Warum uns 1968 nicht loslässt

1968 steht für eine Vielzahl politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Sechs neue Bücher gehen seiner Wirkungsgeschichte nach.

Neue Idole:  Junge Zuschauer am «Monsterkonzert» vom 30. und 31. Mai 1968 im Hallenstadion, an dem auch  Jimi Hendrix auftrat. Foto: Photopress-Archiv, Keystone

Neue Idole: Junge Zuschauer am «Monsterkonzert» vom 30. und 31. Mai 1968 im Hallenstadion, an dem auch Jimi Hendrix auftrat. Foto: Photopress-Archiv, Keystone

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Nebst den in die Jahre gekommenen Dabeigewesenen bewegt 1968 heute ganz besonders auch jüngere Konservative. Sie verstehen das Jahr als schrecklichen Wendepunkt, als ihr Katastrophenjahr. «Warum wir nach den 68ern eine bürgerlich-konservative Wende brauchen», schrieb kürzlich der 1970 geborene deutsche CSU-Politiker Alexander Dobrindt in der «Welt». Seit 1968 sei Deutschland ein von «linker Meinungsvorherrschaft» dominiertes Land.

Auch der AfD-Mann Jörg Meuthen (geboren 1961) sagte am Parteitag 2016: «Wir wollen weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland.» Für die neue Rechte ist 1968 der Moment, da der Niedergang von Nation und Volk begann. Dass die Rhetorik der heutigen Konservativen oft sehr nach 68 klingt («Eliten entmachten!»), hat seine eigene Ironie.

Doch hat 1968 Deutschland und die Welt tatsächlich so verändert? Oder werden die Proteste von 1968 verklärt? Sicher ist: 68 steht für vieles. Für Friedensbewegung und Strassengewalt, Arbeiterstreik und Studentenprotest, antiautoritäre Erziehung und die Entdeckung der «Dritten Welt», sexuelle Befreiung und sektenhafte Kommunen, Rebellion und Massenkultur, Selbsterkenntnis und Selbstfixiertheit.

Zu Beginn des 50. Jubiläumsjahres erscheint eine Fülle von Büchern, die dem Jahr 1968 und seiner Wirkungsgeschichte nachgehen. Vieles sind Memoiren von Protagonisten und Nebendarstellern, von der kürzlich verstorbenen Schriftstellerin Anne Wiazemsky («Paris, Mai 68») über den ehemaligen SBB-Chef Benedikt Weibel («Das Jahr der Träume») bis zu Rudi Dutschkes Witwe Gretchen («Worauf wir stolz sein dürfen»). Die Akteure von damals behielten gern die Deutungshoheit über ihre Zeit, schreibt Richard Vinen. Ausgerechnet die besitzfeindlichen 68er sähen ihre Geschichte als «ihr Eigentum».

Richard Vinen: 1968 – Der lange ProtestAus dem Englischen von Martin Bayer und Heike Schlatterer. Piper. 400 S., ca. 28 Fr. 

Der Brite Richard Vinen, Professor für Geschichte am Londoner King’s College, ist ein Nachgeborener mit Jahrgang 1963. Er hat zu Margaret Thatchers Politik geforscht, also zu den 1980er-Jahren, die er selber erlebt hat. Nun wendet er sich mit «Der lange Protest» 1968 zu. Mehrfach betont er, dass auf die Erinnerungen der 68er selber wenig Verlass sei. Vinen zitiert Daniel Cohn-Bendit, der seine Begegnung mit Sartre 1968 völlig anders schildert als Sartre selbst.

Überhaupt legt sich Vinen gern etwas an mit seinem Forschungsgegenstand – etwa mit der Beobachtung, dass viele Aktivisten sich schon damals narzisstisch als zukünftige historische Figuren verstanden hätten. Herrlich die Anekdote, nach der eine sozialistische Gruppierung in den USA im Februar 1970 schnell noch die Historische Gesellschaft Wisconsin anrief und ihr Vereinsarchiv abholen liess, bevor sie sich in den Untergrund verabschiedete und der Terrorgruppe Weathermen anschloss.

