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Willkommen im Zeitalter der Dauererregung

2010 war das Jahr des Bürgerprotests. Der Politologe Oliver Marchart erklärt, was es mit den «Wutbürgern» auf sich hat und warum die Politik aus der Finanzkrise nichts gelernt hat.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat «Wutbürger» zum Wort des Jahres erkoren, an zweiter Stelle folgt «Stuttgart 21», dann «Sarazzin-Gen». Gibt es in Europa eine neue Wutkultur? Neu ist, dass der Protest sich vermehrt auf der Strasse ausdrückt. Die Unzufriedenheit war schon vorher da. In den letzten 20 Jahren hat sie sich allerdings eher in einem Protest-Wahlverhalten ausgedrückt, zumindest in der Schweiz und in Österreich, aber auch in Frankreich, wo die rechtspopulistischen Parteien es geschafft haben, die Wut innerhalb des politischen Systems zu kanalisieren. In Deutschland, wo die Bürger links gewählt haben, fällt man jetzt aus allen Wolken.

Woher kommt diese latente Unzufriedenheit? Das neoliberale Projekt, den Wohlfahrtsstaat zu zerschlagen, hat neu an Fahrt gewonnen. Das weckt vor allem bei der sogenannten Unter- und Mittelschicht latente Abstiegsängste. Das Bewusstsein, dass es bald kein soziales Auffangnetz mehr geben könnte und die Armut droht, ist weit verbreitet. Tatsächlich sind von der zunehmenden Prekarisierung der Arbeits- und Lebensbedingungen alle betroffen – abgesehen von den oberen zehn Prozent. Vor fünfzig Jahren war es ja noch so, dass man mit einem festen Job rechnen konnte und einer ordentlichen Pension. Dieses Modell ist ausgelaufen. Jetzt gibt es das Modell: «Rette sich, wer kann.»

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