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Das Sterben rundum

Die Bernerin Sabine Timoteo spielt die Hauptrolle im lettischen Film «Melanies Chronik», der ein nationales Trauma aufrollt. Und eine Frau beim Versuch zu überleben zeigt.

Wie ein Gemälde der Entbehrung: Sabine Timoteo als Lettin, die 1941 nach Sibirien deportiert wurde.
Wie ein Gemälde der Entbehrung: Sabine Timoteo als Lettin, die 1941 nach Sibirien deportiert wurde.
zvg

Keine andere Berner Schauspielerin ­arbeitet häufiger im Ausland: Sabine Timoteo (43), wohnhaft im Lorraine­quartier, seit über zwanzig Jahren vor der Kamera. Sie hat in Filmen von Christian Petzold gespielt, von Alice Rohr­wacher oder Michael Glawogger. Darum erstaunt es auch nur ein bisschen, dass Timoteo nun in einem lettischen Film auftaucht – in der Hauptrolle. Sie lernte dafür extra Lettisch und Russisch.

Gut, der Dialog in «Melanies Chronik», wie Viestur Kairishs Spielfilm auf Deutsch heisst, ist spärlich. Denn primär geht es darum, einer Frau beim Über­leben zuzuschauen. Timoteo spielt Melanie Vanaga, die 1941 mit Tausenden anderen Lettinnen und Letten von den Russen nach Sibirien verschleppt wird. Die Deportation ist für Lettland ein nationales Trauma, bis heute. Melanie ­Vanaga gab es tatsächlich; ihre Briefe, die sie in der jahrelangen Verbannung schrieb, wurden 1991 veröffentlicht und sind die Basis für den Film.

Da poltern also eines frühen Morgens Soldaten durch die Wohnung von Melanie und ihrem Mann. Die beiden gehören zu jenem Teil der Gesellschaft, der Tafelsilber besitzt und abends in die Oper geht. Nun wird die Familie wie Vieh in Bahnwaggons gezwängt, Destination: unbekannt. Männer und Frauen werden getrennt, mit ihrem achtjährigen Sohn sitzt Melanie im Güterwagen, wo bald das Sterben rundum beginnt: Eine Frau schlitzt ihren Kindern und sich selber mit dem Rasiermesser die Kehle auf.

Kampf mit den Schweinen

«Faschisten» oder «Material» nennen die Soldaten die Frauen nur, als sie sie nach dreiwöchiger Fahrt aufs freie Feld treiben. Eine Erklärung zur «freiwilligen Umsiedlung für 20 Jahre» sollen die Frauen unterschreiben, «ihr werdet hier leben und arbeiten, bis hier Palmen wachsen», höhnt der Aufseher.

Und so wird aus der Bürgersfrau im luftigen Sommerkleid allmählich eine ausgezehrte Sklavin, die ums Leben ihres Sohnes kämpft, aus Brennnesseln eine dünne Suppe kocht, sich mit den Schweinen um die letzten Kartoffeln auf dem Feld balgt – und aus Prinzip nicht mit den Aufsehern schläft. Es ist ein schauspielerischer Kraftakt, den Timoteo hier leistet: Ihr Körper scheint vor der Kamera zu altern, ihre Haut wird ledrig, ihre Glieder werden sehnig, und alles Weiche verschwindet aus ihrem Gesicht.

Doch Regisseur Kairish schafft auch ­Distanz: Dadurch, dass er seine Schwarzweissbilder zuweilen wie Tableaus gestaltet, manche davon streifen das Märchenhafte. Doch Kairish verklärt nicht; vielmehr verdichtet er so all die Jahre voller Kälte, Hunger und Krankheit zu Gemälden der Entbehrung.

Irgendwann, als es gelungen ist, Melanies Sohn zurück nach Lettland zu schicken, stellt sich die Frage, wofür diese Frau überhaupt noch einen Überlebenswillen aufbringt. Es ist die kleine Hoffnung, ihren Mann wiederzusehen, von dem es heisst, er sei noch am Leben, im Straflager, Korrespondenz sei keine erlaubt. Trotzdem schreibt ihm Melanie – und steckt die Briefe unters Bett. Er wird sie nie lesen können.

Melanie aber überlebt, und ihre Briefe wurden zum geschichtlichen Zeugnis. «Melanies Chronik» ist in Lettland mittlerweile einer der meistgesehenen Filme. Und Sabine Timoteo erhielt 2017 einen lettischen Filmpreis als beste Darstellerin.

Premiere im Berner Kino Cinématte: Sonntag, 18. November, 16 Uhr.

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