«Das tönt nach Planwirtschaft»

Kulturpolitik

Starker Widerstand: Noch bis Ende August befindet sich das neue Kulturförderungsgesetz der Stadt Bern in der Vernehmlassung. Mit der Vorlage werde eine völlig verkehrte Kulturpolitik in Gang gesetzt, kritisiert Stephan Märki, Intendant von Konzert Theater Bern.

Die Vorlage des Kulturförderungsgesetzes stösst bei Stephan Märki auf harsche Kritik.

Die Vorlage des Kulturförderungsgesetzes stösst bei Stephan Märki auf harsche Kritik.

(Bild: Manu Friederich)

Heute Samstag findet eine Informationsveranstaltung zur Vernehmlassungsvorlage der städtischen Kulturförderung statt. Nicht dabei ist der Intendant von Konzert Theater Bern (KTB), obwohl er sehr viel zur Vorlage zu sagen hätte. Dass dieser Termin in die Theaterferien gelegt wurde, ist für Stephan Märki nur ein weiteres Indiz, dass einiges schiefläuft bezüglich des neuen Kulturförderungsgesetzes für die Jahre 2016–2019.

«Offenbar will man uns nicht dabei haben», sagt Märki, der noch im Ausland weilt. Der Intendant stört sich vor allem an den Vorgaben, die im Theaterbereich völlig an der Realität und den Bedürfnissen der Akteure vorbeizielten. «Was Veronica Schaller da im Sinn hat, tönt nach Planwirtschaft, und eine solche funktioniert in der Kultur nicht.» Zu gross seien die geplanten Veränderungen, die bis zur inhaltlichen Einflussnahme reichten.

Die von der Leiterin der Abteilung Kulturelles verantwortete Vorlage sieht unter anderem für alle subventionierten Kulturinstitutionen eine Eigenwirtschaftlichkeit von mindestens 20 Prozent vor sowie eine Fusion von Dampfzentrale und Schlachthaus. «Die Aufgabe der Kulturverantwortlichen ist doch, ein Klima zu schaffen, das der Kultur förderlich ist, und nicht, inhaltliche Vorgaben zu machen.» Für ihn sei die geplante Fusion, die auch KTB betreffe, nicht nachvollziehbar. «Die Idee hinter der Fusion ist ja, für die freie Szene einen Ort wie die Gessnerallee in Zürich oder die Kaserne in Basel zu schaffen. Doch diese beiden Orte sind gewachsen, man kann eine solche Stätte nicht am Reissbrett kreieren», sagt Märki.

«Absurde Forderungen»

Die neu zu schaffende Organisation soll gemäss Vernehmlassungsvorlage gleichzeitig «Partnerin und Konkurrentin» von KTB sein. «Da soll eine Pseudokonkurrenz aufgebaut werden», sagt Märki, «und von uns wird erwartet, dass wir auf die freie Szene Rücksicht nehmen, unsere Planung mit ihr abstimmen und ihr keine Leute abziehen.» Das seien völlig absurde Forderungen. «Die freie Szene hat einen Planungshorizont von ein paar Monaten, Konzert Theater Bern einen von drei bis fünf Jahren.»

Fakt sei zudem, dass nur dort eine starke freie Szene entstehe, wo auch die Hochkultur floriere. Kopfschütteln lösen beim Stadttheater-Direktor weiter auch die künstlerischen Vorgaben aus, die neuerdings formuliert würden. «Da mussten wir uns doch noch sagen lassen, dass eine zeitgenössische Produktion wie Christian Krachts Roman ‹Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten› im Krauchthaler Steinbruch nicht unsere, sondern Sache der freien Szene sei. Wenn das Stadttheater nicht der Ort für die Gründung von Traditionen ist, wären auch Schillers ‹Räuber› nie uraufgeführt worden.»

Gemeinsame Planung gefordert

Da die Vernehmlassung noch im Gang ist, will sich Veronica Schaller nicht zu den einzelnen Vorwürfen von Stephan Märki äussern. Bezüglich der Fusion von Dampfzentrale und Schlachthaus erhofft sie sich, dass KTB der neuen Organisation auf Augenhöhe begegnet und Verständnis für die unterschiedliche Arbeitsweise aufbringt. «Es soll eine starke Institution werden, auch wenn sie über weniger als 10 Prozent des KTB-Budgets verfügt.» Weiter ist die Kultursekretärin der Ansicht, dass in gewissen Bereichen eine gemeinsame Planung möglich sein sollte: «Damit zum Beispiel nicht am gleichen Tag die Saison eröffnet wird.»

