Wo Fülle ist, muss Leere werden

Jens Steiner, Gewinner des Schweizer Buchpreises 2013, veröffentlicht seinen vierten Roman. «Mein Leben als Hoffnungsträger» führt auf einen Recyclinghof.

Jens Steiners Erzähllogik macht etwas wirblig.

Jens Steiners Erzähllogik macht etwas wirblig. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Das Leben im Roman «Mein Leben als Hoffnungsträger» ist ein beständiger, manchmal reissender, manchmal behäbig strömender Fluss des Erwerbens und Entsorgens, das man heute Recycling nennt. Der Begriff führt ins Mikrokosmische der Dinge und zu den in grossstädtischen Abfalltrennanlagen und vor Presscontainern sich erhebenden Fragen nach Fülle und Verschwendung, nach Sein und Vernichtung und Wiederauferstehung; und man könnte den Philipp, den Icherzähler dieses Buchs, mit einigem Recht einen Candide der Zehnerjahre nennen.

Denn der Philipp ist arglosen, sanften Gemüts, ein bisschen eigen bis hin zur Putzwut, aber dieser reinen Seele, dem Produkt einer gut meinenden Erziehung, ist beispielsweise das Aufheben und Glattreiben von weggeworfenem Staniolpapier zur Natur geworden.

Das sieht dann wohl etwas kurios aus und befördert das Aussenseitertum, ­andererseits kanns auch der Solidarität mit anderen Kuriosen und Aussenseitern nützen, und drittens ist es als ein hoffnungsvolles Detail der ökologischen Realität dem Uwe Löhlein aufgefallen. Das ist der Chef eines stadteigenen Recyclinghofs, und der hat den Philipp angestellt als Hoffnungsträger einer Zukunftsordnung des Trennens und Wiederverwertens mit besonderer Achtsamkeit für den Unterschied von Metallschrott und Alteisen und unter spezieller Berücksichtigung des noch nicht sehr ins ökologische Bewusstsein gedrungenen Fritteusenöls.

Candide als Sisyphus

Sodass dieser Philipp nun mithilft, einen Recyclingmustergarten zu bestellen, zusammen mit besagtem Uwe, der gewissermassen ein melancholischer Recyclingsystemtheoretiker ist, und mit João und Arturo, den Portugiesen mit ihrem profitorientierten Zweitverwertungs­geschäftsmodell zur linken Hand. Ganz so, als sei das alles zusammen ein Modell des bestmöglichen aller Weltteile (nicht der besten aller Welten, das wissen die vier schon als Kinder ihrer Zeit), und da wuseln sie, und das Candidehafte hat auch etwas Sisyphushaftes.

Wo Fülle war, wird Leere geschaffen, damit wieder Fülle werden kann. Das ist der Kreislauf dieser Welt, und ringsherum ist lauter Agglomeration und sind Gestrüpp und Schrebergärten und das Rauschen der Autobahn und eines Flusses (der Limmat, wir schliessen das aus einigen verstreuten Indizien, unter anderem aus der Erwähnung eines Fussballclubs Galatasaray Altstetten, vierte Liga Ost, Gruppe 6).

Es sind die Grenzmarken von Steiners literarischer Wirklichkeit. Eines sehr schweizerischen Entwurfs von Realität, möchte man sagen. So äussern sich ja oft literarische Begabung und Können hierzulande: als eine aus kunstvollen Satzsträngen geflochtene Enge. Indem Autoren ihre Figuren sich verschanzen lassen im Kleinen, bis es ihnen gross erscheint, und Grosses verkleinern, damit es ins Kleine passt, mindestens als Hintergrundprospekt aus Globalitätsbewusstsein und Belesenheit.

Sanfter Wahnsinn

Das ist der mittlere literarische Durchschnitt eines Landes, dem seine Probleme nicht ans Lebendige gehen, sondern höchstens ans Gemütliche; in Steiners Roman – und das hebt ihn dann über den Durchschnitt hinaus – ist es ja geradezu das selbstironische Thema: dass das Haben hier so einfach geworden ist, dass das Entsorgen kompliziert organisiert sein will. Dass auf dieser ­Basis, mangels anderer philosophischer Notwendigkeiten, eine Philosophie des Recyclings sich entwickelt, in welche Steiners Philipp sich hineinspinnt in ­jedem Sinn des Worts.

Tatsächlich hat das Ganze etwas von sanftem Wahnsinn, nichts Psychotisches, aber ein wenig Zwanghaftigkeit steckt doch im Nachdenken über den Fluss der Dinge und die «Schuttmoränen» menschlicher Kaufräusche und darüber, wie lange ein dem Recycling anheimgegebenes Ding das Ding bleibt, das es war, bevor es ein anderes wird oder so ähnlich.

Verspielte Originalität

Breit strömen in diesem Buch die Assoziationen, Bildung schäumt in Zitaten auf (das geht von Ferdinand Raimund bis Italo Calvino), im Übrigen gönnt Jens Steiner seinem Philipp auch eine Liebe, die ihn erdet und seinen mäandernden Ehrgeizen Richtung gibt. Und weil er, Steiner, wirklich schreiben kann (jetzt einmal nicht gerechnet ein paar Ausrutscher der Kreativität: «Schneeflocken stieben in Scharen» gleich am Anfang), werden aus emotionalen Wellenbewegungen melodiöse Sprachbewegungen, und eine elegische Skurrilität der Form gibt einer einfachen Moral und – stellen Sie sich das Wort aber nur geflüstert vor! – Botschaft der Geschichte wieder verspielte Originalität: dass man nicht alles wollen sollte, was man haben kann, und dass die Freuden des Recyclings nichts sind gegen die der Baumpflege.

Es ist ein durchweg sympathisches Buch in seiner liebenswürdigen Undringlichkeit. Und das Schönste an ihm ist, dass es so kurz ist. Wer weiss, ob man die erschöpfende Art seiner Erzähllogik länger als 190 Seiten lang ausgehalten hätte. Sie macht etwas wirblig. Denn sie gleicht der in dem Witz, den der ­Philipp der Mila erzählt, bevor die seine Freundin wird (ein schönes, etwas spöttisches Mädchen). Er geht so: «Sitzt eine Kuh auf der Parkbank und strickt sich ein Fahrrad. Kommt ein Polizist vorbei und sagt: ‹Angeln ist hier verboten.› Antwortet die Kuh: ‹Was interessieren mich die Erdbeerpreise. Ich hab doch Gummistiefel an!›»

Jens Steiner: Mein Leben als Hoffnungs­träger. Arche, Zürich-Hamburg 2017. 190 S., ca. 27 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2017, 18:55 Uhr

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