Wenn Paul McCartney im Kopf schreit

Die Schweizer Autorin Linda Solanki legt mit «Verdammter Paul» einen Roman vor, der Themen wie Wirklichkeitsverlust und Obdachlosigkeit temporeich verhandelt.

Stellt meisterhaftes mit der Wahrnehmung der Leserschaft an: Linda Solanski.

Stellt meisterhaftes mit der Wahrnehmung der Leserschaft an: Linda Solanski. Bild: zvg

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Das Phänomen ist bekannt. Irgendwo gabelt man einen Song auf, der sich dann tagelang in den Hirnwindungen herumtreibt. Genau das passiert auch Sebastian, dem Protagonisten in «Verdammter Paul», dem zweiten Roman der Züricher Journalistin und Kolumnistin Linda Solanki. «Hey Jude, don’t make it bad», schreit Paul McCartney in Sebastians Kopf, wobei sich der Beatles-Sänger, eben der verdammte Paul, in allen möglichen und unmöglichen Momenten zu Wort meldet, sodass die Liedzeile Sebastian nicht nur den Schlaf raubt und den Appetit verdirbt, sondern auch soziale Interaktionen verunmöglicht.

Mit diesen tut sich der 20-Jährige sowieso schwer, denn der grosse, blasse Schlaks leidet nicht nur unter akustischen Halluzinationen, sondern auch unter Schizophrenie. Da er sich einer Behandlung in der Psychiatrie entziehen will, flüchtet Sebastian aus dem Haus seiner Mutter, um fortan unter Randständigen auf der Strasse zu leben.

Die andere Normalität

Geschickt montiert Linda Solanki zwei Handlungsebenen. Zum einen schildert sie Sebastians Erlebnisse als Obdachloser, der im Park, im Wald oder in irgendwelchen Bruchbuden übernachtet, tagsüber herumlungert, schnorrt, in der Suppenküche oder in einer der anderen Einrichtungen für Bedürftige die Zeit totschlägt und dabei zum ersten Mal in seinem Leben eine grenzenlose Freiheit spürt, die sogar Paul McCartney in seinem Kopf phasenweise verstummen lassen. Sebastian erfährt auf der Strasse eine Art «Normalität», weil unter den Randständigen die Toleranz gegenüber Andersartigem offenbar grösser ist und er mit seinen Problemen nicht heraussticht, sondern einfach nur einer von vielen ist.

Zum anderen wird im zweiten Erzählstrang rückblickend Sebastians Kindheit und Jugend erzählt. Eine hochsensible Kinderseele wird hier skizziert, die den fehlenden Vater schmerzlich vermisst und dessen Abwesenheit auf eigenes Verschulden zurückführt. Mutter Iris wird als eigensüchtige, lieblose Person charakterisiert, die ihren Sohn spüren lässt, dass er eigentlich unerwünscht ist.

Im Internat findet Sebastian keine Freunde, sondern wird im Gegenteil geschlagen und gemobbt, wobei er seinen Seelen-Schmerz mit Drogen zu betäuben versucht. Schon früh zeigen sich in den eingeschobenen Kindheits- und Jugendepisoden auch erste Anzeichen von Sebastians Schizophrenie, zum endgültigen Ausbruch der Krankheit führt der Verlust des geliebten Grossvaters, der einzigen männlichen Bezugsperson.

Meisterliche Verwirrung

Er ist ein armer Kerl, dieser Sebastian, der sich während seiner Verfolgungswahn-Schübe als Versuchskaninchen für perverse Experimente wähnt und darum nichts und niemandem traut. Und trotzdem hegt man anfänglich keine Sympathie für ihn. Zu blasiert, zu überheblich, zu arrogant und zu selbstmitleidig tritt der junge Mann auf.

Was allerdings Solanki in der Folge mit der Wahrnehmung der Leserschaft in Bezug auf ihren Protagonisten anstellt, ist meisterhaft. Aufgrund seiner Krankheit ist Sebastian ein unzuverlässiger Erzähler, wodurch der Leser selber herausfiltern muss, welche Informationen der Wahrheit entsprechen und welche einer Wahnvorstellung entsprungen sind. So findet man sich in einer ähnlich trügerischen, verwirrenden Welt wieder, wie es diejenige von Sebastian ist. Dadurch wächst denn auch das Verständnis und die Sympathie für den Protagonisten, zumal dieser während seines Lebens auf der Strasse auch eine Art Läuterung erfährt und in Vergangenem und in nahestehenden Personen schrittweise auch Gutes erkennt.

Nicht jeder sei für das Leben auf der Strasse gemacht, sagt Hans-Jürgen, diejenige Figur, die sich Sebastian während dessen Leben ohne Dach über dem Kopf fürsorglich annimmt. Man wäre gerne noch tiefer in die Welt von Punks, «Pennbrüdern» und «Herumtreibern» abgetaucht. Leider bleibt Solanki hier eher an der Oberfläche, vertieft ihre Charaktere kaum und überzeichnet einige klischeehaft. Auch wollen Ironie und sprachliche Bilder nicht immer ganz funktionieren und wirken manchmal etwas gesucht und forciert.

Diese Schwächen vergibt man der 26-jährigen Autorin allerdings gerne. Denn «Verdammter Paul» hat Zug, Tempo und ist ein süffiger Coming-of-Age-Roman, der so schnell nicht aus der Hand gelegt werden will.

Linda Solanki: Verdammter Paul. Roman. Zytglogge Verlag, Basel 2016. 202 Seiten, 32 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2016, 09:27 Uhr

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