Vom Hundertsassa bis zum Erdikus

Giuliano Musio und Manuel Kämpfer finden heimliche Verwandte von bekannten Wörtern. Wussten Sie zum Beispiel, was eine Entletzung ist und wie ein einzelnes Leut lebt?

Geheuer: Kultiviert und höflich, fügt es sich unauffällig in jedem Café ein.

Geheuer: Kultiviert und höflich, fügt es sich unauffällig in jedem Café ein. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Unikale Morpheme. Das klingt streng sprachwissenschaftlich, der Unterhaltungsfaktor scheint bei dieser Thematik dramatisch gegen null zu tendieren. Der Anflug eines Gähnens kann nur mit Mühe unterdrückt werden. Dieses blasierte Gehabe löst sich indes in Luft auf, sobald man sich diesem «keinzigartigen Lexion» widmet. Da ist etwa die Tagigall, welche im Schatten der lieblich singenden Nachtigall steht mit ihrem Ruf, der an die «Rückkoppelung eines Mikrofons» erinnert, in das eine brünstige Perserkatze hineinschreit. Der Erdikus ist im Unterschied zum Luftikus ein höchst realistischer Zeitgenosse, dessen Tagträume ums Einkaufen und Zähneputzen kreisen. Dem Hundertsassa wiederum steht der Tausendsassa seit jeher vor der Sonne; dabei ist er Erzähler von halblustigen Witzen und spült Rekordmengen von Light-Bier hinunter. Oder der Zwilling des Jungspunds: Der Altspund macht sich künstlich alt, um von den Vorteilen des Seniorenlebens zu profitieren und nach Lust und Laune nörgeln und vordrängeln zu können. Oder kennen sie die «Senkamme»? Das ist eine degradierte Hebamme, die mindestens fünfmal ein Neugeborenes hat fallen lassen. Aber zunächst einmal Aufklärung des Sachverhalts: Die Linguistik bezeichnet als unikale Morpheme Wortbestandteile, die nur in einem einzigen Begriff vorkommen – wie etwa «Him» in Himbeere.

Farbenblinde wehren sich

Der Berner Autor Giuliano Musio – von ihm erschien 2015 der Roman «Scheinwerfen» – befreit nun diese einzigartigen Wörter aus ihrer Einsamkeit, indem er ihre heimlichen Verwandten aufspürt oder als Kryptozoologe gar neue Tierarten wie den Flederhamster präsentiert. Da ist etwa das Wort «kunterschwarzweiss», welches das bekannte «kunterbunt» ergänzt. Der entsprechende Eintrag im Lexikon erläutert kundig und durchaus plausibel den Hintergrund dieses Wortes. Kunterbunte Bilder wurden im Zuge der Emanzipationsbewegungen von Minderheiten zunehmend als «Diskriminierung gegenüber Farbenblinden» empfunden. Die Folge: Kunterschwarzweisse Werbeplakate, Konfetti, Kunstwerke, Filme oder gar Clown-Kostüme in allen Grauschattierungen überschwemmten den Markt. Die dazu gestellte Illustration von Manuel Kämpfer im Lexikon zeigt eine (kaum bekannte) kunterschwarzweisse Nana-Figur von Niki de Saint Phalle im Museum.

Es leben die Selbstheilungskräfte!

Regelmässige Leserinnen und Leser des «Bund»-Blogs «KulturStattBern» werden dieses besondere Lexikon bereits kennen, sind doch Teile davon erstmals als Kolumne dort erschienen. Musios Einträge sind oft nicht nur amüsant und voller Hintersinn, sie spiegeln und verfremden mitunter auch die Bedeutung des bekannten Ausgangsworts. Wer sich zum Beispiel «entletzt», heilt sich durch Unachtsamkeit oder Zufall selber – etwa wenn man angeschossen wird und die Kugel einen Tumor im Anfangsstadium zerstört. Illustrator Kämpfer bringt diese Selbstheilungskräfte visuell auf den Punkt mit einem Velofahrer, der kopfüber in eine Wiese voller Heilkräuter stürzt.

Und da wäre «das Leut», Singular von «die Leute». Musio beschreibt im Lexikon mit soziologischem Scharfblick ein isoliertes Individuum, das Verhaltensweisen zeigt, die eigentlich für Menschenmengen üblich sind. Schmerzlich auf seine trostlose Existenz zurückgeworfen, wird dieser Typus bei Versuchen, einen Kanon zu singen oder eine Polonaise aufzuführen: «Es kommt immer wieder vor, dass das Leut in solchen Situationen in Massenpanik gerät.»

Giuliano Musio, Manuel Kämpfer: Keinzigartiges Lexikon. Mit zahlreichen Illustrationen. Edition taberna kritika, Bern 2018. 122 Seiten, 20 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 06.10.2018, 08:09 Uhr

Artikel zum Thema

Keinzigartiges Lexikon: Letzte Folge

KulturStattBern Giuliano Musio hat in 37 Folgen heimliche Verwandte eines vermeintlich einzigartigen Begriffs aufgespürt. Manuel Kämpfer illustrierte diese. Mit dieser Folge verabschieden sich die beiden. Zum Blog

Keinzigartiges Lexikon: Folge 35

KulturStattBern Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Ab in die Wüste

Zum Runden Leder Eyes wide shut

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...