Schwer zu schaffen macht Märki weiter die geforderte Eigenwirtschaftlichkeit von 20 Prozent. Bei einem Gesamtbudget von 45 Millionen Franken jährlich beträgt sie bei KTB zurzeit 18 Prozent; es müsste also fast eine Million Franken mehr einspielen oder zusätzliche Sponsoren finden. «Gleichzeitig wird von uns verlangt, soziale und wirtschaftliche Hemmschwellen zu senken und neues Publikum zu generieren – das widerspricht sich.»

«Das grösstmögliche Risiko»

Das über hundertjährige Stadttheater hat hart zu kämpfen mit dem Wandel, der seit gut zwanzig Jahren in der deutschsprachigen Kulturlandschaft im Gang ist. Das klassische bürgerliche Theaterpublikum schwindet, was bereits Intendant Eike Gramss zu spüren bekommen hat. Während dessen 16-jähriger Intendanz (1991–2007) fielen die Besucherzahlen am Berner Stadttheater von über 140 000 auf ein historisches Tief von weniger als 90 000.

Märki betont, dass das Theater bislang mit den Subventionen auskomme, kein Defizit mehr schreibe und sogar eine kleine Reserve für die Einnahmeausfälle während der Umbauphase habe anlegen können. «Mit dem Geld, das wir haben, versuchen wir inhaltlich das grösstmögliche Risiko einzugehen, und für dieses bekommen wir auch die Subventionen, nicht für eine Gewinnmaximierung.»

Werde eine höhere Eigenwirtschaftlichkeit verlangt, müsse weiter auch die Preispolitik überdenkt werden. «Höhere Preise schliessen immer auch ­potenzielle Besucher aus.» Mit deutlich niedrigeren Preisen in den Vidmar-­Hallen hat KTB gute Erfahrungen gemacht. Ist es doch gelungen, dort neues Publikum zu generieren.

Neuer Vertrag: «Viele Freiheiten»

«Die 20 Prozent Eigenwirtschaftlichkeit sind ein Grundsatz, der künftig für alle subventionierten Institutionen gelten soll», sagt Veronica Schaller, «er ist eine wichtige politische Auflage, die der ­Gemeinderat formuliert hat.» Sie weist ­darauf hin, dass KTB möglicherweise mehr als 18 Prozent selber erwirtschafte. «Die genauen Zahlen liegen noch nicht vor.» Zudem würden auch die Bundesmillion, der Beitrag der Eidgenossenschaft, sowie die Gelder der Berner Burgergemeinde als Eigenleistung angerechnet. «Wenn KTB die 20 Prozent nicht erreichen kann, dann werden Stadt und KTB zusammen schauen, wie man dorthin kommt.»

Schaller betont weiter, dass vorgesehen sei, KTB mit dem neuen Vertrag sehr viel Freiheit zu verschaffen. Im Unterschied zu früher sollen nur noch die Sparten und wenige quantifizierte Ziele vorgegeben werden. «KTB ist kein Staatsbetrieb; im Sinne einer Gegenleistung für das grosse Vertrauen wird vom Gemeinderat eine gewisse Eigenleistung verlangt.» Was neue Publikumssegmente betreffe, so müssten alle Kulturinstitutionen sich darum bemühen. Es sei aber mindestens so wichtig, die traditionelle Besucherschaft zu halten, «und hier geht es bei KTB um eine grosse Zahl.» Der Stadttheater-Direktor wüsste sehr wohl, wie mehr Geld in die Kasse gespült werden könnte: «Wir bekommen viele Anfragen», sagt Märki, «und könnten das Grosse Haus vermieten oder Musicals einkaufen, wie es das Theater St. Gallen macht, das eine Eigenwirtschaftlichkeit von 30 Prozent aufweist.» Doch mit öffentlichen Mitteln Musicals zu subventionieren, die kein Problem hätten, im freien Markt zu bestehen, hält Märki für mehr als fragwürdig. «Wird von uns mehr Eigenwirtschaftlichkeit verlangt, stellt dies den kulturellen Gesamtauftrag von Konzert Theater Bern infrage.»

«Eigenmächtiges Handeln»

Vor diesem Hintergrund und dem Aktionismus, den die Leiterin der Abteilung neuerdings betreibe, bedauert Märki den fortschreitenden Verlust einer partnerschaftlichen, lösungsorientierten Gesprächskultur. Verantwortlich dafür macht er den Stil und den Machtanspruch von Veronica Schaller. «Bis anhin waren die Gespräche mit allen drei Subventionsgebern sehr fruchtbar, weil unter der Moderation des Kantons die unterschiedlichen Interessen im Austausch erörtert und breit getragenen Lösungen zugeführt werden konnten. Dass diese Gespräche nun durch eigenmächtiges Handeln ersetzt werden sollen, ist das falsche Signal für die Berner ­Kulturszene.»

Der Bund

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