Utopien interessierten ihn nicht

Kunsthistoriker Jacob Burckhardt wurde vor 200 Jahren geboren. Sein Geschichtsbild, das sich gegen den Fortschrittsoptimismus eines Hegel oder Marx richtete, ist aktueller denn je.

 Jacob Burckhardt befasste sich lieber mit Einzelfällen als mit dem grossen Ganzen. Foto: AKG, Keystone

Jacob Burckhardt befasste sich lieber mit Einzelfällen als mit dem grossen Ganzen. Foto: AKG, Keystone

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Man muss sich Jacob Burckhardt (1818–1897) als einen sehr eigenständigen, eigenwilligen Menschen vorstellen, als einen, der vieles zur Kenntnis nahm, was ihn interessierte und faszinierte, aber längst nicht alles übernahm, was ihm präsentiert wurde. Insbesondere den Verlockungen abgeschlossener philosophischer oder historischer Theorien stand er lebenslang skeptisch gegenüber.

Er suchte kein «allgemeines Programm der Weltentwicklung mit optimistischem Ausgang», wie das G. W. F. Hegel mit grossem Erfolg lehrte. Doch auch die materialistische Variante dieses idealistischen Modells, das Karl Marx, Burckhardts Kommilitone in Berlin, zu entwickeln im Begriff war, überzeugte den Basler Einzelgänger nicht: «Schlecht ist der Trost mit einem höheren Weltplan.» Als ob er die Menschheitsverbrechen im Namen der «Diktatur des Proletariats» bereits im Blick gehabt hätte, schrieb er: «Jede erfolgreiche Gewalttat ist allermindestens ein Skandal, d. h. ein böses Beispiel.» Burckhardt, der vielgereiste und dennoch seiner Heimatstadt stets treu gebliebene Historiker, liess sich vom verbreiteten Teleologiefieber nie anstecken. «Wir geben vor allem keine Geschichtsphilosophie», verkündet er in der Einleitung seiner viel gelesenen und viel zitierten «Weltgeschichtlichen Betrachtungen».

Kontinuität und Krise

Die neuste Ausgabe der «Zeitschrift für Ideengeschichte» widmet sich dem Basler «Welthistoriker, Dilettant, Burckhardt». Sie geht der Frage nach, wieso er im Unterschied zu deutschen Historikern wie etwa Theodor Mommsen nach wie vor gelesen wird. Das liege auch an seiner Skepsis gegenüber der Voraussagbarkeit von Zukunft, argumentiert Stefan Rebenich, Professor für Alte Geschichte an der Universität Bern, in seinem Essay «Der Prophet aus Basel». Jacob Burckhardt sei vielmehr am «sich Wiederholenden, Konstanten, Typischen» interessiert gewesen. Die Wiederkehr mit all den Krisen und «Umschlägen» habe der «kulturpessimistische Mahner» als grundlegend angesehen.

Diesbezüglich stand Burckhardt Friedrich Nietzsche, zu dem er ein freundschaftliches Verhältnis während dessen Basler Zeit pflegte, näher als den Historikern. Das Konzept der «Wiederkehr des ewig Gleichen» und wohl mehr noch das «dionysische Prinzip», das gegen das formgebende «apollinische Prinzip» stets Zerstörung und Auflösung mit sich brachte, vermochten Burckhardt beim Deuten der Geschichte mehr zu überzeugen als abstrakte, auf dem Reissbrett entworfene Denklinien, denen sich die Ereignisse dann zu fügen hatten.

Der Kunsthistoriker, der induktiv vorging und nicht deduktiv – so können auch seine Skizzen von den Bauwerken gelesen werden –, verfolgte einen Ansatz, der von der unberechenbaren Macht des Bösen ausging. Das schien ihm plausibler als jeder säkulare Glauben an einen wie auch immer gearteten Fortschritt der Menschheit. «Von der Zukunft hoffe ich gar nichts», schrieb er schon 1849. Gerade weil er dem Gang der Dinge nicht traute, bezeichneten ihn Philosophen wie etwa Karl Löwith in seinem 1936 erschienenen Buch «Jacob Burckhardt. Der Mensch inmitten seiner Geschichte» als letzten Humanisten – im Gegensatz übrigens zu Nietzsche.

