Das Tier, das Kultur hat

«Wahrheit»-Kolumnist Daniel Di Falco nimmt sich dem Konzeptbiber an.

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Daniel Di Falco

Da hockt er also und verrichtet sein Tagwerk. Wobei es eher ein Werk der Nacht und der Dämmerung ist, seinen Gewohnheiten gemäss, und die sind ewig. Dem Beobachter macht das Eindruck. Das Resultat seiner Arbeit scheint allerdings nicht über jeden Zweifel erhaben, bei allem Fleiss, den er beweist. «Beim Nagen sitzt er auf den Hinterbeinen und dem merkwürdigen Schwanze. Während er rutenförmige Stämme dicht über dem Boden abbeisst, müssen ältere Bäume gefällt werden. Aus den Stämmen und Zweigen führt er mehr oder minder kunstvolle Bauwerke auf.»

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Mehr oder minder kunstvoll also. Findet Professor Schmeil, Biologe im deutschen Heidelberg, in seinem «Grundriss der Tierkunde» über den Biber. Und zwar 1933, was unerfreuliche Umstände bedeutet. Für den Professor, der auf «bessere Zeiten für unser armes Vaterland» hofft, also darauf, die Modernisierung seines Lehrbuchs bald wieder ordentlich fortsetzen zu können. Aber auch für die Biber, die «bald ausgerottet sein werden». Zumal sie ihre Verwendung als Pelz und Kragen menschlicher Kleidung durchwegs nicht überleben.

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Jetzt aber: 2016. Schmeils Vaterland geht es besser als auch schon. Und auch dem Biber. Die Bestände haben sich erholt; auch in der Schweiz, 2800 Exemplare zählt man hier heute. Mit dem Herumsitzen auf dem merkwürdigen Schwanze ist es aber nicht mehr getan. Statt als Kragen muss der Biber nun als Konzept herhalten. Diese Woche hat das Bundesamt für Umwelt sein revidiertes «Konzept Biber Schweiz» für gültig erklärt, und man kann sich nun wundern, warum es «Konzept Biber» heisst und nicht «Biberkonzept». Doch so ging es schon dem Bär mit dem «Konzept Bär». Oder dem Wolf mit dem «Konzept Wolf». Und dem Konzeptbiber selber ist das egal. Er mag die Dinge bekanntlich nur «mehr oder minder kunstvoll». Sehr kunstvoll aber die Arbeit der Ämter. Neben dem Bundesamt haben sich an der Biberkonzepts­revision 49 weitere Stellen beteiligt, Kantone vor allem, Verbände sowie zwei Parteien. Wobei im Rahmen dieser Vernehmlassung einzig die SVP für eine detaillierte Beurteilung zu faul war und das Konzept gleich ganz für unnötig erklärte. Der Thurgau dagegen! Was für eine Akkuratesse. Es sei, so der Vernehmlassungsbericht, für den Kanton Thurgau «unklar, ob in Bezug auf das Verbandsbeschwerderecht Massnahmen an Biberdämmen nur für die Überwinterung von Biber­familien oder auch für die Überwinterung von Einzeltieren relevant sind».

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So kommt es, wenn ein Jurist auf ein Nagetier trifft. Immerhin leben die meisten Biber im Thurgau. Aber auch Innerrhoden, wo bis vor kurzem kein einziger Biber gesichtet wurde, ausser jenem, der 2007 an einem Seitenfluss der Sitter von einem Auto überfahren wurde (Biberfladen?), kümmert sich um die Integration des Bibers in unsere Kultur und unsere Werte. Und fordert an einer Stelle den Plural «Biberpopulationen» statt «Biberpopulation».

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Man nennt das alles «Bibermanagement», es geht um «Konflikte» und um «Prävention» angesichts der Schäden, die der Biber mit seiner Grab- und Stautätigkeit an Landwirtschaftsland oder Uferwegen anrichtet. Dabei dürfte es der Konzeptbiber einfacher haben als vor ihm der Konzeptbär, der im Bärenkonzept in drei Stufen der Schwererziehbarkeit figurierte: als «Schadbär», «Problembär» oder «Risikobär». Mit dem Biber dagegen sind sogar die SBB zufrieden, gemäss einer «gesamtschweizerischen Analyse»: Von ihm gehe, so der Vernehm­lassungsbericht, «keine unmittelbare Gefahr für einen sicheren Betrieb auf dem Streckennetz» aus. Das Bundesamt nennt ihn gar «Partner», und zwar bei der Vernatürlichung von Flüssen und Bächen. Da helfe er, Geld zu sparen, denn «anstatt den Gewässerlauf aufwendig mit Baggern zu formen», könne man sich oft mit ersten Anpassungen begnügen, die dem Biber gefallen: «Die weitere dynamische Gestaltung des Gewässerlebensraums wird er dann gratis besorgen.»

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Seltsam genug, dass man Natur künstlich herstellen kann. Noch seltsamer das wilde Tier, das so etwas als seine Aufgabe versteht. Irgendwo dort draussen lebt es, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft, und nagt und sitzt dazu im Dunkeln auf seinem merkwürdigen Schwanze.

Der Bund

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