Den Fortschritt verkaufen

Die drei grossen Bieler Museen widmen sich gemeinsam einem Thema: der Zeit. Das Gebotene ist weitläufig, doch mehr Assoziation als Analyse. Bis man im Photoforum hängen bleibt.

Die Flecken kommen von der Radioaktivität: Julian Charrières «Union – First Light», 2016.

Die Flecken kommen von der Radioaktivität: Julian Charrières «Union – First Light», 2016. Bild: Courtesy the Artist and Galerie Tschudi, Zuoz © VG Bild-Kunst, Bonn

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Fünf leere Stühle stehen im Foyer des Centre Pasquart. Wer sich setzt, sieht über die Strasse hinüber zum Haus Schwab. Wer etwas länger als acht Minuten sitzt, sieht die Sonne: Licht, das im Verlauf von Tausenden von Jahren in der Sonne entsteht, legt den Weg bis zur Erde in acht Minuten und ein paar Sekunden zurück.

Die Installation «The Last Eight Minutes: Everything We Take to Be a Constant Is Changing» des New Yorker Smudge Studio verbindet die drei Häuser am Platz – Neues Museum, Centre Pasquart und Photoforum: Das Werk macht das Publikum und seine unmittelbare, acht Minuten alte Vergangenheit zum Thema, ist zeitgenössische Kunst und im weitesten Sinne Fotografie – Licht auf einer aufnahmebereiten Oberfläche.

Signale und Assoziationen

Erstmals überhaupt spannen die drei Bieler Museen zusammen. Das sei nicht als konkretes kulturpolitisches Signal zu verstehen, sagt Bernadette Walter, die Direktorin des Neuen Museums: «Aber natürlich wollen wir das kulturelle Leben in Biel insgesamt stärken und sichtbar machen.» Geeinigt haben sie sich auf das Thema Zeit, das in der Uhrenstadt Biel naheliege, sagt Walter.

«Zeitmessung» wäre allerdings deutlich nähergelegen, Präzision hätte den Ausstellungen gutgetan. In sehr freien Assoziationsketten kommt man im Neuen Museum von einer uralten Keilschrifttafel («Zeitrechnung») zum kleinen Schwarzen von Chanel («Zeitlos»), vom Autobahnbau («Beschleunigung») zu den Landschaftsbildern von Léo-Paul Robert («Jahreszeiten»).

Parallel zur dieser, «Von Zeit zu Zeit» genannten Sammlung zeigt das Centre Pasquart eine gut besetzte, nicht minder weitläufige Ausstellung namens «Zeitspuren – The Power of Now». «Die Kraft des Jetzt» meint hier die Gegenwart und die Gegenwartskunst, selbst wenn sie die Gestalt eines Memento mori hat. Kapwani Kiwanga und Taryn Simon zum Beispiel beschäftigen sich mit den Blumengestecken, die als Raumdekoration der Hintergrund von diplomatischen und politischen Zusammenkünften sind. Fotografiert, rekonstruiert und dem Verfall überlassen, bilden sie den Grabschmuck der nur scheinbar gloriosen Geschichte.

Planetarische Symmetrie

Viele Werke in Biel sind Spuren von Performances, in ihnen ist Zeit gespeichert. Als sich der in Los Angeles lebende David Horvitz in Irland aufhielt, weigerte er sich, in die um acht Stunden verschobene Zeitzone einzutreten und behielt seinen Tagesablauf bei, was ihn natürlich vor einige praktische Probleme stellte, die er in Mails, Fotos und Tagebuchnotizen festhielt. Gerahmt kann man das ins Museum hängen.

Horvitz’ Kunst ist die Kunst eines globalen Zeitalters. In «The Distance of a Day» liess er seine Mutter den Sonnenuntergang auf der Halbinsel Palos Verdes in Kalifornien fotografieren. Er selbst reiste auf die Malediven, um dort exakt gleichzeitig ein Bild des Sonnenaufgangs zu machen. Die beiden kleinen Handybilder ergeben eine zeit-räumliche Symmetrie im planetarischen Massstab.