Vinens Buch ruft in Erinnerung, wie international 1968 war. Sein Fokus liegt zwar einmal mehr auf den wohlhabenden Industriegesellschaften des Westens – und nicht auf dem Prager Frühling, dem Krieg in Vietnam oder der chinesischen Kulturrevolution. Im Westen aber ist er gründlich: Den USA, Frankreich, der Bundesrepublik und Grossbritannien widmet er eigene Kapitel. Dabei interessieren ihn die «nationalen Eigentümlichkeiten» mehr als das übernational verbindende Element, was ihn vor zu einfachen Generalschlüssen bewahrt.

«Der lange Protest» ist ein ernsthaftes, manchmal trockenes Buch. Konsum, Pop und Drogen kommen nur am Rande vor. Im Kapitel «Sexuelle Befreiung und Familie» ist Vinen differenziert, vergisst nicht, den «kruden männlichen Chauvinismus» mancher 68er-Studentenführer zu bemerken. Viele Feministinnen mussten sich in den 1970ern erst von linken Machos befreien. Vinen zitiert eine Schweizer 68erin: «Wir waren nur zum Kaffeekochen und Flugblätterverteilen da.»

Auch wo es um die Ursachen der Proteste geht, macht es sich Vinen nicht zu einfach. In der Bundesrepublik etwa seien die 68er eine Generation, die den Zweiten Weltkrieg nur als Kinder und mit ihm «eine besondere Freiheit» erlebt habe; oft waren die Väter weg, verschollen, gefallen. Die Wiederherstellung konventioneller Autorität durch den Staat ab 1949 habe diese Generation dann teilweise abgelehnt. 1968 als Rückeroberung einer Kinderfreiheit – der Gedanke ist zumindest anregend.

Vinen versteht 68 als «Epoche», die mehrere Jahrzehnte gedauert habe, weil etliche Akteure erst am Ende des 20. Jahrhunderts ihren grössten Einfluss ausübten: Joschka Fischer in Deutschland, Daniel Cohn-Bendit in Brüssel, Jack Straw in England, Bill Clinton und John Kerry in den USA. Das «Bild einer westlichen Welt, die anscheinend von Alt-68ern geführt» wird, ist für ihn nicht ganz verkehrt.

Detlef Siegfried: 1968. Protest, Revolte, GegenkulturReclam. 304 S., ca. 32 Fr. 

Das sieht Detlef Siegfried anders. Der Professor für Deutsche Geschichte an der Universität Kopenhagen ist 1958 geboren. Dass die 68er an der Macht seien, stimme nicht: Gerhard Schröder etwa sei 1998 nur um den Preis der Distanzierung von 1968 deutscher Kanzler geworden. Der heutige Blick auf 1968 sei eher unversöhnlich, weil die heutige Zeit viel weniger mutig und international sei: «Auch deshalb ist die Faszination von 1968 ungebrochen – weil die Leitmotive von Solidarität und Gemeinschaft seit der liberalistischen Wende der 1980er-Jahre immer weniger zählen.» Hier schreibt einer nicht ohne Sehnsucht.

Siegfried ist ein Spezialist für Pop- und Alltagskultur, und deshalb geht es in seinem «Protest, Revolte, Gegenkultur» um all das, was Vinen eher knapp abhandelt: um Sex, Musik, Körper, Konsum, Freizeit – um die «soften Faktoren» der so sehr politischen Bewegung. Auch Siegfried untersucht ein langes 1968, grob 1958 bis 1973. Er konzentriert sich auf die westdeutsche Erfahrung.

Das Buch ist reichhaltig. Die neue Lust an Auslandreisen, die sich wandelnde Sexualerziehung von Kindern, «Afroamerikanophilie» in der Bundesrepublik sowie die Bedeutung des «Undergrounds» im Schallplattenmarkt bekommen eigene Unterkapitel.

In seinem Fazit über das Vermächtnis von 68 ist Siegfried entschieden: Viele der gesellschaftlichen und politischen Neuerungen der letzten 50 Jahre mögen schon vor 1968 gekeimt haben, doch in Fahrt gekommen seien sie «vielfach erst mit dem Schub der Jugendrevolte». Und während natürlich die Überwindung der bürgerlichen Familie und andere Projekte der 68er bis heute nicht realisiert wurden, so drang zumindest die sexuelle Liberalisierung «in weniger radikalen Formen auch in traditionalistisch geprägte Milieus vor». Für Siegfried hat 68 durchaus konkret etwas erreicht und für Befreiung gesorgt.

