Weshalb Zitate wörtlich stimmen müssen

«Schreibe betrunken, verbessere nüchtern», sagte Hemingway. Oder doch nicht? Und ist es wichtig?

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David Hesse@HesseTA

Gute Tage für Geschichtslehrer. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse muss sich entschuldigen und zur «vorbehaltlosen Anerkennung von Fakten» bekennen, weil er Walter Hallstein, einem Gründervater der heutigen EU, erfundene Aussagen und Auftritte zugeschrieben hat. «Es war unüberlegt, dass ich im Vertrauen auf Hörensagen die Antrittsrede von Hallstein in Auschwitz verortet habe», schreibt Menasse. «Diese hat dort nicht stattgefunden. Das hätte ich überprüfen müssen.»

Stimmt genau, verdammt. Überprüfen, nachschlagen, wenn möglich den Originaltext besorgen, idealerweise Kopien erstellen – das lehren Historiker ihre Schüler von Anfang an. Aus der Erinnerung zitieren und nicht genau wissen, wie es wörtlich hiess und wo es stehen könnte – inakzeptabel. Der «Sinn» ist korrekt und wichtiger als das «Wortwörtliche», wie Menasse sich erst wehrte? Nichts da. Gefühlte Wahrheit ist nichts wert.

Besser gut gegoogelt als sprachlos

Sicher, Menasse ist Schriftsteller, und Schriftsteller sollen fabulieren. Der Franzose Laurent Binet hat aus erfundenen Zitaten realer Akademiker den irren Roman «Die siebte Sprachfunktion» (2015) geschaffen. Menasse aber engagiert sich politisch und hat sich auch in nicht fiktionalen Essays auf falsch Erinnertes abgestützt. Das geht nicht. Ja, die europäische Einigung war eine Reaktion auf den Horror des Zweiten Weltkriegs und damit ein antinationalistisches Projekt. Doch um ein «Nie wieder Auschwitz», wie Menasse suggeriert, ging es lange nicht. Historiker haben gezeigt, dass unmittelbar nach 1945 in Politik und Öffentlichkeit wenig über die Konzentrationslager diskutiert wurde. Das kam erst später, ab den 1960ern.

Wer nicht exakt arbeitet, fliegt auf. Schön, wenn sich nun eine neue Zitate-Sorgfalt durchsetzen würde. Schliesslich wird derzeit zitiert wie wild, in Zeitungen, im Internet, überall Aphorismen, Marlene Dietrich bis Muhammad Ali. Mit Zitaten markiert ein Leitartikler oder Twitter-Nutzer: Ich bin gebildet, habe gelesen, kann die Einsichten grosser Köpfe auf Probleme der Gegenwart anwenden und Letztere so verständlich machen. Zitieren ist bannen, entschärfen: «Wie sagte nicht schon ...», ist ein erleichternder Satz. Alles schon einmal gesehen. Dass die Weisheiten oft aus Zitate-Lexika oder Online-Sammlungen stammen – geschenkt. Besser gut googeln als sprachlos bleiben.

Viele falsche Zitate

Umso erschreckender, dass viele berühmte Zitate falsch sind – frei erfunden, inkorrekt zugeordnet. «Ich verachte Ihre Meinung, doch ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie äussern dürfen» – diesen schönen Satz zur Meinungsfreiheit hat nicht der Philosoph Voltaire (1694–1778) notiert, sondern seine Biografin Evelyn Beatrice Hall, die Voltaires Denken zum Thema zusammenfassen wollte, was ihr prägnant gelungen ist.

Oder der Satz des Philosophen Theodor W. Adorno (1903–1969), mit dem die Tierschutzorganisation Peta 2004 Plakate bestückte: «Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthof steht und sagt: Es sind ja nur Tiere.» Eine Nachfrage beim Adorno-Archiv ergab, dass das Zitat wohl nicht belegbar ist. Bei Peta heisst es, die Kampagne sei in den USA entstanden und das Zitat nicht überprüft worden, weil es «glaubwürdig» erschienen sei.

Viel zitiert wird Winston Churchill (1874–1965): «Wer mit 25 kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer mit 35 kein Konservativer ist, hat keinen Verstand.» Laut der Churchill Society hat der britische Premier nie so etwas gesagt. Eine französische Publikation von 1875 schreibt den Satz dem Staatsmann Edmund Burke zu. Auch der Churchill-Spruch, das beste Argument gegen die Demokratie sei eine «fünfminütige Diskussion mit dem durchschnittlichen Wähler», ist fake.

Kuckuckszitate gibt es viele. Erich Kästner hat nie gesagt, man könne auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, Schönes bauen. Albert Einstein hat nichts zum Tod der Bienen prophezeit. «Gott gibt uns Nüsse, aber er knackt sie nicht», stammt nicht von Franz Kafka.  Und auf dem Sterbebett bat Goethe offenbar nicht um «mehr Licht», sondern um den Nachttopf. Volksweisheiten und Politslogans werden geadelt, indem sie Denkern zugeschrieben werden. Und je mehr wir googeln, desto verwirrter sind wir. Originaltexte helfen. Gute Zeiten für Geschichtslehrer. «Das Problem mit Zitaten aus dem Internet ist, dass sie nicht immer stimmen.» (Abraham Lincoln)

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