Der Insider der Aussenseiter

Er war Pionier, Förderer und Vollstrecker der frühen Schweizer Gegenkultur. Jetzt ist Urban Gwerder mit 72 Jahren gestorben.

Er inspirierte die Bewegung: Urban Gwerder (1944–2017). Foto: Keystone / Ayse Yavas

Er inspirierte die Bewegung: Urban Gwerder (1944–2017). Foto: Keystone / Ayse Yavas

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Es gibt auf Youtube ein einziges Video von Urban Gwerder; eine Tatsache, über die er selber vermutlich sanft gelächelt hätte. Er stammte aus einer anderen Zeit und machte die Dinge auf seine eigene Weise, und wenn er der Öffentlichkeit nichts zu sagen hatte, dann war er halt nicht da. So ging er zuletzt ein bisschen vergessen, und so dauerte es jetzt zweieinhalb Wochen, bis die Nachricht von seinem Tod die Redaktion erreichte. Wie sein Sohn gestern bestätigte, ist Urban Gwerder, diese zentrale Figur der Schweizer Gegenkultur in den Sechzigerjahren, am 4. Juli gestorben.

Er stammte aus dem schwyzerischen Muotatal, lebte und arbeitete aber die meiste Zeit seines Lebens in Zürich. Hier sei er «halb auf der Gasse»aufgewachsen, hat er gerne gesagt, «sie war meine erste Uni und hat mich rasch von allen Obrigkeiten frei gemacht». Ja, Urban Gwerder mit seinen zeitlebens langen Haaren war ein Beatnik, ein Freak, ein Hippie, je nach gerade gängiger Zuschreibung. Vor allem aber war er ein Schreiber und Selbermacher, der, wohl ohne das zu beabsichtigen, für viele seiner Zeitgenossen den Spirit und das Lebensgefühl der Sechziger und Siebziger erschrieb und auch vorlebte. Das ist sein Vermächtnis, das ein grosses ist, auch wenn sein «Werk», gemessen an kanonisierten Artefakten, ein kleines blieb.

«Macht nicht mehr mit», so eröffnete Gwerder einen seiner Texte in ­«Hotcha!», einer Untergrundzeitschrift, die er mit Freunden in Eigenproduktion und selbstverständlich ohne Inserate zwischen 1968 und 1971 herausgab, in je nach Quelle 58 oder 61 Ausgaben (eine hiess «Hoppla!»). Und: «Braucht eure Fantasie – die anderen haben keine & kommen rasch ins Schwimmen. Lasst euch nichts mehr vorsetzen (auch kein Hair, Woodstock, V-Zeichen, keine Pop-Boutiquen etc.), denn ihr seid immer die Ausgenützten & Ausgelachten. Macht alles, was ihr könnt, selber.» Ganz aus der bürgerlichen Logik auszusteigen, das war das Weigerungscredo dieses Künstlers, das er geradezu militant menschenfreundlich und humorvoll vertrat.

Auf Multimedia-Tournee

Ob als Alphirte – wie er die Jahre von 1974 bis 1992 verbrachte – oder als Schreiber und Künstler: Urban Gwerder machte tatsächlich selber, was er konnte. Er schrieb Gedichte, sein Debüt «Oase der Bitternis» erschien 1962 im Zürcher Arche-Verlag. Er machte einen Film mit dem jungen Fredi M. Murer («Chicorée», 1966) und ging mit einem multimedialen Poetry-Happening namens «Poëtenz» auf Tournee. Für «Hotcha!» arbeitete er mit jungen Schweizer Künstlern wie HR Giger, David Weiss oder Anton Bruhin zusammen, organisierte und übersetzte aber auch Beiträge aus dem amerikanischen Untergrund – etwa von Robert Crumb, Gilbert Shelton oder Ed Sanders (The Fugs). Und natürlich von Frank Zappa: Von 1973 bis 1975 gab Gwerder das Fanzine «Hot Raz Times» heraus, mit Material direkt aus Zappas Archiv, das er betreute.

Mit seinen europaweiten und amerikanischen Kontakten, aber auch mit Texten über Black Power, Free Jazz oder Indianerkultur war Gwerder einer der wichtigsten Netzwerker der Gegenkultur in unserem Land. Diese Szene habe zu Beginn aus losen Aussenseitern bestanden, hat er erzählt, «und ich durfte dann das Heranwachsen einer Bewegung erleben». Was gewiss eine grobe muotatalerische Untertreibung ist: Denn viele würden sagen, Urban Gwerder habe die Bewegung erst zusammengeführt. Ganz ohne Social Media, nur mit einer schlechten Schreibmaschine, für die er in jeder Ausgabe von ­«Hotcha!» erfolglos nach Ersatz fragte.

Podiumsdiskussion mit Urban Gwerder zum Thema«LSD und die Gegenkultur der sechziger Jahre in Europa». Quelle: Youtube/gaiamedia (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2017, 18:41 Uhr

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