Wolfgang Kraushaar: 1968100 Seiten. Reclam. 100 S., ca. 12 Fr. 

Dass man auch als Zeitzeuge und 68er differenziert mit seiner Zeit umgehen kann, zeigt der Politologe Wolfgang Kraushaar, geboren 1948. Er gilt als Chronist der bundesdeutschen 68er-Bewegung, publiziert seit 1977 zum Thema.

Sein 100 Seiten kurzes Buch zum Jubiläum, mit Schwung und Lust verfasst, ist eine erfreuliche Lektüre. Kraushaar müht sich nicht mit Rekonstruktionen ab, sondern fängt gleich damit an, was seither alles geschehen ist, von der deutschen Regierung Brandt 1969 bis zu 9/11 und dem Krieg gegen den Islamischen Staat. Und kommt zum Schluss: Politisch sei von der doch so politischen 68er-Bewegung nur ganz wenig geblieben; die Parolen von damals lösten heute nur noch Gelächter aus, schreibt er; eigentlich seien die Öko-, die Frauen- und auch Antiglobalisierungsbewegung danach viel erfolgreicher gewesen als 1968.

Weshalb aber hat nur 68 diesen Echoeffekt? Für Kraushaar liegt es am Tabubruch: «Weder zuvor noch danach ist die Gesellschaft so grundlegend infrage gestellt worden wie in jenem Jahr: Autorität, Ordnung, Gehorsam, Pflicht, Leistung, Zuverlässigkeit, Sauberkeit sowie Ethik und Moral insgesamt – der gesamte Kanon an sozialen Werten wurde auf den Prüfstand gestellt.» Es gehe bei 68 um den Mut, an allen Gewissheiten zu rütteln. Etwa die bürgerliche Kleinfamilie als «repressiv-neurotischen Zwangsverband» zu entlarven und zu sprengen – mit Kommunen, antiautoritärer Erziehung. Auch wenn davon eigentlich nur die Studenten-WG geblieben ist.

In seinem «Politischen Fazit» schaut Kraushaar auf kurz- und langfristig Erreichtes. Dass die US-Führung im Vietnamkrieg resignierte, der Krieg schliesslich endete, legitimierte viele 68er nachträglich: «So konnte man sich doch sicher sein, als Teil einer weltweiten Antikriegsbewegung auf der richtigen Seite gestanden zu haben.» Etwas ratlos bleibt man bei der Einschätzung zur 68er-Kritik an Demokratie und Kapitalismus. Angesichts des Siegeszuges von Neoliberalismus und Globalisierung blieben «die damals geäusserten Bedenken gegenüber der Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie immer noch unausgeräumt». Was soll das konkret heissen? Abwählen bringt nichts, zurück zur ausserparlamentarischen Opposition?

Revolte, Rausch und Razzien: Neunzehn 68er blicken zurückHg. von Samuel Geiser u.a. Stämpfli. 128 S., ca. 30 Fr. 

Neben grossen Synthesen erscheinen dieser Tage auch Lokal- und Lebensgeschichten: München 1968, Frankreich im Mai 1968. Der Band «Revolte, Rausch und Razzien» bleibt «im kleinen, braven Bern», wo einmal «immerhin die Vietcong-Fahne auf der Spitze des Münsterturms» wehte. Das Buch versammelt Begegnungen mit 19 Aktivisten der Zeit. Darunter sind neben weniger bekannten Figuren auch Rudolf Strahm, Kolumnist dieser Zeitung, die Politikerin Therese Frösch und der Schauspieler Max Rüdlinger. Die Protagonisten sind von Alexander Jaquemet toll fotografiert.

Geführt haben die Gespräche aktive oder ehemalige Journalisten von «Der Bund» und Radio SRF, weitgehend sind sie selber aus der Generation, teilweise haben sie sich gegenseitig porträtiert. Mit drei bis vier Seiten pro Figur sind die Porträts knapp und weitgehend freundlich-unkritisch, niemand ordnet das Gesagte ein. Und doch werden Wege nachvollziehbar, vom 68er-Rebellen zum AHV-Rentner.

