Zum Hauptinhalt springen

Wie ein Riese zu wahrer Grösse findet

Die Verfilmung seines letzten Romans «Kamtschatka» wurde für einen Oscar nominiert. Mit «Das Lied von Leben und Tod» legt der Argentiner Marcelo Figueras ein neues Buch vor. Es liest sich wie ein Drehbuch.

Alles beginnt mit einer Flucht. Teo, der Riese, flieht vor einem Wolf. Zwar gibt es in Patagonien keine Wölfe, doch noch viel beunruhigender als dieser Widerspruch ist, dass der Wolf Latein spricht.«Di nos quasi pilas homines habent», sagte das Tier hinter ihm. Der Riese kannte den Satz, der Wolf zitierte Plautus. Ein Tier, das sich mit den Klassikern auskannte? Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er stolperte über Wurzeln, bei jedem Sturz bebte die Erde. Seine Lungen brannten wie Schmiedeöfen. Er suchte einen Baum, auf den er klettern konnte, aber die Kiefern, Igel des Festlandes, wiesen ihn ab. Nach einer Weile entdeckte er eine Lärche, die ihm einen Steigbügel anbot. Mit zwei Sätzen war er oben, die Luft dort war dünner.»

Dort oben sitzt Teo nun und wartet, bis der Wolf verschwunden ist und an seiner Stelle eine bezaubernde Frau steht, die ihn auffordert, herunterzukommen.

Dichtung und Wahrheit

Ist Marcelo Figueras’ neuer Roman ein Märchen? Ja und Nein. Ja, wenn man wie Teo der schönen Pat folgt. Wenn man deren Tochter Miranda mit ihrem absoluten Musikgehör kennen lernt und die drei im pittoresken Bergdorf Santa Brigida zu einer glücklichen Familie zusammenwachsen sieht. Nein, wenn man erfährt, dass Teo auf Grund seiner überall aneckenden Grösse ein klitzeklein geschrumpftes Selbstwertgefühl hat. Wenn man erkennt, dass Pat Miranda vor dem Kindsvater, einem hohen Militär, versteckt. Und dass auch das nette Völkchen von Santa Brigida nicht frei ist von Schuld.

Die lange nachwirkende argentinische Militärdiktatur unter Juan Peron ist der düstere Hintergrund, vor dem der 46-jährige Autor seine irritierend heiteren Geschichten spinnt – in feinen Fäden zwischen hyperrealer Härte und surrealen Fantastereien. Dabei ist das Fantastische nicht bloss Ausdruck von Exotismus wie bei den Vertretern des Magischen Realismus; für Figueras ist es vielmehr «eine alternative Form, in der wir über unsere Welt nachdenken können».

Tragik und Komik

Ähnlich wie in «Kamtschatka», dem letzten Roman des Autors, verharren auch seine jüngsten Helden im schützenden Dunkel eines Verstecks. Pat will Gefangenschaft, Folter, Vergewaltigung und Mirandas erzwungene Geburt vergessen und dem Zugriff ihres einstigen Peinigers entkommen. Teo, immer und überall zum Monster gestempelt, probt mit Pat und Miranda ein neues Leben als Mensch. Doch erst, als Pat psychotisch in eine Klinik eingewiesen wird und der Riese mit der Kleinen auf sich gestellt ist, übernimmt er Verantwortung, wagt sich ans Licht und ins Leben. «Kamtschatka war ein dünner, sehr persönlicher und unvermeidlich trauriger Roman», urteilt der Autor über seinen verfilmten Bestseller von 2003. Das gut 500 Seiten starke «Lied von Leben und Tod» soll nun «das Erhabene und das Niederträchtige, das Tragische und das Komische» in sich vereinen – «ein wenig von all dem, was unser Leben würzt und ihm den unvergleichlichen Geschmack verleiht».

Experiment geglückt: Obwohl so unterschiedliche Inspirationen wie Charles Dickens und die Beatles, Don Quijote und Monty Python, Hildegard von Bingen und Steven Spielberg ihre Spuren in vorliegendem Opus Magnum hinterlassen haben, schmeckt man seine eigene bittersüsse Geschmacksnote deutlich aus dem ausgewogenen Ganzen heraus.

Menschen und Wölfe

Auch punkto Personal schöpft der Autor aus dem Vollen. Es gelingt ihm, unzählige Handlungsstränge zu entwickeln und ganze Biografien – eine skurriler und berührender als die andere – mit dem Schicksal seiner Helden zu verweben, ohne dass man beim Lesen den Überblick verliert. Und der lateinisch sprechende Wolf? War er letztlich nur ein Hirngespinst des Riesen? Natürlich nicht. In einem heruntergekommenen Zirkus begegnen Teo und Miranda ihm noch einmal. Das Tier liegt von Würmern zerfressen in einem ausrangierten Wagen und kann kaum noch sprechen. Doch diesmal sucht Teo nicht das Weite, sondern nähert sich der verendenden Kreatur und empfängt eine Botschaft, die ihm den Weg weist.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch