Vom Licht am Ende des Tunnels

Ringen um Verständigung: Der Berner Literaturvermittler Hans Ruprecht hat das 3. Internationale Literaturfestival ausgerichtet.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gotthard in Odessa: Im Goldenen Saal des Literaturmuseums knöpft sich der Schweizer Autor Peter Weber seinen Text «Die Polyfräse» vor, eine tektonisch-kulturelle Zeitlupen-Beschreibung des Durchschlags im Herzen der Schweiz von Oktober 2010. Weber erklärt eingangs die Situation, die die Moderatorin aus Moskau so zusammenfasste: das Licht am Ende des Tunnels.

Haarscharf daneben: Da war kein Licht im Gotthard, sondern ein Durchstich in der totalen Dunkelheit. Das milliardenschwere Rendezvous mitten im Schweizer Gebirge – wie schwer verständlich ist diese Situation in einem flachen, riesigen und mit sich und den Nachbarn ringenden Land wie der Ukraine? Wie schlägt man den thematischen Bogen vom Gotthard zur postmodernen Diktatur in Weissrussland, über die der Minsker Autor Artur Klinau in «Die Sonnenstadt der Träume» berichtet, der nun mit Weber im klassizistischen Saal den Tisch teilt?

Prominente Namen

Rund 60 Autorinnen und Autoren aus 20 Ländern – minus 11 Absagen, unter anderem von Wolf Biermann und Ilija Trojanow: Das 3. Internationale Literaturfestival Odessa (ILO) positionierte die geschichtsträchtige, multikulturell geprägte ukrainische Metropole auf der internationalen Kulturkarte. Ausgerichtet vom Berner Hans Ruprecht und vom Berliner Ulrich Schreiber, gelang dieses deutsch-schweizerische Unterfangen zweifellos erneut: Für ein langes und dicht bespieltes Wochenende brachte das Festival den internationalen Literaturzirkel ins literarisch aufgeladene Odessa.

Prominente Namen wie Bachtyar Ali aus Kurdistan, Bora Çosiç aus Serbien, Jennifer Clement aus Mexiko, Michael Krüger aus Deutschland und Serhji Zhadan aus der Ukraine: Das ILO sucht die sprachliche Übersetzung, die kulturelle Verständigung und die politische Debatte und kann damit – im Einzelnen – nur scheitern.

Sprache, die Trennlinien setzt

Allein die geografisch-kulturelle Ausgangslage ist komplex: Mehrsprachige, immer wieder anders besetzte Panels werden simultan auf Englisch übersetzt in einer sich explizit als ukrainisch verstehenden Stadt, die mehrheitlich Russisch spricht. In Odessa wird Zeugnis darüber abgelegt, wie Sprache Irritation schafft, Trennlinien setzt, an denen sich Kriege abspielen, wie Sprache Existenzen und Identitäten vernichtet. Es wird aber auch aufgezeigt, wie Sprache übersetzt, den Austausch schafft, Verständigung sucht und manchmal findet.

Odessa brummt in diesen Herbsttagen. Für den innerukrainischen Tourismus ist die «Perle am Schwarzen Meer» nach der russischen Annektierung der Krim zur Attraktion geworden. Weissliches, bleiches Licht und eine frische Brise machen aus den pittoresken Bauten eine filmreife Kulisse. Das Zentrum von Odessa wurde für die Konsumbedürfnisse der reichen Oberschicht aufgemotzt. Vor der barocken Oper fahren die Hochzeitspaare im Akkord auf, um sich mit gemieteten Stretchlimousinen ablichten zu lassen. Der Stadtstrand liegt in einer postsaisonalen Lethargie.

Derweil üben sich die Deutsch-Schweizerin Nora Gomringer, Aleksander Kabanov und Lyuba Yakimchuk aus der Ukraine sowie Paata Shamugia aus Georgien im poetischen, für den Gast aus dem Westen mitunter schwer verständlichen Sprachlabor.

Zwingendere literarische und politische Momente entstehen, wie der Krieg zum Thema wird. Etwa beim aus dem irakischen Kurdistan stammenden, in Deutschland lebenden Bachtyar Ali, der in «Die Stadt der weissen Musiker» vom Vernichtungskrieg Saddam Husseins am kurdischen Volk erzählt. Mit dem Gewicht eines persönlichen Schicksals nimmt Bachtyar auch Stellung zum kürzlich erfolgten Referendum der Kurden im Irak: «Jedes Volk hat das Recht, über sich abzustimmen. Ich fürchte allerdings, dass das Referendum den Nationalismus der Länder in der Region stärkt und Kurdistan in ein Chaos stürzt.» Sätze, die in diesen Tagen des aufschäumenden Regionalismus respektive Nationalismus auch in Europa heftig nachhallen.

«Als der Krieg über uns kam»

Eindringlich auch Serhij Zhadan, der ukrainische Starautor, geboren in Luhansk im Osten der damaligen Sowjetrepublik, im heutigen Kriegsgebiet. Zhadan lebt in Charkiw, keine 300 Kilometer vom Frontverlauf entfernt – wenn er nicht gerade auf seiner rastlosen Tour in Ost- und Westeuropa ist. Kein Künstler verkörpert den Krieg im Donbass wie Zhadan. Soeben hat der Autor und Musiker seinen neuesten Roman «Internat» veröffentlicht, der im März 2018 auf Deutsch erscheint.

In Odessa wollte Zhadan nicht aus seinem aktuellen Roman lesen: Er habe nicht so über den Krieg geschrieben, wie üblicherweise berichtet werde. In «Internat» seien nicht Täter und Opfer das Thema, sondern Menschen, die im Krieg leben (müssten). Es sei ihm viel zu persönlich, das vorzutragen. Worauf er gefragt wurde, ob es denn für ihn keine Literatur jenseits des Krieges gebe. Zhadans Antwort: «Ich war schon 20 Jahre lang Autor, als der Krieg über uns kam.»

Was erzeugt Literatur? Wo entsteht Poesie? Es war am Biel-Berliner Armin Senser, die lakonische Antwort zu geben. Auf die Frage des ukrainischen Moderators, wie es denn möglich sei, in der so friedlichen, quasi Drama-losen Schweiz Poesie zu produzieren, antwortet Senser: «Das ist einfach: Ich schaffe mir meine eigenen Dramen.» Und trägt mit unterkühlter Vehemenz sein Gedicht «Bergsteiger» vor. Die Berge, die werden die Schweizer auch in Odessa nicht los.

Müsste ein Fazit zum 3. Internationalen Literaturfestival Odessa geschrieben werden, es würde lauten: Ja, trotzdem. Die literarische, kulturelle Vermittlung will hier, am Rand von Europa, nur schwer gelingen. Dass Verständigung überhaupt angestrebt wird, ist aber ein grosses Kulturereignis.

Serhij Zhadan liest am Di, 10. Oktober, 18.15 Uhr, im Collegium Generale der Universität Bern zum Thema: «Warum ich nicht im Netz bin». (Der Bund)

Erstellt: 04.10.2017, 06:49 Uhr

Hans Ruprecht


Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Blogs

Blog: Never Mind the Markets Die Heuchelei der G-20

Zum Runden Leder Impressive Ibrox

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...