Der Bilderstürmer

Der Basler Künstler Rémy Zaugg erschuf ein einzigartiges Werk von Schriftbildern. Nun ist dieses im Kunstmuseum Basel zu sehen.

Knallbunt: Rémy Zauggs «Schau, ich bin blind, schau.» Foto: © Kunstmuseum Basel. Schenkung Hans-und-Monika-Furer-Brunner-Stiftung

Knallbunt: Rémy Zauggs «Schau, ich bin blind, schau.» Foto: © Kunstmuseum Basel. Schenkung Hans-und-Monika-Furer-Brunner-Stiftung

Christoph Heim@bazonline

Ihm war nichts wichtiger, als seine Bilder zum Reden zu bringen. Nun ist Rémy Zaugg Teil der Sammlung des Kunstmuseums Basel. 24 Werke umfasst das Geschenk des Basler Anwalts Hans Furer und seiner Frau Monika. Verdankt wird es mit einer Ausstellung im Neubau des Museums, die nicht nur einen guten Einblick gibt in die vier Jahrzehnte umfassende Sammeltätigkeit des Ehepaars, sondern dem Kunstmuseum einen spektakulären Primeur verschafft.

So gab es, wie Direktor Josef Helfenstein an der Pressekonferenz feststellte, im Museum noch nie eine Fotografie von Robert Mapplethorpe zu bestaunen. Nun sind es sogar fünf, darunter zwei frühe von Patti Smith.

Primeur im Basler Kunstmuseum: Eine Fotografie von Robert Mapplethorpe, die Patti Smith 1976 zeigt. Foto: © Sammlung Hans und Monika Furer

Die realistischen Mapplethorpe-Fotos tanzen im Kontext dieser von Konzeptkunst geprägten Sammlung aber ziemlich aus der Reihe. Denn ausgehend von Rémy Zaugg, mit dem die Furers eng befreundet waren, wurden nach und nach Werke von Thomas Ruff, On Kawara, Laurence Weiner und Sol Le Witt erworben. John Baldessari kam dazu, Alighiero Boetti und andere folgten.

Tragischer Tod

Im Zentrum der Sammlung steht aber Rémy Zaugg, der 1943 in Courgenay geboren wurde und in Basel und Mulhouse wohnte und arbeitete. Zaugg beschäftigte sich zeitlebens mit konzeptionellen Fragen der Malerei und schuf ein einzigartiges Werk von Schriftbildern und unzähligen Aufsätzen und Texten, die inzwischen in einer zehn Bände umfassenden Ausgabe vorliegen. Er war auch mit den Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron sehr gut befreundet, die ihm sein Atelier in Mulhouse bauten.

Nach dem Tod des Künstlers im Jahr 2005 gelangten seine Bilder in eine Stiftung, über deren Ausrichtung sich Zauggs Witwe Michèle und seine Tochter Pascale nicht einig wurden. Der lang schwelende Streit endete tragisch: 2014 wurde Michèle tot aufgefunden. Die Hauptverdächtige ist Tochter Pascale, die inzwischen in einer psychiatrischen Anstalt in Frankreich festgehalten wird. Beim Prozess 2016 wurde sie für schuldunfähig erklärt. Über den Verbleib eines Grossteils des Nachlasses herrscht nach wie vor Unklarheit.

Bilder aus Worten

Die Schenkung umfasst im Wesentlichen drei Werkgruppen: In den 1960er-Jahren hat Zaugg ein Landschaftsbild von Paul Cézanne auf Dutzenden von Blättern mit Worten beschrieben. Er hat dabei jeden Grashalm, jedes Blatt, jeden Hügel und jeden Dachziegel wortwörtlich zur Sprache gebracht. Diese «Perzeptiven Skizzen», die nun zwei Wände in der Ausstellung in Anspruch nehmen, wirken wie das Protokoll eines Scheiterns. Es wird offensichtlich: Mit Sprache kommt man dem Bild einfach nicht bei.

Protokoll eines Scheiterns: Rémy Zauggs «Entstehung eines Bildwerks, Perzeptive Skizzen», 1963–1968. © Kunstmuseum Basel, Schenkung Hans-und-Monika-Furer-Brunner-Stiftung

Zaugg arbeitete weiter an der Dekonstruktion des Bildnerischen. Er wählte den Schritt ins Grosse. Mit seiner Frau Michèle, einer ausgebildeten Grafikerin, bemalte er weisse Leinwände, auf denen die beiden in schwarzen Grossbuchstaben maximal reduzierte, an konkrete Poesie erinnernde Wortfolgen setzten: «Ein Bild (ein Wort)» heisst es da. Oder «Vorbei Nichts, eine Leere. Ein Bild».

Rémy Zaugg: «Für ein Bild Nr. 15», 1986/1987. © Kunstmuseum Basel, Schenkung Hans-und-Monika-Furer-Brunner-Stiftung

Eine weitere Werkgruppe macht das Bild zum Sender der Texte, die an ein anonymes Du beziehungsweise den Betrachter gerichtet sind. Da steht auf sechs knallbunten Quadraten in farblich kontrastierenden Lettern zu lesen: «Schau, ich bin blind, schau.»

Steigert das Ansehen des Künstlers Rémy Zaugg: Blick in die Basler Ausstellung. Foto: Julian Salinas

Für den Anwalt, Politiker und Sammler Hans Furer war die Pflege von Zauggs Nachlass eine Herzensangelegenheit. Er tut alles, um das Ansehen des seiner Ansicht nach unterschätzten Basler Künstlers zu heben. In den letzten Jahren warfen zwei grosse, von Furer initiierte Ausstellungen im deutschen Siegen und in Madrid einen umfassenden Blick auf Zauggs Schaffen. Die Basler Museumsausstellung ist Teil dieser Künstlerpflege.

So schiessen in der Ausstellung gleich mehrere Geschichten zusammen: Zum einen geht es um die Steigerung des Ansehens des Künstlers und des Werts seiner Bilder. Zum andern um die Nobilitierung der bürgerlichen Schenker, die nun zum erlauchten Kreis der Wohltäter des Museums gehören. Zum Dritten erleben wir ein Kunstmuseum, das sich sehr reserviert zeigt, weil es weiss, dass es instrumentalisiert wird. Man hat sich im Museum am St.-Alban-Graben jedenfalls sehr viel Zeit gelassen, bis man dem zielstrebigen und beharrlichen Anwalt Furer die Tore geöffnet hat.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel dauert bis zum 1. Dezember.

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