Den stürmischen Ritt heil überstanden

Mit dem Segelschiff fahren Harald Reichenbach und seine Crew um die Welt und verwandeln Plastikabfall in Kunstwürfel. Regelmässig berichtet der Berner von der Etappe durch den Indischen Ozean.

Auf der Reise: Harald Reichenbach und seine Crew.

Auf der Reise: Harald Reichenbach und seine Crew.

(Bild: zvg)

Was für eine Labsal! Zum ersten Mal seit dem Start unserer Reise in Oman ist das Wetter angenehm kühl. Hier in Port Louis, der Hauptstadt von Mauritius, ist es tagsüber maximal 26 Grad. Wir liegen im Hafen gleich neben einem ziemlich herausgeputzten Fünfternhotel. Aber es gibt auch eine andere Seite: Auf Mauritius versinken nicht nur öffentliche Strände zum Teil im Müll, auch abgelegene Wanderwege offenbaren leider schonungslos die Spuren des Massentourismus.

Auch ich persönlich musste mich mit Spuren der Verwüstung herumschlagen: Soeben habe ich einen Termin beim Zahnarzt bekommen, weil meine Zahnprothese beim Essen buchstäblich auseinandergebrochen ist. Ich habe glücklicherweise eine Ersatzprothese bei mir – Segler haben für alles Ersatz auf dem Schiff, weil so vieles kaputtgehen kann.

Vor zehn Tagen sind wir nach einem stürmischen Ritt im Inselstaat im Südwesten des Indischen Ozeans angekommen. Die ersten Tage auf See waren wirklich anstrengend, es windete sehr stark, heftige Böen traktierten unser Schiff, und dann liessen die gigantischen Cumuluswolken den Regen ausgiebig auf uns niederprasseln. Begleitet hat uns auf dieser Etappe der Berner Filmemacher Dodo Hunziker, der einen Dokumentarfilm über das «G-Cubes»-Projekt dreht. Er kam natürlich während der stürmischen Fahrt zu spektakulären Bildern, und auch die bereits zweimal gescheiterte Aufnahme des Schiffes aus der Luft mithilfe einer Drohne gelang diesmal. Unser Segelschiff O’Deline hat alles heil überstanden, abgesehen von einem kleinen Schaden beim Vorsegel. Auf das Inselhüpfen haben wir jedoch weitgehend verzichtet, die von den Briten kontrollierten Chagos-Inseln konnten wir nicht anlaufen, ein Aufenthalt wurde uns unter Androhung von Busse und Gefängnisstrafe verweigert.

Auf den Malediven geblieben ist unser Crewmitglied Philip Trachsel. Der Lehrer aus Bern ist vor allem am Kunstprojekt «G-Cubes» interessiert. Aber er reist noch nicht zurück in die Schweiz, sondern bleibt vorerst dort, um mit Schulen Pressen zu produzieren für die G-Cubes. Philip will mit Schulen für unseren Endwürfel mindestens 600 der 1000 benötigten Cubes beisteuern. Die Rohwürfel mit dem gepressten Plastikabfall werden dann in die Schweiz geschickt, um dort in Harz gegossen zu werden. Der Endwürfel, den ich im Herbst 2020 in Bern ausstellen will – am liebsten wäre mit der Bundesplatz –, wird ausschliesslich von Schülern produziert. Unterwegs sind ja viele Kontakte mit Schulen entstanden. Philip wird deshalb in den nächsten Monaten in Schulen in Oman, Mumbai, Sri Lanka und auf den Malediven solche Pressen produzieren und Werkzeuge sowie Know-how zur Verfügung stellen.

Hier auf Mauritius sind wir wie auf den Malediven erneut während der wichtigen jährlichen Schulprüfungen angekommen. Das ist natürlich ungünstig für geplante Strandreinigungsaktionen. Aber über Kontakte konnte ich dennoch mit einer Lehrerin sprechen, und sie hat mir einen Termin bei einem hohen Beamten des Erziehungsministeriums vermittelt. Ich bin zuversichtlich, dass wir ähnlich wie auf den Malediven hier Schulprojekte anstossen, sodass später einzelne meiner Mitarbeiter herkommen und zusammen mit Schülerinnen und Schülern G-Cubes produzieren werden. Nachdem alle Endwürfel für das Kunstobjekt produziert sind, können die Schulen natürlich auf eigene Faust weitermachen und haben sämtliche Rechte an den von ihnen produzierten G-Cubes.

Am Dienstag geht die Reise weiter nach La Réunion. Die zu Frankreich gehörende Insel liegt etwa 200 Seemeilen westlich. Es wird also ein nicht allzu langer Turn werden; dort haben wir auch einige Strandreinigungsprojekte aufgegleist. Mit unserem Schiff O’Deline werden wir nun bis nach Südafrika wieder mit einem Konvoi von Schiffen der World-Arc-Weltumseglung unterwegs sein. Ehrlich gesagt: Man ist immer froh, auf hoher See Schiffe in der Nähe zu wissen für den Notfall.

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