Im Viererfeld entsteht ein Quartier, Stadt wird das nicht

«Nie mehr Brünnen!» So lautet das nie genannte Motto des Wettbewerbs Viererfeld. Für richtig urbanes Leben wird im Viererfeld trotzdem zuwenig los sein.

Hier wird ein Quartier entstehen, Stadt wird das nicht: Stadtplaner Mark Werren mit Plan und Modell vom Viererfeld.

Hier wird ein Quartier entstehen, Stadt wird das nicht: Stadtplaner Mark Werren mit Plan und Modell vom Viererfeld.

(Bild: Andreas Blatter)

«Nur wenn die Dichte der Besiedlung ein gewisses Minimum nicht unterschreitet, finden gute Läden, kleine und grosse Restaurants, Spezialdienste, Kleingewerbe, Ärzte Voraussetzungen, die ihre Existenz erlauben. Erst dadurch wird das Quartier interessant, und die Vielfalt des städtischen Lebens wird gewährleistet.» Geschrieben 1972, gemeint war Brünnen. Man wusste also damals, was man wollte: städtisches Leben. Fast 40 Jahre später wird «ausgewogene räumliche Dichte, bauliche, ökologische und soziale Vielfalt» angestrebt. Also sprach 2019 Berns Finanzdirektor Michael Aebersold, diesmal vom Viererfeld.

«Dichte» heisst das Zauberwort. Von ihr hats immer zu wenig, darum entsteht statt Stadt Agglomeration. So wie Brünnen. Sorgfältig geplant, vorbildlich umgesetzt und am Schluss – ja was? Stadt ists jedenfalls nicht. Nie mehr Brünnen! Das ist das nie genannte Motto des Wettbewerbs Viererfeld. Im Gegenteil, einen «Leuchtturm der zeitgemässen Stadtentwicklung» hat uns Alec von Graffenried versprochen. Offensichtlich weiss er, wie Stadt geht. Nicht er allein, wir alle wissen das, wir habens ja besichtigt. In Italien etwa, wo wir dem abendlichen Corso zuschauten in jenem Wunderstädtli in Umbrien. So urban!

Das machen wir im Viererfeld jetzt auch. Wirklich? Ein weniger romantischer Blick auf die Dichte ist heilsam. 1200 Wohnungen sollen im Viererfeld entstehen für 3000 Leute, macht 2,5 pro Stück. Das ist dichter als sonst in der Stadt. Führt das aber auch zu Ereignisdichte, Kontaktdichte, zu urbaner Dichte gar? Brauchte es da nicht viel mehr Leute pro Quadratmeter – so wie im umbrischen Wunderstädtli, wo die Bewohner ein Viertel des Wohnraums haben, also viermal so dicht leben? Kommt dazu: Dicht ists dort im Zentrum, auf der Piazza. Nur dort. Darum hat das Preisgericht des Wettbewerbs mit Recht seine Bedenken: «Das Mass der Zentrumsfunktionen und publikumsorientierten Nutzungen darf an dieser Lage allerdings nicht überschätzt werden.»

Vor 200 Jahren hätten wir's aus Sandstein gebaut, richtig bernisch.Benedikt Loderer

Andersherum: Es wird im Viererfeld ein Quartier entstehen, Stadt wird das nicht. Jedenfalls nicht die, von der wir so unbedarft reden. Trotzdem, der städtebauliche Entwurf für das Viererfeld hat das Zeug, etwas zu werden. Es gibt eine zweimal geknickte, geschlossene Hauptgasse, es gibt je eine Aussicht aufs Engeschulhaus und das Burgerspittel-Hochhaus, es gibt zwei gefasste Plätze, kurz der Städtebau stammt aus dem Werkzeugkasten der Stadtbaukunst, wie sie um 1900 blühte. «Robustes Muster» nennt das die Jury. Es ist ein städtebauliches Gefäss, raumbildend, und genau darauf kommt es an. Denn der Stadtraum ist es, der in Brünnen fehlt. Darüber hinaus: Die kleinteilige Körnung der Gebäude erlaubt eine vielfältige Mischung; dies allerdings nur, wenn kommerzielle Einfalt und politische Ungeduld daraus keine grossen Baufelder machen.

Wenn wir heute von Stadt reden, so hat das mit Sehnsucht zu tun. Wir wollen etwas Echtes, Unverwechselbares, Erinnerungswürdiges, Postkartentaugliches. Kein Brünnen. Das Viererfeld soll einen eigenen Charakter haben. «Identität» heisst das auf Neusprech. Vor 200 Jahren hätten wirs aus Sandstein gebaut, richtig bernisch, unterdessen denkmalgeschützt. So etwas trauen wir uns heute kaum noch zu. Nein, das Viererfeld soll abwechslungsreich, vielfältig und lebendig werden: 30 Häuser von 50 Architekten. Bauten wir nicht gescheiter mit Sandstein? Nötig jedenfalls ist Stadtbaukunst.

Benedikt Loderer lebt als Stadtwanderer und Architekturkritiker in Biel. Er ist Mitglied des «Baustelle»- Kolumnenteams.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...