Wie weit Langzeit-Performances gehen können, hat Tehching Hsieh gezeigt, der sich während seiner Zeit als illegaler Einwanderer in den USA ein Jahr lang in einen Holzkäfig einsperrte. Für die in Biel gezeigte Arbeit zwang sich Hsieh, sich selbst ein Jahr lang jede Stunde mittels einer Stempeluhr zu kontrollieren, was ihn körperlich ruinierte. Solche Wiederholungen machen das Vergehen von Zeit besonders spürbar. Zum Beispiel in On Kawaras unvermeidlichen «Date Paintings» – seit 1966 pro Tag ein Bild, jedenfalls fast – oder in Peter Drehers Gemälden des immer gleichen Glases. Leer steht es da, auf weisser Tischfläche, vor weissem Hintergrund, mal am Tag, mal nachts. Wenn das Wetter gut ist, spiegelt sich ein Fenster, wenn es schlecht ist, nichts. Mehr als 5000 davon hat Dreher seit 1974 gemalt. Er verfolgt einen weit weniger konzeptuellen Ansatz als Kawara, Drehers Gläser haben etwas Existenzielles, man müsste wohl sagen: Zerbrechliches, das Kawaras Kalenderblättern, vielleicht weil sie weltberühmt sind, unterdessen fehlt.

Übersehene Überlappungen

Serielle Methodik findet sich auch im Haus Schwab, wo eine kleine altägyptische Statue ausgestellt ist. Diese Grabbeigabe, Uschbeti genannt, soll dem Verstorbenen die Feldarbeit abnehmen, und weil diese Arbeit das ganze Jahr über gemacht werden muss, liegen 365 solcher Figurinen in einem Grab, die dazugehörigen Aufseher nicht mitgezählt. Die Fayencen sind protoindustrielle Massenware, doch sind sie Kunst, Kultus oder Kommerz?

Solche Fragen sind in dem Gemeinschaftswerk der drei Häuser vielleicht gewollt, aber nicht ausgearbeitet. Angeboten dafür hätte sich das Œuvre des Westschweizers Julian Charrière, dessen erweiterte, wissenschaftlich interessierte Landschaftskunst international auf Resonanz stösst. Im Centre Pasquart hat er einen Mehrfachauftritt. Charrière zeigt das scheinbar endlose Fällen und Stürzen von Bäumen, durch radioaktive Fotos beeinträchtigte Aufnahmen vom Atombombentestgelände auf dem Bikini-Atoll oder eine Art Sanduhr, die sehr langsam geht, weil sie mit Pech gefüllt ist. Pech ist so zäh, dass es nur alle zehn Jahre einmal tropft.

Wie die in Form gegossene, geschliffene und polierte Variante des gleichen Gedankens wirkt die «Black Watch» im Neuen Museum. Sie wurde vom Künstler Patrick Bernatchez entworfen, 2010 vom Uhrmacher Roman Winiger in La Chaux-de-Fonds hergestellt und ist erstmals öffentlich in der Schweiz zu sehen. Eine Zeigerumdrehung dauert auf dieser Uhr, von der es nur zehn Exemplare gibt, tausend Jahre. Doch auch das eine Überlappung, die kaum reflektiert wird.

Hoffnung und Herrschaft

Richtig ins genussreiche Grübeln kommt man dafür im Photoforum. Dort geht es um die Ikonografie der Zeitmessung, um die Verkaufsikonografie, um genau zu sein, denn es handelt sich um Werbebilder. Zu sehen gibt es nicht Kunstfotografie auf höchstem Niveau, aber einen über Bilder vermittelten Mythos der Zeitkontrolle. Uhrenwerbung ist geprägt von Optimismus und Technikglauben: Raumfahrt, Sport, Nautik. Die Uhr signalisiert den Menschheitsfortschritt, den Aufbruch ins beherrschbare Neue.

Die Werbung verhehlt nicht einmal, dass dieses Neue vor allem ein neues Geschäftsfeld ist. Sie transportiert das mit einer Uhr verbundene soziale Prestige so einleuchtend, dass sie nur einen Zeitmesser zeigen muss, wenn sie Macht meint, oder Insignien der Macht – Männer in Anzügen –, wenn sie eine Uhr meint. Doch das Eliteversprechen nützt sich ab und wird zur Drohung: «Eine unzuverlässige Uhr kann Sie unzuverlässig machen.» Das ist die Dialektik von Hoffnung und Herrschaft, die das Business und die Weltgeschichte am Laufen hält, mit Bieler Expertise.

Neues Museum Biel: «Von Zeit zu Zeit», bis 27. Januar 2019 Centre Pasquart: «Zeitspuren – The Power of Now», bis 18. November 2018 Photoforum: «Perfect Time Ahead», bis 18. November 2018 (Der Bund)

Erstellt: 11.09.2018, 06:40 Uhr

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