Ungemein belebende Sprachbäder

Weite Welt und enge Täler: Der Walliser Rolf Hermann und die Bernerin Ariane von Graffenried legen Mundart-Sprechtexte vor und feiern am Dienstag gemeinsam ihre Buchpremieren.

Aparte babylonische Sprachverwirrung (Ariane von Graffenried, links) und virtuose walliserdeutsche Lautmalerei (Rolf Hermann).

Aparte babylonische Sprachverwirrung (Ariane von Graffenried, links) und virtuose walliserdeutsche Lautmalerei (Rolf Hermann). Bild: Alexander Jaquemet / Valerie Giger

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Diese Sehnsucht nach einem reinen, von schädlichen fremden Einflüssen unberührten Dialekt, den es so vielleicht gar nie gegeben hat, treibt den 27-jährigen Walliser Junggesellen Waldemar Stoffel bis nach Argentinien; dort heiratet er die 108-jährige Esmeralda Zurbriggen, Spross von Walliser Auswanderern. In die hochbetagte Dame hat er sich verliebt, weil er «äsoo näs Wallisertiitsch, wiä sus schiini Esmeralda rädä, suschtär nummu us där Forschigsliteratur kännä».

Eine veritable Forschungsreise ins Lötschental unternimmt ein schwarzer amerikanischer Doktorand aus Berkley, dessen Feldforschung zu einer unerwarteten Erkenntnis führt: Der einzige Einheimische, der mit seinem Sprechapparat überhaupt noch in der Lage sei, den urtümlichen Lötschentaler Dialekt korrekt auszusprechen, ist ausgerechnet der chinesische «Pächter des Karaoke-Bistros Pflaumengarten in Kippel, Phuong Sun Chu».

«The Raclette of Honor»

Nein, ein Sprachpurist ist Rolf Hermann nicht. Der 44-jährige Autor («Kartographie des Schnees»), gebürtiger Leuker und Mitglied der Mundart-Combo «Die Gebirgspoeten», brilliert in seinem Band «Das Leben ist ein Steilhang» vielmehr in einem von Vokalen und Diphtongen gesättigten, geradezu ungebärdig-klangmächtigen Walliser Dialekt voller kecker Sprachspielereien und lautmalerischer Virtuosität. Dabei versammelt Hermann eine breite Palette von Textgenres.

Es gibt eine amüsante Serie von launigen Anekdoten über die «Heldentaten» angeblicher Verwandter und slapstickartig-groteske Kurztexte: Der Filialleiter eines Computershops in Grächen will das Ego-Shooter-Genre mit seinem Spiel «The Raclette of Honor» revolutionieren, indem der Feind nur dann ausser Gefecht gesetzt werden kann, «wa mu nä as fiirheissus Ragglet präzis zwisch d Oigä schmeizä».

Ein pädagogisches Kuriositätenkabinett aus dem Gymnasium «Sanctus Jubilate» steht neben archaischen Sagen voller unerhörter, teils blutiger Begebenheiten und zarten Liebesgedichten. Überhaupt die Liebesgedichte: Sie gibt es in «psychohygienischen» bis «animalischen» Varianten, zusammen ergeben sie unter dem Titel «Düürvisum» eine kleine Ars amatoria.

Und in der «Zugabe» verrät Hermann noch mit einem ebenso alltäglichen wie eingängigen Vergleich, was es braucht, damit die anfänglich rauschhaft sprudelnde Liebesquelle nicht allmählich versiegt. «Vill wichtigär als d Schpiälig / isch, was därnaa chunnt. // Ds Fillu vom Schpiälchaschtu / mit noium Wassär.»

Für den überforderten «Üsserschwiizer» hat Hermann zusammen mit Ursina Greuel die meisten Texte auch ins im Direktvergleich geradezu bieder wirkende Hochdeutsche übertragen – wobei ein lautes Lesen der Walliser Varianten eigentlich reichen sollte, um allfällige Sprachbarrieren spielend zu beseitigen.

Hybride Schönheiten

Auch Ariane von Graffenried ist weit davon entfernt, sich mit dem Stethoskop über den Dialekt-Patienten zu beugen und dessen Krankheit zum Tode zu diagnostizieren. Die 38-jährige Bernerin, Mitglied der Autorengruppe «Bern ist überall» und des Bühnenduos Fitzgerald & Rimini, schickt im Text «Dialäktpfleeg» den hypochondrischen Dialekt ins Spital, wo er zwischen einer resoluten deutschen Pflegerin und seiner übergriffigen Helikopter-Mutter fast unter die Räder gerät, ehe ihm «gottseidank en aagschlagene, fluchterfahrene Albaner us em Zimmer» zu Hilfe kommt.

Im Buch «Babylon Park» klingt schon im Titel an, was Ariane von Graffenrieds Texte auszeichnet: Die babylonische Sprachverwirrung ist für sie ein produktiver, der poetischen Weltwahrnehmung ungemein förderlicher Zustand. In ihren Gedichten und Prosatexten – auch die Texte der beiden Bühnenprogramme «Aristokratie und Wahnsinn» sowie «Grand Tour» von Fitzgerald & Rimini sind hier versammelt – fliessen oft innerhalb eines Satzes Mundart, Hochsprache, Französisch und Englisch mit organischer Anmut ineinander und formieren hybride Gebilde von eigenwilliger Schönheit.

Im titelgebenden Text «Babylon Park» wird ein «Mr Perfect» getötet; ein «malade imaginaire», der alle Sprachen makellos beherrschen möchte und an seiner Unvollkommenheit leidet. Dem gegenüber steht ein polyphones Credo: «Sometimes I drink mother’s milk in misery, / mängisch isch’s Whisky, mängisch Wii. Et dans mon cœur il y a de la place / – das isch guet u kes Manko – / pour plusieurs amants et plusieurs mamans.»

Ariane von Graffenried bezeichnet sich selber treffend als eine Art Sprachmalerin, die «Sprachbäder en masse» nimmt im «Ozean der Sprachen» und sich dabei verschiedener Farben und Materialien bedient. Von der Agglo im Kopf reichen ihre von spöttischem Schwermut geprägten Texte hinaus in die weite Welt bis etwa ins Herz der «eurocrates» in Brüssel und zuletzt via Grauholz wieder zurück.

Traurige Vampire

Eindringliche Hommagen an die Dada-Ikone Emmy Hennings und die heute weitgehend vergessene Elsa von Freytag-Loringhoven stehen leicht ironischen Auseinandersetzungen mit der eigenen Herkunft aus einer Berner Patrizierfamilie gegenüber. In «Arischtokratii und Wahnsinn» ist ein altes Vampirpaar wegen eines Films im Berner Mittelland gelandet. Fremd fühlen sie sich hier nach Ende der Dreharbeiten.

Jetzt sind sie auf dem Weg zurück ins Familiengrab, im Postauto werden sie für Fasnächtler gehalten. Am Ende gibt es doch eine Art Happy End: Sie können sich dank des Personenfreizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und Rumänien in «Transsilvanie» niederlassen. Und es bleibt die Einsicht: «Aber we d Lüt eim d Figur nümme abnämi, de sig das dr Tod fürn e Figur, säubscht we die, so wie si, scho tot sig.»

Ariane von Graffenried: Babylon Park. Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2017. 204 Seiten, 25.90 Fr. Rolf Hermann: Das Leben ist ein Steilhang. Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2017. 213 Seiten, 25.90 Fr.

Doppelvernissage: Dienstag, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher Bern. (Der Bund)

Erstellt: 07.03.2017, 06:53 Uhr

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