«Wir sind kalte Menschen»

Die Buchautorin und Regisseurin Xiaolu Guo hat das China ihrer Kindheit als eine Welt der Gewalt erlebt. Die moderne Geschichte Chinas, sagt sie, sei auf den Körpern von Frauen erbaut.

«Ich bin immer Bäuerin geblieben. Chinesische Bauern überleben alle Taifune»: Xiaolu Guo. Foto: Adrian Moser

«Ich bin immer Bäuerin geblieben. Chinesische Bauern überleben alle Taifune»: Xiaolu Guo. Foto: Adrian Moser

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China könnte mit Xi Jinping wieder einen Präsidenten auf Lebenszeit bekommen, den ersten seit Mao Zedong. Wiederholt sich die Geschichte?
Es ist sehr enttäuschend, dass das erneut passiert. Viele hatten die Hoffnung, dass Xi Jinping es nicht nötig haben würde, sich durch eine Verfassungs­änderung unsterblich zu machen.

Immerhin ist das China von heute keine Diktatur wie zur Zeit Maos, oder?
Ich mag den Begriff «Diktatur» nicht, weil er zu ­reduktionistisch ist. Er wird heute auf jedes System angewendet, das nicht den westlichen Vorstellungen einer liberalen Demokratie entspricht.

Wie würden Sie das chinesische System denn beschreiben?
Ich kann es nicht beschreiben. Ich bin nur eine kleine Schriftstellerin, und mir fehlt das Vokabular dafür. Ich will nicht etwas derart Komplexes wie das System in China in zwei Sätzen beschreiben.

Im Westen hat man gedacht, dass der freie Markt automatisch zu Demokratie und zur Achtung der Menschenrechte in China führen würde. Warum ist das nicht geschehen?
Was heisst denn freier Markt? Wo gibt es den freien Markt? In den USA? Dort gibt es eine Form von Nationalkapitalismus. In einem kleinen Dorf in Süditalien? In der Stadt Bern? Nein. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine freie Marktwirtschaft erlebt, weder in China noch in den USA, noch in Europa. Die Idee des freien Marktes ist eine komplette Illusion. Und was heisst Demokratie? Welche Demokratie, in welchem Land? Vielleicht ist die ­Demokratie in der Schweiz ja derart toll, dass ich sie kennen lernen müsste. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht nihilistisch sein. Aber diese Begriffe sind derart übernutzt und missbraucht, dass ich fast eine Allergie dagegen entwickelt habe.

O. k., reden wir über Menschenrechte. Warum werden sie bis heute nicht geachtet in China?
In Bezug auf die Menschenrechte hat das heutige China im Vergleich mit der Zeit der Kulturrevolution, der Zeit von Maos Machtergreifung oder der Kaiserzeit eine grosse Entwicklung hinter sich. Natürlich werden auch heute die Menschenrechte nur wenig beachtet. Ich bin politisch sehr engagiert und habe mich oft zu diesen Fragen geäussert. Aber ich bin dabei auch vorsichtig geworden. Wer in Sachen China die Sprache des Kalten Krieges benutzt, wird im Westen gelobt. Wer sich aber dieser Sprache verweigert, erntet Skepsis und Zweifel.

Haben Sie deshalb mit «Es war einmal im Fernen Osten» ein sehr persönliches Buch geschrieben – und kein Buch über China?
Das Buch ist persönlich, aber es ist zugleich auch ein Buch über das kollektive Bewusstsein in China in den letzten drei Jahrzehnten. Die Kultur in Ostasien ist nicht individualistisch. Das Buch zeigt mein kleines Leben im Ozean der kollektivistischen Erfahrung. Alle, die in den frühen Siebzigerjahren in China geboren wurden, machten ähnliche Erfahrungen wie ich. Sie können meinen Namen durch andere ersetzen.

Sie haben als Kind westliche Literatur verschlungen, als Filmstudentin westliche Regisseure bewundert. Warum waren Sie enttäuscht, als Sie in den Westen kamen?
Das Bild des Westens in China ist durch US-Serien geprägt, die ein wohlhabendes Mittelklasseleben vermitteln. Mein Bild des Westens wurde geprägt durch die amerikanische Beatnik-Literatur, durch Autoren wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac.

Diese Autoren haben Hymnen auf den westlichen Individualismus geschrieben.
Absolut. Ich war fasziniert davon. Die Generation meiner Eltern war unfähig, über ihre persönlichen Anliegen zu sprechen, weil es offiziell keine persönlichen Anliegen gab. Meine Generation war auf der Suche nach Authentizität, nach einer eigenen Sprache, die sich von der omnipräsenten Sprache der Ideologie des Staates unterschied. Dabei fand ich Vorbilder nicht nur in den USA, sondern auch bei den französischen Autoren der Epoche: Simone de Beauvoir, Jean-Claude Sartre, Marguerite Duras. So hat sich mein Bild des Westens gebildet. Gelandet bin ich aber schliesslich in Grossbritannien, wo es nicht einmal anständigen Kaffee gab, nur bitteren englischen Breakfast-Tee. Ich brauchte Jahre, um dort meine eigene Sprache zu finden.

