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«Der Wert der Clubmusik wird heute höher geschätzt»

Warum die Clubkultur auch heute noch für Diversität steht erzählt Till Hillbrecht im Interview.

Till Hillbrecht gestaltet das Programm für die Dampfzentrale.
Till Hillbrecht gestaltet das Programm für die Dampfzentrale.
zvg

Sie gestalten das Clubprogramm der Dampfzentrale, sind aber auch als Produzent und DJ tätig. Sehnen Sie sich nach einer anderen Clubkultur?

Mich interessieren Entwicklungen, die eher in die Zukunft zielen als die Vergangenheit kopieren. Trotzdem würde ich gerne in der Zeit zurückreisen und an einem Rave im England der 80er-Jahre teilnehmen. Die wurden illegal in Lagerhäusern veranstaltet und hatten eine ganze andere, auch eine politische Bedeutung. Das Kräftefeld zwischen Politik und Clubkultur ist ohnehin ein faszinierendes Thema.

Auch heute noch?

Ja, nehmen wir etwa das Bassiani, den Technoclub im georgischen Tiflis. Er bot dort lange einen wichtigen Freiraum und Schutz vor Homophobie, Rassismus oder Nationalismus. Als er rechtliche Probleme bekam, versuchte die Regierung, diesen Freiraum zu schliessen, wogegen weltweit an Protest-Raves demonstriert wurde. Heute ist er zumindest temporär wieder offen.

Eignet sich elektronische Musik gut, um unsere Aufmerksamkeit zu bündeln?

In der Regel steht Clubkultur auch heute noch für Diversität. Das kann auch kurios werden, wenn wir im Westen eine neue südafrikanische Dancefloor-Bewegung feiern, aktuell etwa den tollen Musikstil Gqom. Allerdings: Wenn wir diese Künstler zu uns an ein avantgardistisches Festival einladen und sie sozusagen in unserem Kunstkontext betrachten, muss das nicht unbedingt funktionieren.

Wovon lassen Sie sich leiten, wenn Sie programmieren?

Anders als beim Auflegen musste ich erst lernen, dass es nicht um meine Lieblingsmusik geht. Sondern etwa um Aktualität, oder ob etwas nur in der Dampfzentrale stattfinden könnte und muss. Ich geniesse die Spielräume der subventionierten Clubkultur und verstehe es als Aufgabe, in der Dampfzentrale Abende zu ermöglichen, die meiner Meinung nach in der Hauptstadt stattfinden müssen, auch wenn sie nur Nischen bedienen. Ebenso wichtig ist die Vielfalt. Homogenität interessiert mich einfach nicht.

Setzt sich die Clubmusik als förderungswürdige Sparte durch?

Glücklicherweise immer mehr. Wir planen unter anderem in der Dampfzentrale, auch unsere künstlerische Vermittlungsarbeit in diese Richtung auszuweiten. Man schätzt den Wert der Clubmusik höher, Stiftungen und Kulturämter sprechen heute auch Gelder für Musiker, die am Laptop stehen. Denn die Clubmusik verschiebt sich ja auch in Galerien, an Offspaces oder an Orte, wo sonst gar nichts stattfindet. Das ist meistens gut, aber oft liegt darin auch der Versuch, die Coolness vom Clubsetting für etwas anderes zu missbrauchen.

In Kleiderläden?

Ja, oder in einem Müsligeschäft, wo samstagnachmittags jemand auflegt. Da habe ich jetzt nicht das Gefühl, es ist besonders stimmungsvoll.

Nun wollen Sie in der freischwebenden Kunsthalle-Bar ein «Clubsetting als Grenzerfahrung» stiften, und zwar, indem «alle Elemente möglichst günstig zueinander stehen». Was genau hecken Sie aus?

Es geht ganz allgemein um die Begünstigung von kollektiver Aufmerksamkeit. Wie schaffen wir eine Stimmung, in der möglichst wenige nur an der Bar etwas trinken und miteinander quatschen? Dafür konnten wir die Luzernerin Martina Lussi gewinnen, die sich live an repetitiver Minimal Music aus den 70ern und 80ern orientiert und viele Konventionen bricht. Oft entsteht im Club die Gemeinschaftlichkeit allein durch vorhersehbare Musik, und alle werfen euphorisch die Hände in die Luft. Aber gemeinsame Aufmerksamkeit und Euphorie müssen auch anders zu erzeugen sein.

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