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Wie uns die Digitalisierung kränkt

Menschen sind so berechenbar wie animierte Filmmonster: Ein neues Buch erklärt das digitale Leben auf verblüffende Art.

Wir sind nicht so anders: Der humanoide Roboter "Sophia" imitiert menschliche Mimik und kann einfache Gespräche führen. Foto: Keystone
Wir sind nicht so anders: Der humanoide Roboter "Sophia" imitiert menschliche Mimik und kann einfache Gespräche führen. Foto: Keystone

Wird über Digitalisierung geredet, hört man oft Formulierungen, die an feindliche Übernahmen denken lassen. Dann heisst es, dass digitale Technologie Jobs vernichtet oder die Freizeit kolonisiert.

Das Buch «Muster» des Münchner Soziologen Armin Nassehi räumt mit solchen Diagnosen auf. Seine «Theorie der digitalen Gesellschaft» dreht das Problem um: Für ihn dockt das Digitale so gut an die moderne Gesellschaft an, weil diese selbst nur digital zu verstehen ist.

Das heisst nicht, dass sie aus Einsen und Nullen besteht wie in «The Matrix», sondern es heisst zuerst einmal, dass moderne Gesellschaften ausdifferenziert sind in Funktionsbereiche wie Recht oder Wirtschaft. Wichtig für diese Entwicklung war unter anderem die Erfindung der Sozial­statistik im 19. Jahrhundert, für Nassehi die «früheste Form der digitalen Verarbeitung von Daten». Die Auszählung und Kategorisierung bewirkte, dass sich die Idee verbreitete, dass es so etwas wie eine Gesellschaft tatsächlich gibt.

Die digitalen Orks aus «Lord of the Rings» sind wie wir: Sie tun so, als seien sie Individuen.

Immer stärker greift jetzt eine Idee vom sozialen Zusammenleben um sich, die davon ausgeht, dass kollektives Verhalten auf Regelmässigkeiten beruht und dass es in der Gesellschaft verschiedene Teilbereiche gibt, die nach unterschiedlichen Operationen ablaufen.

An dieser Stelle kommt Armin Nassehi mit seinem theoretischen Dreh, denn für ihn ist genau diese Musterhaftigkeit des kollektiven Verhaltens das «Material der Digitalisierung». Schliesslich beobachten digitale Techniken soziales Verhalten auf Zählbares hin; sie interessieren sich für Typologien von Kunden oder Vorlieben von Wählern.

Die grosse Kränkung durch die Digitalisierung rührt also nicht daher, dass sie nimmt, was ihr nicht gehört. Vielmehr merken wir erst jetzt, seit sie uns einen Spiegel vorhält, wie berechenbar wir uns in Wirklichkeit verhalten. Auch wenn wir uns selbst für überaus kreativ halten, weiss es die Digitaltechnik besser. Wenn sie Konsumgewohnheiten und politische Überzeugungen zählt, erkennt die Datenverarbeitung, was wir uns selbst nur ungern zugestehen: Unser Verhalten ist die Ausprägung eines allgemeinen Musters, und überraschend ist nichts davon.

Für Nassehi ist es gerade die Komplexität moderner Gesellschaft, an die Digitales so gut anschliessen kann. Der Alarmismus, der digitale Techniken umgehend mit Auflösungserscheinungen in Verbindung bringt, verkennt, dass sie viel mehr zu tun haben mit der Stabilität des sozialen Verhaltens.

Schauerwesen mit künstlicher Intelligenz

Ein gutes Beispiel sind die Orks in der Trilogie «Lord of the Rings» (2001–2003). Für Regisseur Peter Jackson schuf ein Software-Entwickler ein Programm namens «Massive», mit dem sich Statisten in Ork-Kostümen digital zu einem riesigen Heer erweitern lassen. Die am Computer animierten Schauerwesen haben eine beschränkte künstliche Intelligenz, sie reagieren etwa auf andere Orks, sobald sich diese nähern. So musste nicht mehr jeder einzelne Ork programmiert werden, und es wurde möglich, in der Postproduktion gewaltige simulierte Schlachten in die Filme einzufügen.