Und diese Sprache war zufällig Englisch?
Ich wurde englischsprachig. Es ist eigenartig. Ich bin gebürtige Chinesin, Bürgerin des Vereinigten Königreiches und Europäerin im Geist.

Kehren Sie noch nach China zurück?
Bis zum Tod meiner Eltern vor vier Jahren habe ich jeweils drei bis vier Monate pro Jahr in China verbracht. Seither gehe ich weniger oft dorthin zurück. Europa ist meine Heimat.

Wurden Ihre Werke auf Chinesisch übersetzt?
Die letzten drei, vier Titel sind in geringer Auflage in Taiwan erschienen. In China selber dürfen meine Bücher nicht publiziert oder verkauft werden. Bei «Es war einmal im Fernen Osten» wollte ich selber, dass es nicht auf Chinesisch übersetzt wird, weil einige Figuren noch am Leben sind.

Haben Sie Bedenken wegen Ihres Bruders, der noch in China lebt?
Mein Bruder kann kein Englisch. Ich weiss nicht, ob er es überhaupt lesen würde oder ob er sehr verärgert wäre. Wir sind kalte Menschen.

Sie beschreiben einen «harten Kern» in Ihrem Innern, der sich bereits während Ihrer lieblosen Kindheit gebildet habe.
Genau. Ich und mein Bruder sind eigentlich sehr sentimental, haben aber Angst vor Sentimentalitäten und verstecken unsere Gefühle.

Ihre Mutter war Revolutionsgardistin. Sie hatte ein «Herz aus Stein». Sie wurden weggegeben, geschlagen und von Fremden vergewaltigt. Waren dies die Ursachen zur Bildung Ihres «harten Kerns»?
Letztlich war es wohl mein bäuerlicher Geist, der mich gerettet hat. Chinesische Bauern überstehen alle Taifune. Sie fangen immer wieder von vorne an mit Säen. Bauern sind praktisch veranlagt und ­resilient. Überall, wo ich bin, versuche ich, Wurzeln zu schlagen und neu zu starten. Der ursprüngliche Titel meines Buchs lautete darum «Eine globale Bäuerin». Ich bin immer Bäuerin geblieben – bis zum Essen und anderen alltäglichen Dingen.

Sie beschreiben das Leben als Frau in China als einen «Fluch».
Vor Maos Tod war die Gleichberechtigung der Frau Teil der Ideologie. Gleichzeitig wurden aber Frauen prämiert, die zehn oder zwölf Kinder auf die Welt gebracht hatten. Meine Grossmutter mütterlicherseits hatte eine Medaille als «Heldenmutter», weil sie zwölf Kinder hatte. Dieselben Mütter mussten meist harte Arbeit in den Fabriken verrichten. Die Belastung dieser Frauen war immens. Nach Maos Tod wurde die Einkindpolitik verkündet, und Abtreibungen wurden zur Normalität, weil es auch keine systematische Verhütung gab. Die moderne Geschichte Chinas fand auf dem Körper der Frauen statt. Die Frauen waren das Demonstrationsobjekt staatlicher Ambitionen.

Sie selber wollten nie Mutter werden. Nun haben Sie eine fünfjährige Tochter.
Wenn ich in China geblieben wäre, hätte ich wohl nie ein Kind gehabt. Ich gehöre nicht zu jenen Frauen, für welche die Kinderlosigkeit ein Unglück oder ein bewusster Entscheid ist. Die Kinderfrage ist für mich keine ideologische Frage. Für mich war eines Tages einfach völlig klar, dass ich ein Kind ­haben wollte. Ich kann mich noch genau an die Woche erinnern, in der es mir bewusst wurde.

Hat das Kind Ihr Leben verändert?
Das würde ich so nicht sagen. Aber meine Tochter hat die Einstellung zu meiner Arbeit als Schriftstellerin verändert. Heute sehe ich das künstlerische oder kommerzielle Scheitern eines meiner Bücher nicht mehr als das Ende der Welt an. Ich kann ja wieder ein neues Buch schreiben. Aber wenn ein Kind stirbt, ist es endgültig.

