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Wehe, wenn das Kopftuch Feuer fängt

In ihrem neuen Buch fordert Alice Schwarzer vehement die Verteidigung der Gleichberechtigung als Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration.

Unermüdliche Kämpferin: Alice Schwarzer.
Unermüdliche Kämpferin: Alice Schwarzer.
Keystone

Dass sich Alice Schwarzer einmischt in die aktuelle Debatte um den Islam und den Umgang damit in einer westlichen Gesellschaft, ist nicht überraschend. Dass sie sich als Feministin des Themas annimmt, ist vielmehr nur logisch: Die ganze Kopftuch-Burka-SchwimmverbotDebatte dreht sich nur um Frauen.

Es geht immer nur um Mädchen oder Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts in irgendeiner Form einer Norm entsprechen sollen beziehungsweise Verbote auferlegt bekommen. Muslimische Buben und Männer sind nicht betroffen, weder von Kleidervorschriften noch von Schuldispensen. Es handelt sich also bei weitem nicht nur um eine Religionsfrage, sondern eigentlich um eine Frauenfrage. Konkret darum, wie eine Gesellschaft, die den Frauen dieselben Rechte zugesteht, damit umgeht, wenn das eine Religion eben gerade nicht macht. In «Die grosse Verschleierung» heisst es: «Es geht um die Frage, ob das verfassungsmässig garantierte Grundrecht auf Religionsfreiheit in einer Weise interpretiert und missbraucht werden darf, dass dadurch andere Grundwerte unserer Gesellschaft relativiert werden.»

«Die grosse Verschleierung» ist eine Sammlung bereits erschienener «Emma»-Artikel verschiedener Autorinnen. Und das Bestürzende daran ist, wie früh Schwarzer bereits auf die Problematik hingewiesen hat – wahrgenommen hat das kaum jemand. Dass man das nicht wollte, lastet sie der «naiven Toleranz» der Linken an, die mit ihrer MultikultiRomantik die bestehenden Probleme trotz vier Millionen Muslimen in Deutschland einfach ignoriert hätten. Dass Linke und Grüne aus politischer Korrektheit in Kauf genommen hätten, dass Frauenrechte mit Füssen getreten und die Errungenschaften westlicher Werte nicht vehement genug verteidigt würden. So erklärt sich Schwarzer auch die Annahme des Minarettverbots in der Schweiz: Dahinter stecke «das Unbehagen an der Relativierung von Emanzipation und Rechtsstaat, ja, der ganzen Demokratie und das im Namen anderer Sitten und eines wahren Glaubens. Kurzum: die Sorge um die in den letzten 200 Jahren so mühsam und blutig erkämpften Menschenrechte im Westen».

Falsch verstandene Toleranz

Wer es trotzdem wagt, die bestehenden Probleme anzusprechen, wird heute immer noch reflexartig des Rassismus verdächtigt; Schwarzer ging und geht es nicht anders. Trotzdem hält sie fest: «Kritik an einem demokratie- und emanzipationsfeindlichen Islamverständnis ist doch selbstverständlich.» Ganz so selbstverständlich offenbar eben nicht: Die Gründerin des deutschen Zentralrats der Ex-Muslime, Mina Ahadi, lebt wegen kritischer Äusserungen über ihre ehemalige Glaubensgemeinschaft seit drei Jahren unter Polizeischutz.

Schwarzer kann ihre Kritik an der falsch verstandenen Toleranz mit zahlreichen Beispielen begründen. Etwa wenn die Menschenrechtsorganisation Human Right Watch ein Burkaverbot als «Stigmatisierung» bezeichnet. Oder wenn 2003 die Bundeszentrale für politische Bildung festhielt, dass auch die Scharia Recht sei und im Wesentlichen dieselben Funktionen erfülle wie die Rechtsordnungen westlicher Gesellschaften – und dass «aus westlicher Sicht das Rechtsverständnis der Scharia keine grösseren Probleme bereite», was doch äusserst befremdend ist.

Oder wenn 2008 in den «Handreichungen» des nordrhein-westfälischen Innenministeriums steht, muslimische Eltern, die ihren Töchtern den Schwimmunterricht untersagten, seien besonders «liebevoll». Und man sich zudem auf den Standpunkt stellt, die Religionsfreiheit habe Vorrang vor dem staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag, und empfohlen wird, «im Konfliktfall Schülerinnen von der Teilnahme an einzelnen Übungen zu befreien, zum Beispiel dann, wenn das Kopftuch beim naturwissenschaftlichen Unterricht Feuer fangen könnte». Also auch keine Chemie-Lektionen mehr für muslimische Mädchen?

Die etwas düster anmutende Prophezeiung der Islamwissenschaftlerin Rita Breuer scheint in diesem Zusammenhang gar nicht mehr so düster: «Wer heute für islamische Kleidung im öffentlichen Dienst plädiert, soll bitte nicht glauben, damit wäre es dann gut. Wer die Befreiung muslimischer Mädchen vom Sport- und Schwimmunterricht akzeptiert, stelle sich bitte darauf ein, in absehbarer Zeit auch über Biologie, Kunst, Musik oder die Themenwahl im Geschichtsunterricht zu diskutieren.»

Menschenverachtende Burka

Schwarzer nimmt wie üblich kein Blatt vor den Mund, und natürlich ist sie Partei, wie immer den Frauen und ihren Rechten verpflichtet. Sie vertritt den Standpunkt, dass es in Deutschland unveräusserliche Werte und Normen gibt, die für alle Menschen gelten, und dass, wer Sonderbehandlungen und einseitige Privilegien aufgrund von religiösen Sonderwünschen grosszügig ermöglicht, Integration eben gerade verhindert und Parallelgesellschaften verfestigt.

Sie spricht sich dezidiert für ein Kopftuchverbot an Schulen aus, die Burka gehöre überhaupt verboten, weil sie in ihren Augen ausgrenzend und zutiefst menschenverachtend sei. Wobei sie Letzteres präzisiert: «Nicht nur für die in ihren Stoffgefängnissen eingeschlossenen Frauen – auch für die Männer, denen ja unterstellt wird, sie würden sich auf jede Frau, von der sie nur ein Haar oder ein Stück Haut erblicken, wie ein Tier stürzen.»

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