Ueli Mäder: 68 – Was bleibt?Rotpunkt. 400 S., ca. 48 Fr. (erscheint im Mai) 

Sicher weniger gmögig wird das für Mai angekündigte 1968er-Buch von Ueli Mäder. Der in Basel lehrende Soziologe ist bekannt für seine Armuts- wie Reichtumsforschung. Er ist 1951 geboren, also knapp ein Zeitzeuge. In «Was bleibt?» geht es Mäder explizit um das Vermächtnis. Er konzentriert sich darin auf die Schweiz – von der «Zürcher Republik Bunker» bis zum «Aargauer Ziegelrain».

Auch Mäder streut in sein Buch immer wieder Kurzporträts ehemaliger Aktivisten ein, verbindet aber das Grosse mit den Einzelgeschichten. Neben einer gewaltigen Menge von Literatur verarbeitet er mehr als 100 neu geführte Interviews mit 68ern und Nachgeborenen, von Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss bis BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

Heinz Bude: Adorno für RuinenkinderHanser. 128 S., ca. 22 Fr. 

Bereits erschienen ist «Adorno für Ruinenkinder» des deutschen Starsoziologen Heinz Bude, geboren 1954. Er ist ein Spezialist für deutsche Generationenporträts und hat 1995 schon ein 68er-Buch über «Ursprung und Wirkung» der Jahrgänge 1938 bis 1948 geschrieben («Das Altern einer Generation»).

Seine Gesprächsprotokolle von damals, manchmal 30 Jahre alt, nimmt er nun noch mal hervor und liest sie neu. Er nennt den schmalen Band einen «Remix». Der Buchtitel «Adorno für Ruinenkinder» ist nur auf den ersten Blick gesucht: Bude will herausfinden, «wie viel 1945 in 1968 steckt». Hat die Prägung durch die letzten Kriegsjahre und die Nachkriegszeit etwas Spezifisches mit der Generation angestellt, die dann 67/68 zur Protestgeneration wurde? Ist eben die schon bei Vinen erwähnte vaterlose Unbeaufsichtigtheit um und nach 45 der Schlüssel zur Autoritätsbekämpfung 67/68?

Bude befragt fünf Personen zu ihrer Kindheit – Akademiker, keine Stahlarbeiter und Bierfahrer –, zu ihren Eltern und frühesten Erinnerungen: Hunger und Bettelei auf dem Land bei Pommern, die Flucht von Königsberg nach Berlin, enttäuschte Hoffnungen auf sozialen Aufstieg, verschollene Väter, Wut auf die Siegermächte.

Bude vertritt keine steilen Thesen, eher versteht er sich auf «möglichst präzises Spekulieren». Dabei bleibt er nah an seinen Protagonisten, immer geht es um subjektive Umstände. Das ist redlich, aber manchmal gelingt der Gedankensprung vom Kleinen zum Grossen nicht ganz, weiss man nicht, was einem diese Biografien nun erklären.

Typisch 68

Etliches ist sicher «typisch» 68: wie der 20-Jährige nach Hause kommt, den Eltern von den Schriften Adornos erzählt und die Mutter ihn abkanzelt: jüdische Zersetzung. Immer noch der alte Antisemitismus. Der Ex-Flüchtling und Remigrant Theodor W. Adorno sei für viele Frankfurter Studenten der Einzige gewesen, «der die halbbewussten Wahrnehmungen des Völkermords, so wie sie in der Erinnerung der Kriegskinder versiegelt waren, zur Sprache bringen konnte», heisst es einmal.

Für einen von Heinz Budes Gesprächspartnern bedeutete «68er sein» einfach der «Glaube, dass man als Individuum gemeinsam mit anderen etwas bewegen könne. Einfach so.» Mit der Entdeckung der Gemeinschaft, der Gesellschaft, schreibt der Soziologe Bude, hätten die Jungen die schweigende Wand der Alten überwinden können. 68 sei ein Projekt der Befreiung gewesen.

Gemeinschaft und Befreiung – klingt packend, auch 2018 noch. Nur steht der Slogan heute eher auf den Bannern der neuen Rechten: Wir sind das Volk, das Volk hat recht. Menschenrechtskonventionen? Auch nur linke Vorschriften.

1968 bleibt das Jahr des Protests, der Revolte. Wo die sinnvolle Befreiung endete und die Verwilderung begann, das verhandeln die Nachgeborenen. Immer wieder neu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 18:10 Uhr

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