Das Herz schlägt über den Tod hinaus

Der südafrikanische Regisseur Matthew Wild übersetzt im Stadttheater Bern Giacomo Puccinis «La Bohème» in die Sechzigerjahre.

Können die Fotos zu Puccinis «La Bohème» Sorgenfalten auslösen?

Können die Fotos zu Puccinis «La Bohème» Sorgenfalten auslösen? Bild: zvg

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Die Fotos zu Puccinis «La Bohème» könnten Sorgenfalten auslösen. Das Programmheft zeigt einen Ausschnitt des Bühnenbildes. Einen menschenleeren, klinisch weissen Raum. Darin steht ein Glaskasten mit einem Herz. Kein metaphorisches Icon, wie man es als Sonderzeichen im Computer findet, nein, ein realistisches Organ (aus der Werkstatt des Theaters).

Was das Foto nicht zeigen kann: Das Herz lebt. In der Vorstellung beginnt es zu pulsieren und lebt während der Pause als Projektion in Gold auf dem Bühnenvorhang weiter. Was hat das mit Puccinis «La Bohème» zu tun? Hat man vor lauter sentimentalem Zauber vergangener Umsetzungen etwas übersehen?

Erschütternder Geigengesang

Wo wie hier eine Inszenierung offenbar nicht einfach Erwartungen erfüllen will, wächst die Neugier. Offenheit und Vertrauen sind eine gute Ausgangslage. Umso mehr, als Regisseur Matthew Wild zusammen mit Bühnenbildnerin Kathrin Frosch bereits vergangene Saison in Bern mit einem unkonventionellen «Don Giovanni» Bonuspunkte gesammelt hat.

So viel vorweg: Die Premiere wird zum Riesenerfolg. Natürlich liegt das auch am Berner Symphonieorchester, das unter der Leitung von Gastdirigent Ivo Hentschel eine Fülle an Farbnuancen aus Puccinis Partitur destilliert. Es liegt auch am tadellos vorbereiteten Chor, am Extrachor von Konzert Theater Bern (Zsolt Czetner) und am Kinderchor der Singschule Köniz (Annet Rest). Sie garantieren musikantischen Überschwang und Partystimmung zu Beginn. Später, wenn die Gefühlsstimmungen zerbrechlicher und die Hoffnung auf ein Happy End poröser werden, verwandelt sich der Orchesterklang, wird intimer, subtiler, verschatteter.

Wenn im letzten Akt Konzertmeister Alexis Vincent mit wunderbarem Schmelz Mimis kleine Melodie ein letztes Mal aus dem Orchestergraben aufsteigen lässt, innig und zärtlich, als wäre der irisierende Geigengesang eine Friedenstaube auf vergeblicher Mission, dann ist das eine Musik, die anrührt, erschüttert und zu Tränen rührt. Gerade so, als hörte man sie zum allerersten Mal.

In die 1960er-Jahre katapultiert

Erstaunlich: Puccinis Opernhit «La Bohème» verdankt seine Entstehung einem Zufall. Die aufstrebenden Komponisten Ruggero Leoncavallo, damals 36 Jahre alt, und der um ein Jahr jüngere Giacomo Puccini laufen sich 1893 in einer Mailänder Galerie über den Weg. Beim Smalltalk stellt sich heraus, dass sie just am gleichen Textbuch arbeiten – dem Roman «Das Leben der Bohème» von Henri Murger. Das ist ärgerlich und führt zum wohl berühmtesten Wettkomponieren der Musikgeschichte.

Doch der Stoff ist zu gut, als dass man ihn fallen lassen könnte. Im Mittelpunkt stehen vier mittellose Künstler, die im Pariser Montmartre in einer Wohngemeinschaft hausen. Damit werden erstmals in einer Oper Künstlertum und Armut verhandelt. Die Protagonisten sind keine Helden, sondern junge Leute von nebenan. In Matthew Wilds Inszenierung wird das umso deutlicher, als er die Handlung, die im Original um 1830 spielt, in die 1960er-Jahre katapultiert. Zudem erzählt er sie aus der Rückschau. Das funktioniert.

