Wo Worte spriessen und wuchern

Süsse, zarte und bisweilen giftige Auswüchse der jungen Schweizer Dichtung können im Botanischen Garten akustisch gepflückt werden.

Sie verdichtet biologische Fakten:  Eva Maria Leuenberger.

Sie verdichtet biologische Fakten: Eva Maria Leuenberger.

(Bild: Adrian Moser)

«Das Schreiben ist für mich ein Abtasten von etwas Konkretem, einem Körper oder einem Baum.» So kann es nicht verwundern, dass sich die 26-jährige Bernerin Eva Maria Leuenberger sehr für konkrete biologische Fakten interessiert. Kürzlich hat die Absolventin des Schweizer Literaturinstituts eine Reportage verschlungen, in der detailliert berichtet wurde, was physiologisch passiert, wenn ein Mensch stirbt. Die wegen des säurehaltigen Bodens und der Luftabgeschlossenheit über Jahrhunderte gut erhaltenen Moorleichen sind ein Phänomen, dem sie sich in ihrem Zyklus «dekarnation» ebenso widmet wie sich zersetzenden Wasserleichen.

Bei Eva Maria Leuenberger schlafen «tollund» und «die frau elling» im Moor, beide Mitte des 20. Jahrhunderts in Jütland in kurzer Entfernung voneinander gefunden, «die lungen atmen schlamm: die haut in ruhigen falten, ist schwarz gealtert / schläft: schläft ruhig trotz schlinge». Leuenberger ist eine von zehn Stimmen, die an der zweitägigen Poesienacht unter dem Titel «Babelsprech im Garten» im Botanischen Garten die Vielfalt junger Lyrik aus der Deutschschweiz in Lesungen, musikalischen Sets und Performances demonstrieren.

Gespannt darf man etwa auf den Auftritt des Musikers und Autors Sebastian Steffen sein, der mit seinem in Hochdeutsch und Mundart geschriebenen Debüt «Aschtronaut unger em Miuchglasdach» letztes Jahr aufhorchen liess: eine rhythmisch dichte Trennungsgeschichte und zugleich Hommage an die Stadt Biel. Moderiert werden die beiden Abende vom Berner Dichter Michael Fehr («Kurz vor der Erlösung»), der im Projekt Babelsprech zur Förderung junger deutschsprachiger und internationaler Poesie seit einigen Jahren eine zentrale Stellung einnimmt.

Botanischer Garten Bern 23. und 24. 8., jeweils 20–22 Uhr. Essen und Trinken ab 18 Uhr. www.botanischergarten.ch/poesienachtLiteratur «Babelsprech im Garten»

Der Bund

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