Da ist es wieder, das Beleidigungspotenzial der Digitalisierung: Eine Arbeit, die jahrelang stolze Statisten erledigt haben, lässt sich auch am Rechner erledigen, denn Statisten sind nicht viel mehr als angezogene Orks mit einem überschaubaren Set an Bewegungsentscheidungen.

Die digitalen Orks sind wie wir: Sie tun so, als seien sie Individuen. Das Ork-Beispiel stammt nicht von Nassehi, sondern aus dem faszinierenden Video «Transformation Scenario» des deutschen Künstlers Clemens von Wedemeyer, das derzeit im Kunstmuseum Luzern zu sehen ist.

Virtuelles Training für die Strassenkampf

Von Wedemeyer stützt sich zum Teil auf dieselben Forschungen wie Nassehi. «Transformation Scenario» kommt daher wie ein Werbevideo einer futuristischen Software-Agentur, aber tatsächlich wird vieles, was darin thematisiert wird, heute schon gemacht. Der Künstler zeigt auf, dass Simulationen von sozialem Verhalten, wie sie für «Lord of the Rings» oder Videogames entwickelt wurden, heute auch in der Architektur oder bei der Überwachung von Demonstranten benutzt werden und so wiederum Auswirkungen haben auf das reale Leben.

So simuliert die holländische Polizei mit der Software «Crowd Control» Ausschreitungen zwischen Polizisten und Protestierenden. Man kann Demonstranten per Mausklick auf leere Kreuzungen setzen, wahlweise vermummt oder mit Brandsätzen. Ein virtuelles Training, das auf der Strasse umgesetzt wird.

Ein Ausschnitt aus «Transformation Scenario». Video: Vimeo/Clemens von Wedemeyer

Armin Nassehi argumentiert gleich wie Clemens von Wedemeyer: Da die Digitaltechnik so gut an den Erfahrungen moderner Gesellschaften ansetzen kann, greift sie irgendwann selbst in soziale Prozesse ein. Sie beginnt damit, Daten zu organisieren und Kriterien zu entwickeln, anhand derer wiederum soziale Handlungen erzeugt werden. Ein Beispiel ist das Navigationssystem im Auto, das dem Lenker eine andere Route empfiehlt, weil sich aufgrund der Analyse von Daten anderer Autofahrer ein Stau andeutet – und diese Route nimmt er dann auch.

Was aber, fragt von Wedemeyer in seinem Video, wenn uns das Navigationsgerät auch dann auf einen anderen Weg schickt, wenn in der Nähe eine Rebellion ausbricht? Undenkbar ist das nicht, schliesslich erhalten Chinesen schon heute eine SMS, die sie davor warnt, an einer Demonstration teilzunehmen.

Unsere Daten sind nur «Spielmaterial»

Natürlich sieht Armin Nassehi auch die Gefahr von Macht- und Kapitalanhäufung in digitalen Zeiten, die Probleme von Manipulation und Fake News. Weil er aber schwer systemtheoretisch denkt, geht es ihm darum, wie die Dinge funktionieren. Das hat den Vorteil, dass man für einmal freie Sicht hat darauf, was die Digitalisierung mit unserer Gesellschaft tatsächlich tut. Der Nachteil ist, dass das Buch bei allen Bemühungen um Verständlichkeit nicht besonders einfach zu lesen ist.

Nassehi kommt aber auch zu bedenkenswerten Befunden: Gerade weil es in der Gesellschaft keinen Sonderbereich fürs Digitale gibt, geht die Entwicklung überall durch. So gesehen, lässt sich mit persönlichen Daten in allen Bereichen Geld verdienen, denn diese sind lediglich das «Spielmaterial», mit dem ausgetestet wird, «was geht». Und das ist auch jenseits des Katastrophismus eine doch irgendwie beunruhigende Diagnose.

Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. C.H. Beck, München 2019. 352 S., ca. 30 Fr.
Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. C.H. Beck, München 2019. 352 S., ca. 30 Fr.

Die Ausstellung von Clemens von Wedemeyer heisst «In Gesellschaft» und ist bis 9. Februar im Kunstmuseum Luzern zu sehen.

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