War es ein Unfall?

Krimi der Woche: Die japanische Erfolgsautorin Kanae Minato beleuchtet in ihrem Roman «Schuldig» menschliche Abgründe.

Neben guten Plots bietet Kanae Minato in ihrem Thriller auch spannende Einblicke in die japanische Gesellschaft und Esskultur.

Neben guten Plots bietet Kanae Minato in ihrem Thriller auch spannende Einblicke in die japanische Gesellschaft und Esskultur.

(Bild: Hiroyuki Yamaguchi)

Der erste Satz
KAZUHISA FUKASE IST EIN MÖRDER!

Das Buch
Kazuhisa Fukase ist ein zurückhaltender, unscheinbarer, junger Typ. In der Büromaterialfirma, in der er arbeitet, wird er vor allem geschätzt, weil er den besten Kaffee zubereitet. Das belebende Gebräu ist sein Hobby, dem er sich leidenschaftlich widmet. Sonst dümpelt sein Leben ziemlich ereignislos dahin. Doch kaum hat er endlich eine Freundin gefunden, kommt es zu einer dramatischen Wendung: Sie erhält eine anonyme Nachricht, er sei ein Mörder. Sie stellt ihn zur Rede und erfährt vom tödlichen Unfall eines Freundes vor drei Jahren.

Was ist damals wirklich geschehen? Ist Fukase schuld am Tod seines Freundes? Um diese Frage hat die erfolgreiche japanische Autorin Kanae Minato den subtilen Psychothriller «Schuldig» aufgebaut, der in Japan als Vorlage für eine erfolgreiche zehnteilige TV-Serie diente.

Zur Zeit des Unfalls war Fukase noch Student. Zusammen mit vier anderen Studienkollegen wollte er ein Wochenende in den Bergen verbringen. Zu viert kamen sie nach einer fröhlichen Anfahrt, die durch anregende kulinarische Zwischenhalte geprägt war, im Ferienhaus der Familie eines der Studenten an. Einer war aufgehalten worden und wollte nachkommen. Die vier hatten sich schon ein leckeres Abendessen zubereitet und dazu einiges gebechert, als sich der Nachzügler vom Bahnhof im Tal meldete und verlangte, abgeholt zu werden. Fukase, der nicht mitgetrunken hatte, da er Alkohol nicht verträgt, hatte keinen Führerschein. Hirosawa, der weniger getrunken hatte als die anderen beiden, fuhr schliesslich los, um den Nachzügler abzuholen. Doch er kam nie am Bahnhof an. Er war in der stürmischen Nacht von der Strasse abgekommen und in die Tiefe gestürzt.

Drei Jahre später wird nicht nur Fukase des Mordes bezichtigt, auch die anderen bekommen ähnliche Nachrichten, und einer wird sogar an einer U-Bahn-Station auf die Geleise gestossen. Dadurch finden die vier damaligen Studenten wieder zusammen, und Fukase erklärt sich bereit, der Sache nachzugehen.

Minato tarnt die raffiniert aufgebaute Geschichte mit ausschweifenden Beschreibungen von Honigsorten, Kaffeezubereitungen und verschiedenen Essensfreuden. Unaufgeregt, fast beiläufig gibt sie dem Plot immer mal wieder eine unerwartete Wendung, ohne aber plump falsche Fährten zu legen. Sie gibt damit nicht nur interessante Einblicke in die japanische Gesellschaft und ihre Esskultur, sondern leuchtet in die Abgründe der menschlichen Seelen. Um das Thema Schuld und Sühne dreht sich der Roman. Und es geht auch um seelische Verletzungen, etwa durch Mobbing in der Schule.

Die Wertung

Die Autorin
Kanae Minato, geboren 1973 in Innoshima in der japanischen Präfektur Hiroshima, studierte an der Mukogawa Women's University. Sie war zwei Jahre als freiwillige Helferin in Tonga tätig, bevor sie Hauswirtschaftslehrerin an einem Gymnasium wurde und heiratete. Mit 28 bekam sie ihr erstes Kind. Erst in ihren Dreissigern begann sie zu schreiben. Ihr erstes Buch «Kokuhaku» erschien 2008 und wurde mit über 3 Millionen verkauften Exemplaren ein grosser Erfolg; der Thriller erschien 2014 auch auf Englisch («Confessions») und 2017 auf Deutsch («Geständnisse», C. Bertelsmann). Inzwischen hat sie in Japan mehr als ein Dutzend Bücher veröffentlicht und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Mehrere Bücher wurden verfilmt; so war auch «Ribasu» (2015), das jetzt unter dem Titel «Schuldig» auf Deutsch erschien, 2017 als TV-Mini-Serie unter dem Titel «Reverse» erfolgreich. Kanae Minato ist begeisterte Sportkletterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Kushimoto.

Kanae Minato: «Schuldig» (Original: «Ribasu», Kodansha, Tokio 2015). Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. C. Bertelsmann, München 2019. 317 S., ca. 25 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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