Das Messer im Briefkasten des Chauffeurs

Es gibt ein neues Buch des pensionierten Warenhauspatrons: Diesmal fährt François Loeb im Tram durch die Städte und sammelt Geschichten.

Ein Bild aus der Zeit als François Loeb (links) noch in der Warenhauskette aktiv war.

Ein Bild aus der Zeit als François Loeb (links) noch in der Warenhauskette aktiv war. Bild: Archiv/Reuters

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Meist führen Unternehmer nach ihrem Rückzug ein komfortables Leben, spielen Golf und buchen Kreuzfahrten. Nicht so François Loeb, der in den vergangenen Jahren immer wieder mit Buchveröffentlichungen überrascht hat. Im Vorfeld der neuen Publikation ist er in den Städten Freiburg i. Br., Zürich, Basel und Bern die gesamten Tramstrecken abgefahren und hat Gespräche mit dem Chauffeur, den Kontrollbeamten und den Wagenreinigern geführt. Die Erlebnisse, von denen er auf diese Weise erfuhr – «Es gibt nichts, was es nicht gibt!» –, hat er zu Geschichten geformt und mit seiner Fantasie angereichert.

Esel, und zwar auch echte

Die neue Erzählsammlung, der man zwar eine strengere Auswahl gewünscht hätte, widerspiegelt doch ein buntes Spektrum von Alltäglichkeiten und Kuriositäten, amüsanten Episoden und tragischen Momenten. «Immer wieder staune ich über die Vielfalt an Leben, die sich mir mit meinen Passagieren präsentiert», sagt ein Chauffeur. Aus dieser wie aus zahlreichen anderen Äusserungen erspürt man die Liebe zum Beruf, auch wenn die Verantwortung für die Fahrgäste schwer wiegt, die Stosszeiten und unerwarteten Zwischenfälle Stress verursachen und die Passagiere, unter ihnen nicht wenige Sonderlinge, oft für Ärger sorgen.

Ein Knabe zieht die Notbremse, da er sich vor dem Zahnarztbesuch fürchtet, ein Eseltreiber will unbedingt mit seinem Tier den Bus besteigen, ein alter Mann beschwert sich über die horrende «Ungerechtigkeit», weil eine junge Frau ihm ihren Sitzplatz angeboten hat – dabei sei er doch noch lange nicht vergreist und wolle im Gegenteil jungen Damen seinen Platz zur Verfügung stellen. François Loeb beweist Sinn für Pointen, sodass seine Geschichten voller Amüsement stecken. Gleichwohl fehlt der Ernst nicht, lässt sich doch die Einsamkeit im Führerstand erahnen. So treibt denn die Fantasie der Bus- und Tramchauffeure bisweilen üppige Blüten.

Beispiel: Ein Messer im Briefkasten des Wagenführers lässt auf eine Morddrohung schliessen. Könnte dahinter nicht jener Sportcoupéfahrer stecken, dem kürzlich der Vortritt verweigert worden ist? Und kurz danach gleich ein zweites Messer, das den Chauffeur vollends verzweifeln lässt. Geschickt entwickelt François Loeb die Dramaturgie und beschert die Auflösung erst am Schluss, sodass für Spannung gesorgt ist. Übrigens: Männliche Träume stellen sich oft ungefragt ein, und Liebesgeschichten können sich anbahnen, selbst wenn ihnen ein Debakel vorausgegangen ist.

Bewusster unterwegs

Tram und Bus erscheinen in diesen Texten als schlüssige Zeichen für das menschliche Unterwegssein überhaupt, ohne dass diese Symbolik bemüht wird. Was aber offensichtlich ist: Der Autor liebt die Menschen und nimmt an ihren Geschichten lebhaften Anteil. Und wir fahren nun mit neuem Bewusstsein im Tram.

François Loeb, Tram. Augenkitzel für Pendler. Erzählungen. Somedia-Buchverlag, Glarus/Chur 2016. 196 Seiten, etwa 25 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2017, 08:21 Uhr

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