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Vom Unort zur sakralen «Alhambra»

Der Berner Autor Tom Kummer will den Europaplatz mit «Säulenheiligen» magisch aufladen.

Tom Kummer lebte 22 Jahre in den USA: «Der Europaplatz erinnert mich an die Freeways in L.A.»
Tom Kummer lebte 22 Jahre in den USA: «Der Europaplatz erinnert mich an die Freeways in L.A.»
Franziska Rothenbühler

Nein, grosse Hoffnungen hat er sich nicht mehr gemacht. Tom Kummer war der letzte von sieben Bewerberinnen und Bewerbern, die der Jury ihr Kunstprojekt präsentierten. «Ich spürte jedoch sofort eine starke Präsenz, die Jurymitglieder haben mir aufmerksam zugehört.» Diese Jury aus Quartierbewohnerinnen und -bewohnern in Bern-Holligen war sehr unterschiedlich zusammengesetzt, Menschen zwischen 17 und 70 Jahren, darunter auch Ausländer mit nur geringen Deutschkenntnissen.

Fünf Tage später erhielt der 56-jährige Kummer, der im Frühling den autobiografischen Roman «Nina & Tom» herausgegeben hat (vgl. «Bund» vom 5. April), via Facebook ein Video. Als er es anklickte, sah er auf dem Bildschirm die versammelte Jury, die ihm gratulierte. Er hatte sie überzeugt mit seinem Projekt «Die Säulenheiligen von Holligen». Von Anfang Juli bis Mitte September wird Kummer unter dem Autobahnviadukt auf dem Europaplatz zwei Säulen mit dicken Schichten von Plakatmaterial einwickeln. «Ich glaube an die Aura von Säulen», sagt Kummer. «Sie beeinflussen das Verhalten der Menschen.» Darum sei er überzeugt, dass die Autobahnsäulen am Europaplatz ein «Energiefeld» über Holligen gelegt hätten.

Die Plakatkleidung wird bei einer Säule aufgerissen und aufgeschlitzt sein und soll so «offene Seelen» symbolisieren, so Kummer. Neben dieser «Muttersäule» wird es auch eine Litfasssäule geben, die von den Quartierbewohnern als Anschlagbrett benutzt werden kann.

Ein «Kopffilm» soll ablaufen

Allein, die Kunst soll auch ins Quartier ausstrahlen: Vier weitere Säulen stehen stellvertretend für vier von Kummer ausgewählte Orte in Holligen. Pfeile und Koordinaten weisen von den Säulen in die jeweilige Richtung. Aufgrund der Koordinaten könne auf dem Smartphone der «Kraftort» im Quartier ausfindig gemacht werden, mit der die Säule am Europaplatz korrespondiere. Am Koordinatenpunkt will Kummer eine verkleinerte Kopie der entsprechenden Säulenheiligen deponieren. Ob die Quartierwanderer dann die «Replikanten» wirklich sehen werden, ist noch offen.

Eine dieser Aussenstellen hat Kummer bereits gefunden: «Die Bahnstrasse mit ihren Sozialbauten ist wirklich ‹heavy›.» Er betrachtet seine Skulptur «situationistisch», ein «Kopffilm» soll bei den Besuchern ablaufen, wenn sie das ihnen unbekannte Holligen erkunden. «Es wäre doch toll, wenn auch Leute ihre Villa in Muri verlassen würden und hier in Ausserholligen unterwegs wären.»

Das Kunstprojekt ist eine Idee von Transform. Die Künstlergruppe um das Kuratorenduo Franz Krähenbühl und Julia Haenni hat in der 6. Ausgabe wieder Holligen zum Zentrum ihrer Aktivitäten gemacht. Letztes Jahr quartierten sich Künstler bei Ladeninhabern und Beizenbetreibern für einige Tage ein und liessen sich vom Aufenthalt inspirieren. Eine Leitfrage für die zehn Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Sparten lautete in der aktuellen Ausgabe: Welche Kunst passt ins Quartier? Die beste Antwort gab offenbar Kummer. «Tom hat als Einziger einen klar definierten und einzigen konkreten Ort ausgesucht», sagt Julia Haenni.

