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Tom Kummer als Geisterfahrer

Der Berner Ex-Journalist hat einen neuen Roman geschrieben. «Von schlechten Eltern» handelt von seinen Kindern und von Todesvisionen.

Christine Richard
Fälschte Interviews und legt jetzt seinen zweiten Roman vor: Tom Kummer. Foto: Keystone
Fälschte Interviews und legt jetzt seinen zweiten Roman vor: Tom Kummer. Foto: Keystone

Seltsam, dass viele Journalisten vom Wunsch beseelt sind, einen Roman zu schreiben. Das ist ungefähr so erfolgversprechend, wie wenn ein Tischtennis-Crack auf Rasentennis umsteigen würde. Soeben hat der Berner Journalist Tom Kummer, 59, seinen zweiten Roman veröffentlicht. Dieser liest sich besser als gedacht.

Tom Kummer machte sich einen Namen, indem er Interviews mit Prominenten fälschte, gedruckt von namhaften Zeitungen. Nachdem er aufgeflogen war, deutete er seine Fakes flugs als Kunstkniff um, als Beitrag zur Postmoderne. Sein Comeback in Zeitungen allerdings las sich dann eher als Beitrag zum Thema «Die Katze lässt das Mausen nicht». Mit 45 Jahren schrieb er seine Memoiren: «Blow up. Die Story meines Lebens».

Zu Tom Kummers Lebensgeschichte gehört, dass 2014 seine Frau Nina starb. Damals lebte das Paar mit seinen beiden Söhnen in Los Angeles. Aus diesem Stoff entstand sein erster Roman «Nina & Tom» (2017). Es ging um junge Liebe und um frühen Tod, um Rausch, Sex und Stars. Der Emotionskoeffizient war berechenbar hoch. Die Kritiken fielen gnädig aus. Doch Kummer findet sich besser. Seine Website wirbt für den kleinen Roman mit dem Slogan: «Die grösste Liebesgeschichte seit ‹Love Story›». Das Leben ein Blockbuster, was sonst. Bleiben noch die Söhne übrig, sie sind Stoff für den zweiten Roman. Er heisst «Von schlechten Eltern». Und handelt von einem guten Vater. Dieser Vater heisst Tom, wie sonst.

Die Schweiz liegt auf einem irgendwie toten Planeten. Bern wirkt wie eine Geisterstadt.

Tom ist Nachtchauffeur. Er lebt mit seinem Sohn in einem Berner Hochhaus. Angestellt bei einem Genfer Spezialservice, fährt Tom ausländische Diplomaten und Businessleute durch die Dunkelheit. Es geht zu Flughäfen und häufig ins Tessin. Alles ist so schwarz wie Toms Sonnenbrille. Seine Fahrgäste stammen vorwiegend aus Afrika, undurchsichtig sind ihre Geschäfte. Am Strassenrand tauchen «merkwürdige Gestalten» auf, dunkle Schemen, Flüchtlinge, Arme, Ausgemergelte.

Die Schweiz liegt auf einem irgendwie toten Planeten. Bern wirkt wie eine Geisterstadt. Dennoch wartet hier ein Lichtblick. Das ist Vincent, genannt Vince, 12 Jahre alt und Toms Sohn. Nach seinen Nachtfahrten legt sich Tom frühmorgens immer zu Vince ins Bett. Er will am Kind den Duft seiner toten Frau Nina riechen. Nina ist vor einem Jahr in Los Angeles gestorben und Tom heimgekehrt in seine Geburtsstadt Bern. Tom wie Tom. Kummer wie Kummer.

Was geht hier ab? Man könnte meinen: Tom Kummers Vagabundieren zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Erfundenem und Erlebtem geht hier nahtlos weiter. Stimmt nur bedingt. Was an diesem neuen Roman bemerkenswert ist: Er steigert sich; er macht die Auflösung der Grenzen zu seinem zentralen Thema.

Eine Lustpillen-Fabrikantin von Novartis

Der Nachtchauffeur Tom gleitet in einer eigenartigen Grauzone zwischen Afrika und Alpenland dahin. In seinem Mercedes S 560 nimmt er die Lesenden mit. Man kann bequem einsteigen. Die Sätze sind kurz, die Dialoge knapp, die äussere Handlung ist überschaubar. Zuerst fährt Tom einen ominösen Geschäftsmann aus Dakar, danach bringt er eine Lustpillen-Fabrikantin von Novartis nach Zürich, dann einen libyschen Oberst zur Base-Jump-Absprungstelle in Mürren. Ein Mann stirbt, eine somalische Flüchtlingsfrau wird gerettet. Tom fährt und fährt.

Er interessiert sich wenig für seine fremden Fahrgäste. Ihn interessiert auch nicht, ob es seinem 12-jährigen Sohn peinlich ist, den eigenen Vater ständig im Bett zu haben. Tom interessiert sich nur für sein eigenes Innenleben. Das Fehlen weiterer Perspektiven, bei anderen Romanen ein Manko, bekommt hier etwas geradezu Gespenstisches. Der Ich-Erzähler ist präsent, insoweit er im Präsens berichtet. Im Übrigen ist er ein Geisterfahrer, halb der Vergangenheit und halb dem Tod verfallen.

Zwischen die kurzen Gespräche mit seiner Kundschaft drängen sich Todesvisionen, herbeigeführt von der toten Nina – so, als wolle sie ihre Familie zu sich holen. Ein Kongolese berichtet vom «Triumph des schönen Todes». Sohn Vince besitzt die «old soul» Afrikas. Er schreibt einen Schulaufsatz über «Die Präexistenz auf anderen Planeten», während seine tote Mutter zunehmend Macht über die Lebenden gewinnt.

Im Einzelnen wirkt manches konstruiert. Aber in einer Tour gelesen, kann diese funkige Geisterfahrt durchaus faszinieren.

Erinnerungen an die Geburt des ersten Sohnes Frank werden lebendig. Tom hat den inzwischen 18-jährigen Frank in Los Angeles am College zurückgelassen. Jetzt wartet er dringlich auf Nachricht von seinem Ältesten. Das ist die Zielspannung in diesem Episodenroman: Wo ist Frank? Wird er nach Hause kommen? Kann man noch einmal eine richtige Familie sein?

Fette Metaphern, made by Kummer: Da stehen Hochhäuser «wie Grabstelen in der Landschaft», und «Nebelbänke hängen wie Leichentücher über dem Talboden». Und weil der Roman «Von schlechten Eltern» heisst, müssen weitere Eltern her; Toms lieblose Mutter, Ninas Familienhass, der Berner Kindlifresserbrunnen. Littering-Prosa, überflüssig.

Im Einzelnen wirkt manches konstruiert. Aber gesamthaft und in einer Tour gelesen, kann diese funkige Geisterfahrt durchaus faszinieren. Was von diesem Roman bleibt, ist eine sehr spezielle Grundstimmung. Jene diffuse Atmosphäre, diese merkwürdig unscharfe Mischung aus afrikanischen Mythen und Moderne, aus Dystopie und Todesfantasie. Das Ende ist offen. Man starrt wie Tom durch die Windschutzscheibe in die Nacht und ahnt einen «versunkenen Bereich». Die Mutter, die Mutter, White Magic Woman. Wo ist sie? Im See? Worauf wartet sie? Auf Tom und die Kinder? Vielleicht auf eine Fortsetzung, eine Roman-Trilogie.

Tom Kummer: Von schlechten Eltern. Roman. Tropen, Berlin 2020. 245 S., ca. 33 Fr.

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