«Wir möchten gern die Welle kennen, auf welcher wir im Ozean treiben, allein wir sind diese Welle selbst.»

Was Jacob Burckhardt vor allzu hochtrabenden Auslegungen der Geschichte bewahrte und ihn zum Stachel im Fleisch allwissender Optimisten werden liess, war seine intellektuelle Bescheidenheit, die Ausdruck findet in einer «wunderschönen Formulierung», wie der Münchner Historiker Christian Meier im Heft urteilt: «Wir möchten gern die Welle kennen, auf welcher wir im Ozean treiben, allein wir sind diese Welle selbst.» Aus dieser Perspektive lässt sich keinerlei Schema der Weltgeschichte erkennen, sondern nur Dynamik.

Jürgen Osterhammel von der Universität Konstanz sieht Burckhardt als «Prozessdenker» und «Narrativ-Verweigerer». Dass Quintessenzen und Fazite ihn nicht interessierten, macht ihn auch für heutige Leser aktuell. Auch das Fehlen einer monothematischen Theorie der Geschichte, wie sie Karl Marx in seinem Schichtenmodell vorschlägt, macht ihn anschlussfähig für das 21. Jahrhundert. Nicht zuletzt ist Burckhardts Offenheit gegenüber dem Nicht-Nationalen bemerkenswert in einer Zeit der zunehmenden Globalisierung, die er als «Zusammenpulsieren der Menschheit» vorwegnahm.

Kleinstaat gegen Grossstaat

Auch wenn Jacob Burckhardt gut vernetzt war im europäischen Geistesleben – er studierte in Berlin und Bonn, in Paris und Rom –, so zog es ihn immer wieder in seine Heimatstadt Basel zurück, wo er im St.-Alban-Quartier ein beschauliches, dem Studium gewidmetes Junggesellendasein führte. Selbst einen Ruf an die Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin als Nachfolger des berühmten Historikers Leopold von Ranke lehnte der Basler 1872 ab. Der akademischen Karriere zog er die Ruhe und Stille der kleinen Stadt an der Peripherie vor. Sein Credo, dass Kultur sich partikular, ja sogar lokal äussere, spiegelte sich in seinem Leben wider.

Am 25. Mai 2018 jährt sich der Geburtstag von Jacob Burckhardt zum 200. Mal. Während es in Deutschland bereits Tagungen und Kongresse zu seinem Werk gibt, ist zu hoffen, dass sich auch die Schweiz ihres grossen Denkers mit Stolz erinnert. Das Jubiläum bietet auch ein Korrektiv zu einem Philosophen, dessen 200. Geburtstag just 20 Tage zuvor mit ungleich viel mehr Pomp gedacht wird: Karl Marx. Die beiden Intellektuellen haben aus den Hegel-Studien Unterschiedliches geschlossen: Während Marx dessen Geschichtsphilosophie vom Kopf auf die Beine stellte – womit er letztlich dem Hegelianismus verhaftet blieb –, konnte Burckhardt wenig anfangen mit dem «kecken Antizipieren eines Weltplans». Er machte sich auf die mühsame Suche nach den empirisch belegbaren Spuren der Vergangenheit, die sich in der Architektur und der Kunst finden.

Dies sind zwei völlig unterschiedliche Wege, als Historiker zu Erkenntnissen zu gelangen. Gegen die Macht der Grosstheorien bringt der Basler die Kraft der Einzelstudien in Stellung – ein Verfahren, das er auch politisch forcierte: «Der Kleinstaat hat überhaupt nichts als die tatsächliche Freiheit, wodurch er die gewaltigen Vorteile des Grossstaats, selbst dessen Macht, ideal völlig aufwiegt.» Auch hierin ist Jacob Burckhardt aktuell.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 18:33 Uhr

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Zeitschrift für Ideengeschichte

Welthistoriker, Dilettant, Burckhardt. C. H. Beck, München 2018. 128 S., ca. 24 Fr.

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