Erinnerungen an Los Angeles

Über zwei Jahrzehnte lebte Kummer in Los Angeles, ehe er im vergangenen Jahr in seine Heimatstadt zurückkehrte. Der Europaplatz hat ihn sofort an Los Angeles erinnert, «an die Freeways, welche die Stadt zerschneiden, Quartiere abtöten und isolieren». In der Westküstenmetropole der USA seien es vor allem Latinos, die sich solche Unorte aneignen würden, das «Brutale und Unschöne» für sich nutzbar machten.

Stadt und Kanton haben Ausserhollligen 2012 zu einem Entwicklungsschwerpunkt erklärt. Rund um den Europaplatz dominieren schlecht genutzte Gewerbeareale, die Eisenbahn, Schrebergärten und Wohnhäuser. Abseits der Hauptachse, der Schlossstrasse, prallen Gegensätze aufeinander: eine Moschee und das Schloss Holligen, Sozialbauten und die Friedenskirche. Eine Projektstudie des Schweizerischen Werkbundes regte 2013 in einer «Vision Stadtquartier» an, die Autobahnzufahrten, die heute Bern-West vom Rest der Stadt abgrenzen, kurzerhand zurückzubauen, um so Platz zu schaffen für ein neues Zentrum.

Zuerst war es ein «weisser Fleck»

Sein Projekt sei in der Hoffnung entworfen worden, sagt Tom Kummer, dass die Bewohner von Holligen dank den Säulenheiligen neue Kräfte sammeln können. «Nachts hat der Platz bereits etwas Sakrales, wenn die Säulen leuchten», sagt Kummer, der mit ansteckender Begeisterung die Stadtburg in Granada erwähnt und eine urbane «Alhambra» vor dem inneren Auge sieht. Für den als Journalist und Autor bekannt gewordenen Kummer – seine fingierten Interviews mit Hollywood-Stars sorgten Anfang des Jahrtausends weltweit für Schlagzeilen – schliesst sich mit diesem Kunstprojekt ein Kreis.

Als er vor 30 Jahren nach Berlin zog, wollte er eigentlich Künstler werden. «Ich suchte damals meinen Ausdruck mit Pyroaktionen und Videofilmen.» Eher zufällig sei er beim Schreiben gelandet. Zurück in Bern, hat ihn die Aufgabe gereizt, mit einem «fremden Blick» auf das einstmals Vertraute zu schauen: «Ich kannte Holligen überhaupt nicht, das war für mich vor meinen Recherchen ein weisser Fleck.» Tagelang streifte Kummer auf der Suche nach «Spuren der Geschichte» durch das Quartier, knüpfte Kontakte und recherchierte für sein Projekt. Er nennt es in Anlehnung an die legendäre TV-Serie ein «Twin-Peaks-Feeling». Kleine Orte seien spannend, «oft verbirgt sich Unheimliches hinter der scheinbar normalen Fassade». Mittlerweile sei ihm das Quartier fast so vertraut wie die Länggasse, wo er aufgewachsen ist.

Mit seinem temporären Kunstwerk will Kummer den Unort Europaplatz umpolen, damit die Quartierbewohner Stolz empfinden auf ihre «neighborhood» und insbesondere auf den Platz. Kummer hat nun 25'000 Franken für die Realisierung erhalten. Teil des Kunstprojekts ist auch die Herstellung von Halskettchen, an denen eine Miniaturausgabe der Säulen hängt und die bei Führungen durchs Quartier abgegeben werden. Höchstens ein «ironischer Verweis auf Religiosität» seien diese Amulette, sagt der bekennende Atheist Kummer.

Klar ist bereits, dass es am 8. Juli eine «Opening Night» und im September eine Finissage geben wird. Was dazwischen passiert, ist offen. Kummer kann sich einiges vorstellen, von Auftritten des lokalen Chors über Ambient-Konzerte bis zu Megafon-Lesungen mit Texten über das Quartier. «Uns interessiert, ob und wie Kunst in einem Quartier Gemeinschaft stärken kann», sagt Franz Krähenbühl. Und wie erfahren die Holliger von den «Säulenheiligen»? Geplant sind eine Flyeraktion, grosse Plakate und ein riesiger Mail-Verteiler – auf dass sich die Geschichte vom Wunder der «Alhambra vom Europaplatz» herumspricht.

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