefon heiss, es gab Beschimpfungen und Rücktrittsforderungen, und auch über die Veganerin rollte in den sozialen Netzen eine Welle des Hasses. Mittlerweile hat sich in den ganzen Hype auch noch die Tierrechtsorganisation Peta eingeschaltet. Ihr geht der Schritt, das Stück aus dem Glockenspiel-Programm zu nehmen, noch nicht weit genug.

Dem Bürgermeister bleibt derweil nur zu sagen: «Ich habe es nett gemeint». Da hat es sich wohl ausgereimt.

Der Bund

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