Das kleinere Übel

Vor 30 Jahren zog erstmals Kultur in die Dampfzentrale ein. Mit einem Fest, das in Bern Unruhen und Aufbruchstimmung auslöste. Ein Rückblick.

Eine Experimentierwiese ohne Heizung: Die erste «Virus»-Acid-Party in der Dampfzentrale 1988.

Eine Experimentierwiese ohne Heizung: Die erste «Virus»-Acid-Party in der Dampfzentrale 1988. Bild: Juan-Carlos Sanchez

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Das Ganze beginnt mit einem mittelprächtigen Eklat. Am Abend des 8. Mai 1987 herrscht in der Berner Dampfzentrale reges Treiben. Draussen ist es kühl und grau, drinnen werden eiligst farbige Lampen und eine voluminöse Tonanlage in Stellung gebracht. Bands treffen ein, eine Bar wird zusammengenagelt, und los gehts mit der ersten Party-Nacht im ehemaligen thermischen Kraftwerk. Es ist ein Abend, der in die Geschichte dieser Stadt eingehen wird. Doch dazu später mehr.

Ein Kulturlokal war die Dampfzentrale am 8. Mai noch nicht, sie war bloss ein vages Versprechen der Politik. Circa zwei Monate zuvor hatte der Berner Gemeinderat, nach jahrelangem Hinhalten, einer kulturellen Nutzung der Dampfzentrale zugestimmt – als Pilotversuch.

In der Stadt Bern brodelte es zu dieser Zeit im musikalischen Untergrund, doch sowohl Übungsräume wie Auftrittsmöglichkeiten waren kaum vorhanden – ebenso rar waren Ausstellungsräume und Ateliers für Künstler. Und die Berner Jugend dürstete es nach Unterhaltung. Der illegale Club Ohm-8 im Mattenhof war im März nach kurzer Betriebszeit geschlossen worden, dem Zaffaraya wurde regelmässig die Räumung angedroht. Und das vom Kunstverein initiierte Meerhaus mit Ateliers und einem legendären Konzertclub im Untergeschoss hatte Ende 1986 dichtgemacht.

«Professionell bestätigte Kultur»

Im Berner Stadtrat ahnte man, dass der Druck der Strasse zunehmen könnte und dass man wohl bald mindestens eines von zwei ungenützten Gebäuden der Stadt – die Reithalle oder die Dampfzentrale – für eine kulturelle Nutzung anbieten müsste. Die Dampfzentrale schien da das kleinere Übel zu sein. Denn während hinter der Reitschule und ihrer Ikur vermeintlich subversive Kräfte gegen das politische Establishment wetterten und für ein selbstverwaltetes Kulturzentrum kämpften, schien der Zirkel um die Dampfzentrale etwas leichter in der Handhabung zu sein. So stammte das mit dem Gemeinderat ausgehandelte Gründer-Konzept von einem Verein namens «Gaswerk für alle», welchem so fundamental unterschiedliche Organisationen wie die Kunstgesellschaft, «Bern bleibt grün», der Verein Berner Pantomimen oder der Stadtturnverein Bern angehörten. Man einigte sich auf ein «multifunktionales , interdisziplinäres Zentrum», das – und nun folgt der fatale Satz – «ein Ort für ernsthaft tätige, professionell bestätigte Kulturschaffende» werden sollte.

Die Aktivisten, die am 8. Mai 1987 die Dampfzentrale besetzen, sind mit dieser Ausrichtung alles andere als einverstanden. «Das Unterhund hebt sein Bein. Genüsslich pisst es Euch ans Alibi», steht auf einem kämpferisch-dadaistischen Flugblatt geschrieben, das im fast 1000-köpfigen Publikum die Runde macht. Man wolle die Dampfzentrale nicht einer braven Kunst-Elite überlassen, ist die Meinung der Veranstalter.

Es ist ein hübsches Fest. Bands wie die zornigen Napalm Farmers oder die damals ebenfalls ziemlich aufmüpfigen Züri West besorgen den Soundtrack, der jedoch temporär unterbrochen wird, als um Mitternacht der Gemeinderat Alfred Neukomm ans Mikrofon tritt und ein erstes Ultimatum zur Räumung des Saals ankündigt. Es seien Lärmklagen aus dem Dalmaziquartier eingegangen, und draussen wartet ein Polizeiaufgebot, welches vom hitzigen Gemeinderat Marco Albisetti angeführt wird. Dieser um Ruhe und Ordnung in der Stadt besorgte Herr hatte Monate zuvor kraft eines unwirschen Polizeieinsatzes an der Tschernobyl-Demo für gehörig Unruhe und Unordnung und zahlreiche Verletzte in Berns Innenstadt gesorgt. Die Beteiligten an der ersten Dampfzentrale-Party lassen sich davon nicht abschrecken – das Fest endigt um 3 Uhr morgens, am nächsten Tag wird die Dampfzentrale von der Polizei verbarrikadiert und die Stromzufuhr zur Baulichkeit gekappt. Die Politik ist aufgewühlt, die Kulturszene amüsiert und angestachelt – und der Dampfzentrale-Vorstand verunsichert. Es ist eine Verunsicherung, die das Haus an der Aare noch über Jahre begleiten wird. Ja, es gibt Leute, die behaupten, dass die Dampfzentrale bis heute noch nicht zu einem unverkrampften Selbstbewusstsein gefunden habe.

