Der Wald im Stadion warnt vor der Klimakatastrophe

Mit einer gewaltigen Kunstinstallation in Klagenfurt kämpft der Basler Kurator Klaus Littmann gegen Umweltzerstörung.

Ein Mischwald ziert das Wörthersee-Stadion in Klagenfurt. Foto: Keystone

Ein Mischwald ziert das Wörthersee-Stadion in Klagenfurt. Foto: Keystone

Christoph Heim

300 wunderschöne Bäume wachsen auf dem Spielfeld des Klagenfurter Wörthersee-Stadions. Die riesige Installation des Basler Künstler-Kurators und Kunstmanagers Klaus Littmann ist ein Mahnmal, das daran erinnern soll, was wir verlieren, wenn die Zerstörung der Natur fortschreitet.

«For Forest», wie der Titel des Werks heisst, versteht sich als Kunst. Durch die radikale Umwidmung eines Fussballstadions in einen Zoo für Bäume wird der gewohnte Blick auf die Wirklichkeit gestört. Das Stadion mit seinen Tribünen mutiert zu einem Schutzwall, und mindestens aus der Vogelperspektive wirkt es wie ein gewaltiger, silbern glänzender Rahmen für die grüne Pracht in der Mitte.

Wie ein Schutzwall: Blick von oben. Foto: For Forest

Das Gebäude am Stadtrand wurde für die Fussball-Europameisterschaften von 2008 errichtet und hat Platz für 30'000 Personen. Seither steht es meist leer. Die Kärntner Hauptstadt hat keine Fussballmannschaft, die eine solche Spielstätte erforderte. Und das modernste Stadion Österreichs wurde hier auch nicht zum Katalysator eines Fussballbooms, wie man das von den neuen Stadien in Basel oder Bern sagen kann.

Klassische Fehlplanung

Das Klagenfurter Stadion ist eine klassische Fehlplanung. Es ist dem Grössenwahn von Jörg Haider zu verdanken, dem einstigen Landesobmann der Freiheitlichen, wie die Nationalkonservativen in Österreich sich nennen. Auf Kosten der Steuerzahler liess er sich ein 92 Millionen Euro teures Denkmal bauen. Und wen erstaunt es? Die grössten Gegner einer Begrünung des Stadions stammen aus den Reihen der FPÖ.

Inzwischen regieren aber die Sozialdemokraten in Klagenfurt und haben mit dem piekfeinen Stadion ihre liebe Mühe. So liegen die Schuldzinsen schwer auf der Staatskasse, und niemand weiss so richtig, wie man eine derartige Spielstätte ohne Fussball, aber mit Kultur, Events und Eventkultur sinnvoll betreibt.

Da kam Littmann gerade richtig. Er suchte seit Jahrzehnten ein Stadion für sein Waldprojekt, das auf einer Zeichnung des Wiener Künstlers Max Peintner beruht. Littmann sagt, ihm gehe das Bild vom Stadionwald nicht mehr aus dem Kopf, seit er in den Achtzigerjahren Peintners Zeichnung «Die ungebrochene Anziehungskraft des Waldes» erstmals gesehen habe.

Max Peintner: «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur», 1979/71.

Die Zeichnung des Wiener Künstlers schildert eine apokalyptische Szenerie: Vom oberen Rand eines Fussballstadions, das bis auf die letzten Sitze besetzt ist, blickt man auf einen Wald herab, der anstelle von Fussballern das Spielfeld besetzt. Am Horizont hinter dem Stadion macht sich die Skyline einer Grossstadt breit, sie ist dicht bepackt mit modernen Hochhäusern.

Im Vordergrund stehen zwei Männer im Anzug als Rückenfiguren, die auf den Wald hinabschauen. Vielleicht sind sie die Organisatoren des Spektakels, das mitten in einer völlig zubetonierten Welt die letzten paar Bäume präsentiert? Sie scheinen gutes Geld verdient zu haben, jedenfalls scheint auch für künftige Menschen, die womöglich Eintritt für das Spektakel bezahlten, die Anziehungskraft der Natur von ungebrochener Kraft.

Mischwald von ausgesuchter Schönheit

Wir Heutigen sind noch nicht so weit, wie diese Dystopie es schildert, auch wenn die Zerstörung der Erde und ihrer Ressourcen mit Riesenschritten vorankommt. Aber kaufen sich inzwischen nicht die Reichen schon Grundstücke in Norwegen, um dereinst der drohenden Dürre in Mitteleuropa zu entfliehen?

Beim Betreten des Wörthersee-Stadions fühlt man sich wie in einer anderen Welt: Statt einer eintönigen Rasenfläche, die sich ja erst mit den Fussballern belebt, erhebt sich vor uns ein Mischwald von ausgesuchter Schönheit.

Bis zu 18 Meter hoch sind die Bäume im Stadion. Bild: Keystone

Mehr als zwei Dutzend verschiedener Baumsorten wurden hier gemischt und gruppiert, sodass ein in allen Grüntönen flimmerndes, lichtes, überaus filigranes und hinreissendes Naturschauspiel entsteht. Bäume vom Feinsten, Buchen und Eichen, Pappeln und Birken, Eschen und Föhren, um nur die bekanntesten zu nennen.

Obwohl der Wald auf dem Fussballplatz eine erstaunliche Tiefe erreicht und Littmanns Gärtner, der in Rapperswil domizilierte Landschaftsarchitekt Enzo Enea, nicht nur 300 Bäume mit einer durchschnittlichen Höhe von 17 bis 18 Metern herbeischaffen liess, sondern auch noch den Waldrand mit Farnen und Gräsern bepflanzte, entsteht keine mächtige, den Besucher beinahe erdrückende Blätterwand. Hier triumphiert das Naturschöne über das Kunstschöne, um mit Kant zu sprechen.

Stadion als Zufluchtsort

Der Wald auf dem Spielfeld, umgeben von der riesigen Betonkonstruktion der Tribünen, hat zudem etwas Mitleiderheischendes. Das Stadion wird zum Zufluchtsort einer aus unseren Lebens- und Wirtschaftsräumen vertriebenen Natur. Wir gehen hier nicht in den Wald zur Erholung, stattdessen sucht der Wald im Stadion seine Erholung.

So gesehen, hat das Forstprojekt im Stadion etwas Aufklärerisches, ja Kämpferisches im Sinne der Umweltbewegung, wenngleich das Heranschaffen und Aufstellen der natürlichen Pracht, die man in Baumschulen in Bologna, Belgien und Norddeutschland fand, auch einiges an Kohlendioxid freigesetzt haben dürfte.

Was ist mit den Bäumen geplant? Nach der zwei Monate dauernden Ausstellung im Stadion, die sich übrigens zum grössten Teil den grosszügigen Spenden eines kunstsinnigen Basler Bürgertums verdankt, geht der Wald als Geschenk an die Stadt Klagenfurt. Mit ihm soll ein freies Grundstück aufgeforstet werden. In den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten soll er Kohlenstoff binden, Sauerstoff in Hülle und Fülle produzieren und nicht zuletzt durch sein Dasein die Leute erfreuen.

FOR FOREST - Media Reel (with English interview) from FOR FOREST on Vimeo.

Blicken Sie hinter die Kulissen, wie der Wald ins Stadion kam. Video: Vimeo

Kunstprojekt «For Forest» in Klagenfurt, bis zum 27. Oktober täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Eintritt frei.

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