Von der eigenen Vergangenheit eingeholt

Krimi der Woche: Die Kanadierin Sheena Kamal schuf für ihr Debüt «Untiefen» eine originelle Ermittlerin.

Neben dem geschickt gebauten Plot überzeugt insbesondere der Tonfall der Autorin, der oft ironisch, manchmal sarkastisch ist: «Untiefen» der Kanadierin Sheena Kamal.

Neben dem geschickt gebauten Plot überzeugt insbesondere der Tonfall der Autorin, der oft ironisch, manchmal sarkastisch ist: «Untiefen» der Kanadierin Sheena Kamal. Bild: Malcolm Tweedy/PD

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Der erste Satz:
Der Anruf kommt kurz nach fünf Uhr morgens.

Das Buch:
Kürzlich hat sich der kanadische Premierminister Justin Trudeau bei den Ureinwohnern der Atlantikprovinzen dafür entschuldigt, dass ihnen noch bis 1996 Kinder weggenommen und zwangsweise in katholische Internate gesteckt oder zur Adoption gegeben wurden. Dieses dunkle Kapitel der Geschichte Kanadas ist zwar nicht das Thema des Krimidebüts «Untiefen» der Kanadierin Sheena Kamal, kommt darin aber am Rande auch vor. Denn der Vater von Kamals Heldin Nora Watts war ein Ureinwohner; die Mutter, eine Immigrantin unbekannter Herkunft, hatte die Familie früh verlassen.

Sheena Kamal ist selbst Immigrantin; sie kam als Kind aus der Karibik nach Kanada, wo sie Politikwissenschaften studierte und beim Film arbeitete. Bei Recherchen für eine TV-Krimiserie kam ihr die Idee für ihren ersten Kriminalroman, der Anfang einer Trilogie mit Nora Watts. Diese hat 15 Jahre zuvor als Folge einer brutalen Vergewaltigung ein Mädchen zur Welt gebracht, das dann von einem kinderlosen Paar adoptiert wurde. Und dieses Mädchen ist jetzt verschwunden. Die Adoptiveltern gehen davon aus, dass es, wie schon früher, nach seiner leiblichen Mutter suchen will, und nehmen darum mit Nora Watts Kontakt auf. Die hat nichts von dem Mädchen gehört, beginnt dann aber selbst nach ihm zu suchen. Nora arbeitet als Rechercheurin für einen Journalisten und als Hilfsermittlerin für einen Privatdetektiv; die beiden sind ein Paar. Sie wohnt mit ihrem Hund im Keller des Hauses, in dem sich das Büro befindet.

Es ist eine originelle und spannende Heldin, die Sheena Kamal geschaffen hat. Nora Watts ist für ihre Arbeitgeber «unser hauseigener Lügendetektor» – sie erkennt, wenn Menschen schwindeln. Sie war Bluessängerin: «Um geistliches Liedgut vorzutragen, braucht man Hoffnung, und die fehlte mir, deshalb kam mir der Blues gerade recht.» Sie ist – zumeist trockene – Alkoholikerin. Sie kennt die Abgründe der Stadt und hasst die Natur: «Auf Waldspaziergänge kann ich gut verzichten, vielen Dank auch. Da ist mir eine dreckige Strasse voller Penner und benutzter Spritzen jederzeit lieber. Die gefährlichen Kreaturen dort kenne ich wenigstens, und sie machen mir keine Angst mehr.»

Zu den Qualitäten dieses Romans zählt neben dem geschickt gebauten Plot insbesondere der Tonfall der Autorin, der oft ironisch, manchmal sarkastisch ist: «In Kanada prallen die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander. Nur, da wir von Kanada reden, ist es weniger ein Aufeinanderprallen, als ein höfliches Einander-Zunicken mit anschliessenden gehässigen Bemerkungen auf dem Golfplatz.» Da verzeiht man auch, wenn sie zwischendurch etwas ins Dozieren kommt.

Die Wertung:

Die Autorin:
Sheena Kamal, geboren in Trinidad in der Karibik (etwa Mitte der 1980er-Jahre, genauer Jahrgang unbekannt bzw. unter Verschluss), kam als Kind nach Kanada. Sie studierte an der University of Toronto Politikwissenschaften und war in verschiedenen Funktionen bei Film und Fernsehen tätig, unter anderem als Autorin und als Schauspielerin. Die Idee für ihren ersten Kriminalroman, «The Lost Ones», entstand, während sie als Rechercheurin für eine Krimi-TV-Serie arbeitete. Der auf Deutsch unter dem Titel «Untiefen» erschienene Roman ist der erste Band einer Trilogie mit Ermittlerin Nora Watts. Sheena Kamal lebt in Vancouver.

Sheena Kamal: «Untiefen» (Original: «The Lost Ones», William Morrows, New York, 2017). Aus dem Amerikanischen von Sybille Uplegger. Ullstein, Berlin, 2017. 397 S., ca. 23 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 14:59 Uhr

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