Eröffnung ohne rauschendes Fest

Die offizielle Eröffnung der Dampfzentrale verzögerte sich um Monate. Zu viele Interessenvertreter wollten mitreden, und als am 23. Oktober die Reitschule mit einer grossen Sause als Kulturraum erobert wurde, waren die Pforten des städtisch genehmigten Kulturbetriebs an der Aare noch immer geschlossen. Am 10. Dezember startete er dann doch, der auf zwei Jahre limitierte Versuchsbetrieb. Nicht mit einem rauschenden Fest, sondern mit Lesungen sowie kleinen Performance- und Musikinterventionen, die auf Bitten der Betreiber von anderen Lokalen in die Dampfzentrale verlegt worden waren. Die Besucher blieben nicht lange. Es war bitterkalt in den Räumen. Erstmals fiel negativ auf, dass die Dampfzentrale weder über eine Ton- und Lichtanlage noch über eine Bühneneinrichtung oder eine Heizung verfügte. Im Januar 1988 trat bereits der erste Betriebsleiter zurück, wegen innerer Spannungen im Hause. Lärmklagen von Nachbarn häuften sich, ebenso die Stimmen, dass das Haus in dieser Form nicht weiterbetrieben werden könne. Es brauche eine Sanierung, weniger Interessenvertreter, mehr Geld, eine bessere Organisation – und eine Heizung.

Trotzdem entwickelte sich das kulturelle Treiben einigermassen günstig. Die Dampfzentrale wurde an externe Veranstalter vermietet, die Vereine WIM und IGIM (später Be-Jazz) frönten der improvisierten Musik, Black Pampers brachten den musikalischen Untergrund ins Marzili, im Dezember 1988 sorgte die erste Acid-Party der Stadt für wackelnde Scheiben, und 1989 zogen die Berner Tanztage in die Dampfzentrale ein. Noch immer war es kalt im Gebäude, noch immer musste dringend saniert werden, doch ein Geschenk von der Migros, die Kosten von 5 Millionen im Hinblick auf die 800-Jahr-Feier der Stadt Bern zu übernehmen, wurde von der Stadt unter bis heute ungeklärten Gründen ausgeschlagen. Erst acht Jahre später wurde die Sanierung von den Behörden angegangen.

Die künstlerische Selbstsuche ging indes stetig weiter. Unter der Leitung von Christoph Balmer (1993–2005) erlebte die Dampfzentrale vermutlich ihre erspriesslichsten Tage. Ihm schwebte ein Spagat zwischen Reithalle und Stadttheater vor, und an gelungenen Abenden war die Dampfere nicht bloss ein Mehrspartenhaus, es kam immer wieder vor, dass sich die Sparten sogar untereinander verquickten. Das Publikum aus der Tanzvorstellung vermischte sich mit dem Partyvolk im Foyer, wo Be-Jazz mit seinen Blue-Note-Discos den Jazz auf den Tanzboden brachte. Boxsport wurde mit Kultur gekreuzt, bildende Kunst mit elektronischer Musik, Performance und Tanz. Balmers visionäre Idee, die Dampfzentrale mit dem Geld des gewonnenen Kulturpreises der Burgergemeinde 2002 für die Digitalisierung fit zu machen, scheiterte an den Internet-Anbietern, die darauf noch nicht vorbereitet waren.

Einmischung der Politik

So richtig unruhig wurde es in der Dampfzentrale eigentlich vor allem dann, wenn sich die Politik ins Geschehen einmischte, deren Trägheit Prozesse verlangsamte, oder zu wenig Geld bereitgestellt wurde. Die Dampfzentrale war stets erheblich tiefer subventioniert als vergleichbare Häuser in der Schweiz wie die Kaserne Basel oder die Zürcher Rote Fabrik. 1996 wurde ein Subventionsvertrag abgeschlossen und ein Leistungsauftrag erarbeitet. Die Dampfzentrale solle keinen anderen Kulturbetrieb konkurrieren, sollte von Intendanten geführt werden, sollte mal ein Kompetenzzentrum für Tanz, Avantgarde und modernen Pop sein, mal für neue Musik und zeitgenössischen Tanz, mal sollte auch Literatur Platz haben, und irgendwann sollte die Dampfzentrale mit dem Schlachthaus zusammenspannen – ein Projekt, das erst in diesem Jahr begraben worden ist.

Heute ist die Dampfzentrale wohl genau das, was dereinst in den Statuten stand: ein Ort für ernsthaft tätige, professionell bestätigte Kulturschaffende. Für die Jahre 2018 und 2019 hat der Gemeinderat eine Subvention von fast 4,5 Millionen Franken gutgeheissen, die Strukturen sind professionell, das Programm – gerade im musikalischen Bereich – inspirierend und manchmal auch ziemlich subversiv. Und doch ertappt man sich zuweilen dabei, diesem Gemäuer mal wieder eine kleine anarchistische Erschütterung zu wünschen. Nur um sicher zu gehen, dass da nichts einrostet. Genau so, wie damals am 8. Mai 1987. (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2017, 06:54 Uhr

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