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Tellkamp ist nicht da und trotzdem omnipräsent

Die Leipziger Buchmesse hat 3600 Veranstaltungen und 2600 Stände, aber nur ein Thema: Wie geht man mit «den Rechten» um?

Esther Kinsky, Karl Schlögel, Sabine Stöhr und Juri Durkot sind auf der Buchmesse Leipzig ausgezeichnet worden.
Esther Kinsky, Karl Schlögel, Sabine Stöhr und Juri Durkot sind auf der Buchmesse Leipzig ausgezeichnet worden.
Jens Kalaene, Keystone

Uwe Tellkamp ist nicht auf der Messe, aber anwesend ist er trotzdem. Jedes Gespräch landet über kurz oder lang bei ihm, seinem Dresdner Auftritt und der Frage: Hat er sich damit bloss exponiert oder disqualifiziert? Schon bei der ­festlichen Eröffnung im Gewandhaus achtete man bei den Reden vor allem ­darauf, welche Bemerkung zur Causa Tellkamp fiel, mit welchem Unter-, Ober- oder Zwischenton.

Meinungsfreiheit: Das ist das Thema dieser Messe. Sollen «die Rechten» sagen dürfen, was sie zu sagen haben? (In Deutschland ist «rechts» keine politische Verortung, sondern ein Schimpfwort.) Sollen sie es auch auf der Buchmesse sagen, ihre Publikationen ausstellen, ihre Weltanschauung bewerben dürfen? Braucht eine Buchmesse einen «Gesinnungskorridor» des Erwünschten, oder ist das eine unerträgliche Vorstellung?

Die Hoffnung, Populisten und Rassisten stünden auf dem freien Feld der Debatte bald nackt da, weil sich ihre Argumente als blosse Ressentiments erweisen würden, treibt das Lager der Free-Speech-Anhänger an. Zu ihnen gehört dezidiert die Messeleitung um Oliver Zille. Dem widerspricht etwa das Bündnis «Verlage gegen rechts», das befürchtet, die blosse Artikulation rechter Positionen mache diese schon stärker; Verschweigen und Verbieten seien nötig für den Schutz der Demokratie.

So bekommen, wie Sachsens neuer Ministerpräsident Michael Kretschmar bedauernd festhielt, «vier oder fünf rechte Verlage» mehr Aufmerksamkeit als die 2500 anderen. Der tatsächliche, physische Raum ist überschaubar: Der Antaios-Verlag von Götz Kubitschek, die NPD-Parteizeitung, die Stiftung Terra Nostra und der Compact-Verlag sind im äussersten Winkel der Halle 3 platziert, gewissermassen in die rechte Ecke gestellt. Eine Schmuddelecke ist es nicht, daneben kann man Hotdogs essen oder eine alte Druckmaschine bestaunen. An den Ständen herrscht moderater Betrieb; ein paar stramme Figuren sind als Bodyguards zu identifizieren, Prospektmaterial wird gern ausgegeben, und mit Plakaten wie «Versager gegen rechts» versucht man die Gegner lächerlich zu machen.

Kritik an Suhrkamp

Im Compact-Verlag muss viel Geld stecken, dafür zeugt das gleichnamige Hochglanzmagazin mit diversen Auskoppelungen wie «Compact Geschichte: Unsere Helden» oder «Compact Edition: Warum Beate Zschäpe freigesprochen werden muss». Ein Sonderheft wirbt mit dem verurteilten Volksverhetzer Akif ­Pirincci; der Titel «Schnauze! Jetzt rede ich» fordert allerdings nicht wirklich zum Dialog auf. Ob man sich mit Thesen wie «Diktatur Merkel» wirklich auseinandersetzen kann, ist die Frage. Verbieten muss man derlei nicht; die Grenze, die allenfalls überschritten wird, definiert immer noch das Strafgesetzbuch.

Derweil zeugt die Causa Tellkamp weitere Konsequenzen. Der (voreilige?) Tweet, in dem der Suhrkamp-Verlag sich von seinem Autor distanziert hat, findet in Leipzig wenig Verständnis. Er hat dem Haus ein Bombardement von Drohungen aus einschlägigen Kreisen ein­getragen; dasselbe geschieht übrigens auch S. Fischer, dessen Autorin Monika Maron dem Kollegen Tellkamp bei­gesprungen war. Man könne ihm nicht einfach «eine AfD-Marke ans Hemd kleben», und dass Suhrkamp seinen Autor «verraten» habe, sei eine «Ungeheuerlichkeit». Tellkamp wiederum hat eine Reihe von Lesungen in Norddeutschland abgesagt; notabene nicht aus Angst vor linksradikalem Gesinnungsterror, sondern weil er fürchtet, «zweckentfremdet und von Kräften gekapert zu werden, die mit Literatur wenig oder nichts zu tun haben». Auch das müsste jenen, die den Autor des «Turm» in der Pegida-­Ecke entsorgen, doch zu denken geben.

War da noch was in Leipzig? Die grossen Preise in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung fielen zu zwei Dritteln an Suhrkamp, ein gewisser Trost in all der Erregung. Die Schweiz hat einen neuen Pavillon im offenen Chaletstil. Das Gastland Rumänien hat 40 Übersetzungen ins Deutsche finanziert und 50 Autoren mitgebracht; die offiziellen Vertreter stiessen bei hiesigen Kennern der Verhältnisse auf eine kalte Schulter oder den offen getragenen Button «Resist». Die berühmteste Autorin aus dem Land, die vor vielen Jahren ausgewanderte Nobelpreisträgerin Herta Müller, prangerte am Donnerstagabend in der Schaubühne Lindenfels die Korruption im Land an und ein Parlament, das ein Gesetz verabschiedet, das Korruption ausdrücklich erlaubt. Dann machte sie Platz für die fabelhafte Sängerin Ada Milea, die von einer «süssen Wiege ganz aus Stahl» sang und von Ceausescu, der immer noch unter uns weilt, der zu einer «Gewohnheit» geworden ist und «mit seiner Holzzunge durch unsere Sprache spaziert». Vielleicht der poetischste Moment einer aufgeregten und etwas genervten Messe.

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