Vom Leid eines Künstlerkindes

Die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann beschreibt in einem gnadenlos ehrlichen Bericht, was es heisst, die Tochter weltberühmter Eltern zu sein. 

Liv Ullmann und Ingmar Bergman bei den Dreharbeiten zu «Die Stunde des Wolfs» (1968). Foto: Bettmann Archive

Liv Ullmann und Ingmar Bergman bei den Dreharbeiten zu «Die Stunde des Wolfs» (1968). Foto: Bettmann Archive

Res Strehle@resstrehle

Dieses Buch könnte man auch in der Sparte Literatur besprechen. Aber der Bericht der norwegischen Schriftstellerin Linn Ullmann über ihre Eltern Liv Ullmann und Ingmar Bergman ist keine Fiktion, es ist eine aus der Distanz geschriebene literarische Biografie zweier grosser Figuren des europäischen Kinos.

Passionierte Kinogänger werden von den beiden Eltern schon ein Bild haben: Der vor 100 Jahren geborene Ingmar Bergman, der das europäische Kino zu Beginn der 60er-Jahre mit einem schonungslosen Blick auf seine Figuren zeitgleich neu erfand wie die Nouvelle Vague in Frankreich oder die italienischen Filmemacher – einfach ohne südeuropäische Wärme und Farben. In Erinnerung geblieben ist bis heute die Kälte seiner Schwarzweissfilme, der Kontrast seiner Bilder im harten Licht der schwedischen Ostseeküste, der schwarze Himmel über konturlosen schwarzen Vögeln, die emotionalen Gesichter in Nahaufnahme, in «Persona» zu einem verschmolzen.

Eingeprägt hat sich das Gesicht von Liv Ullmann, die 1966 in «Persona» als stumme Bühnenschauspielerin brillierte und im gleichen Jahr ein Kind des Regisseurs zur Welt brachte. Ingmar Bergman hatte damals schon sieben Kinder – und kümmerte sich um keines von ihnen. Liv Ullmann war die fünfte Mutter seiner Kinder, sie blieben drei Jahre zusammen.

Vater, der Eiserne Vorhang

Linns jüngerer Halbbruder Daniel hat sich in Margarethe von Trottas Dokumentarfilm «Searching for Ingmar Bergman» (2018) ähnlich gnadenlos engagiert zu seinem Vater geäussert wie Linn. Seither ist von ihm folgender Dialog mit dem Vater verbürgt: «Warum hast du den Kindern und Enkeln nie gesagt, dass du sie vermisst?» – «Weil ich sie nie vermisst habe.» Die deutsche Filmemacherin meinte daraufhin, dass ein grosser Künstler eben nicht zwingend auch ein guter Vater sein muss und schon gar kein Heiliger.

Weil die Mutter Liv Ullmann als Schauspielerin nach «Persona» Rollenangebote aus der ganzen Welt bekommt, wird Linn des Öfteren von der Grossmutter und von Nannys betreut. Manchmal reist sie auch mit und handelt für ihr Einverständnis etwas aus: Sie kommt etwa nur mit nach New York, wenn sie dort eine Katze haben werden.

Die Katze wird angeschafft, aber natürlich vermag sie Mutter und Vater nicht gleichwertig zu ersetzen, vor allem in der Pubertät nicht, wenn sich die Jugendliche am elterlichen Gegenüber abstrampeln möchte. Und da wird Linns Schilderung ebenso drastisch wie jene Daniels in Trottas Film: Ihre Mutter war hinter dem Eisernen Vorhang (für eine Rolle in Osteuropa), ihr Vater ist der Eiserne Vorhang (er darf bei seiner künstlerischen Arbeit nicht gestört werden).

Fotomodell, Schriftstellerin und Mutter

Linn Ullmann hätte folglich Grund, mit dem Vater im Alter abzurechnen. Das macht sie aber nicht, im Gegenteil: Als dessen Gedächtnis nachlässt, bietet sie sich als Interviewerin an, dazu treffen sie sich während eines längeren Zeitraums zu vereinbarten Gesprächen. Der Vater, inzwischen weit über achtzig, sitzt auf der Insel Farö so einsam wie seine Figuren ein halbes Jahrhundert zuvor. Seine Wortwahl wird immer lapidarer, die Erinnerung so karg wie die Landschaft und so flatterhaft wie die Falter an der Zimmerdecke. Der grosse Ingmar Bergman wird vor den Augen seiner Tochter und ihrer Leserschaft langsam der Welt entrückt.

Vater, Mutter und Tochter waren Unruhige alle drei, das gibt dem Buch den Titel. Der Vater ein genial Suchender zwischen Film und Theater, bekannt dafür, dass auch seine Schauspieler alles geben mussten, um jene Einsamkeit in die Welt zu flüstern und zu schreien, die er selbst empfand. Die Mutter als Darstellerin im selben Genre, mit einem Gesicht, das die Kinowelt bis heute mit dieser Einsamkeit verbindet. Die Tochter dazwischen, auch sie ausdrucksstark in Wort und Gesten, Fotomodell schon als Jugendliche, danach Schriftstellerin und Mutter. Bloss zusammen, und sei es auch nur gemeinsam einsam, waren die drei nie.

«Das kommt schon gut»

Einzelne Szenen aus Linn Ullmanns Buch bleiben einem in Erinnerung wie Bilder aus frühen Bergman-Filmen: Als sie mit ihrer Familie aus Norwegen an die Beerdigung des Vaters nach Schweden fliegt und unterwegs der Koffer mit der Ausstattung der ganzen Familie für die Trauerfeier verloren geht, müssen sie sich die Trauerutensilien hektisch neu besorgen. Linn Ullmann, selber eine Unruhige, wird im Auto hypernervös, bis sie die dreijährige Tochter aus dem Kindersitz mit den Worten beschwichtigt: «Mama, das kommt schon gut.»

Ingmar Bergman starb vor zehn Jahren in jener nächtlichen Stunde zwischen drei und vier Uhr morgens, die der Regisseur einst als «Stunde des Wolfes» genial verfilmte. Es ist die einsamste Stunde des Tages für Unruhige, weil kein anderer mehr noch auf den Beinen ist und auch keiner schon wieder. Der schwedische Filmemacher drehte in seinen frühen Filmen jene Art von Autobiografie, die seine Tochter jetzt über ihre Eltern geschrieben hat.

Die Autorin liest am 9. November im Volkshaus Basel.

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