Sie haben drei Leben gelebt: In der Zeit der Kulturrevolution, in der Epoche der Wirtschaftsreformen und schliesslich im Westen. Welches hat Sie am meisten geprägt?
Die ersten Jahre des Lebens sind doch die wichtigsten, nicht wahr? Ich wuchs bis zum siebten Lebensjahr in einem feudalistisch-barbarischen Umfeld auf, in einer Welt der Gewalt, ohne Eltern, ohne Liebe. Meine Tochter führt ein völlig anderes Leben. Auch mein Leben im Westen unterscheidet sich von ihrem: Ich führe das Leben einer Migrantin der ersten Generation, habe Jahre mit dem Erlernen der Sprache und mit Warten in den Büros von Immigrationsbehörden verbracht. Meine Tochter wächst in London in einem wohlhabenden Umfeld auf. Wir leben in völlig unterschiedlichen Welten, auch weil ich relativ alt Mutter wurde.

Möchten Sie etwas von Ihrem «bäuerlichen Geist» an Ihre Tochter weitergeben?
Ich würde das ja gerne tun, aber sie wächst in einer anderen Kultur auf. Ich liebe zum Beispiel chinesische Gerichte mit Reisnudeln. Sie hätte diese Gerichte aber gerne im Ofen überbacken. Für mich war es nicht wichtig zu wissen, ob unsere Wohnung einen Backofen hat. Fürs Kochen brauche ich nur einen Wok. Ein weiterer Punkt sind Süssigkeiten: Meine Tochter kommt in der Schule ständig in Kontakt mit Süssigkeiten wie Kuchen und Pudding. Sie fragt mich immer wieder, warum wir daheim keine Süssigkeiten essen oder warum es nie Cake mit Schokoladenguss gibt. Ich bin aber fast allergisch auf Kuchen mit Schokolade und auf Milchprodukte.

Spricht Ihre Tochter Chinesisch?
Sie versteht mich, wenn ich mit ihr Chinesisch spreche. Aber sie antwortet mir nie, weil sie Chinesisch als künstlich empfindet. Kein anderer Mensch in ihrem Umfeld spricht Chinesisch. Ich denke, dass der Einfluss des Umfelds bei ihr auf die Dauer stärker sein wird. Die Macht kommerzieller Interessen im Westen ist gewaltig: Weihnachtsgeschenke, Prinzessinnen, Ostereier. Meine Tochter ist ein Produkt dieser Welt. Es ist sehr schwierig, dem etwas entgegenzusetzen.

Von kommerzieller Macht vereinnahmt wurde auch die chinesische Kunstszene der frühen Neunzigerjahre, deren Werke nun ein Vermögen kosten. Im Buch schildern Sie eine absurde Szene von Freaks am Rande Pekings.
Mein Vater war ein offizieller Maler. Er malte vor allem schöne Naturszenen. Die Kunstszene in Peking war aber Punk, ein Aufstand des Individualismus. Auch die Musik war provokativ und hässlich. Zuerst habe ich diese Hässlichkeit gehasst. Aber je mehr ich davon sah oder hörte, desto besser fand ich sie.

Im Buch wirkt die Untergrundszene clownesk.
China ist eines der letzten Länder der Welt, die ­modernisiert wurden. Jede moderne chinesische Kunst in den letzten dreissig Jahren basiert auf der Imitation westlicher Vorbilder. Es ging um Pro­vokation. Und die beschriebenen Nackt-Performances auf der chinesischen Mauer zum Beispiel waren der direkteste und rascheste Ausdruck von Provokation. Erst später gab es Installationen. Der im Westen berühmte Ai Wei Wei ging als junger Künstler nach New York und brachte verfeinerte westliche Kunstvorstellungen nach China zurück.

Sie beschreiben einen Schweizer Kunsthändler, der damals die Werke dieser Szene aufgekauft hat. Ist das der einstige Schweizer Botschafter Uli Sigg?
Das könnte sein. Aber damals waren nicht nur Kunsthändler aus der Schweiz in Peking aktiv, sondern auch welche aus Deutschland und den USA.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 18:00 Uhr

Xiaolu Guo

Aus Chinas Provinz nach London und Bern

Die 1973 geborene Regisseurin und Autorin ist eine der renommiertesten chinesischen Kulturschaffenden der Gegenwart. Bis zum siebten Altersjahr wuchs sie bei den Grosseltern in einem chinesischen Fischerdorf auf. Im Alter von 18 Jahren schaffte sie es an die Filmakademie in Peking, ihre Filme kamen aber nicht durch die Zensur. 2002 kam sie durch ein Stipendium nach London und begann, auf Englisch zu schreiben. Für ihren Film «She, a Chinese» erhielt sie 2009 den Goldenen Leoparden des Filmfestivals Locarno. Guo ist dieses Semester Dürrenmatt-Gastprofessorin an der Universität Bern. (bob)

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