Zeitreise in die Vergangenheit

So steigt man ein in diese Inszenierung. Der Maler Marcello, der erfolglose Bohémien von einst, ist ein gefeierter Künstler (John Uhlenhopp). Marcello, der jetzt Marc heisst, sitzt im Rollstuhl in der Popup-Galerie, wo im hellen Neonlicht der ominöse Glaskasten mit dem Herz steht.

Während die Gäste zur Vernissage eintrudeln, beginnt das Organ zu pulsieren – als wäre es ein Ghostblaster, der auf Knopfdruck nostalgische Klänge ausspuckt. Welch ein Kunstgriff! Es handelt sich um das Crisantemi-Streichquartett, eine Trauermusik, die Puccini auf den Tod eines Mäzens komponierte. In Italien gilt die Chrysantheme als Totenblume. Das ergibt auch hier Sinn. Die Knisterklänge erinnern den dementen Marc alias Marcello an früher, an die Jugendzeit in der WG. An wilde Partys im Café Momus.

Die Zeitreise in seinem Kopf setzt die Drehbühne in Gang. Schatten flackern über die weissen Wände der Galerie. Eine Luke geht auf und gibt den Blick frei in die ungeheizte Bruchbude, wo der junge Maler Marcello (stimmschön und ausgeflippt im Spiel: Todd Boyce) mit seinen Freunden wohnt: dem Musiker und Transvestiten Schaunard (expressiv und herrlich verwandelbar: Michal Marold), dem Poeten Rodolfo (sonor, mit natürlicher Bühnenpräsenz: Peter Lodahl), und dem Philosophen Collin (eine Art John Lennon mit hinreissend tiefgründigem Bass: Young Kwon).

Aufregung in die Bude bringt das oberflächliche Glamour-Girl Musetta, eine Art Paris Hilton des 19. Jahrhunderts (die quirlige Orsolya Nyakas ist eine Traumbesetzung). Für Aufruhr im Gemüt des verliebten Rodolfo sorgt Mimi. Die arme, schwindsüchtige Blumenstickerin wird von Evgenia Grekova mit erschütternder Sachlichkeit und flammender Stimme entwickelt. Als wäre es das Natürlichste der Welt, legt sie die Angst vor dem Tod, verglühende Hoffnungen und Verletzlichkeit in ihre Stimme. Zu Beginn zeichnet sie ihre Rolle mit viel Robustheit und Lebenskraft. Zuletzt, wenn sie geschwächt und wie nach einer Chemotherapie kahlköpfig in das mit gestrickten Blüten geschmückte Sofa sinkt und stirbt, lässt sie die Stimme verlöschen. Das Ende ist es nicht. Wild hält noch eine Überraschung bereit. So wie Rodolfo einst Mimis eiskalte Hand berührte (intensiv seine Arie: «O gelida manina»), so berührt Mimi jetzt die Hand des greisen Marcello. In der Ewigkeit heben sich die Zeiten auf, und hier schlagen die Herzen nach dem Tod weiter.

Imagination wird befreit

Vieles in Wilds Inszenierung klingt nach. Neben den grossartigen Duetten und Ensembles bleiben auch szenische Details in Erinnerung. Wie das warme Licht, das Mimis Gesicht leuchten lässt, wenn sie vom Frühling singt. Oder die wachsamen Augen im Video. Wo Liebe keimt, blüht Eifersucht. Oder der skurrile Zauber der Musetta-Doubles, die mit ihren blonden Kurzhaarschnitten wie Klone der neuen KTB-Stiftungsratspräsidentin Nadine Borter anmuten. Und der winterliche Schneefall, der sich im Fiebertraum einer Party in farbige Konfetti verwandelt.

Immer wieder flackern Humor und Komik auf, oder man entdeckt romantische Symbole wie Herzen und Blumen, die sowohl als Zeichen des prallen Lebens gelesen werden können als auch als Vorboten der Tragödie, die in der Musik bereits in den ersten Takten aufscheint. Matthew Wilds Modernisierung entstellt das Original nicht, sondern legt tiefere Schichten frei. Dadurch wird die Imagination befreit. Das muss man können. Wild hat viel gewagt und viel gewonnen.

Stadttheater Bern, heute, 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen bis 19. Mai 2019. (Der Bund)

Erstellt: 26.11.2018, 06:33 Uhr

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