Zwischen Clans und Kommunismus

Der albanische Meistererzähler Ismail Kadare blickt zurück auf seine Kindheit. Auf eine Zeit, als sich alte Traditionen und die neue Diktatur kreuzten.

Stein, wohin man sieht: Seiner Geburtsstadt Gjirokastra widmet sich Ismail Kadare in seinem neuen Buch.

Stein, wohin man sieht: Seiner Geburtsstadt Gjirokastra widmet sich Ismail Kadare in seinem neuen Buch.

(Bild: iStock)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Nie mehr wird Ismail Kadare den Literaturnobelpreis bekommen, das ist endgültig. Ein zweites Handke-Debakel kann die Schwedische Akademie nicht brauchen. Dabei liegen die Fälle denkbar weit auseinander. Handke hat sich ohne Not mit der serbischen Kriegspartei eingelassen, Kadare aber Jahrzehnte unter dem archaisch-diktatorischen Hoxha-Regime verbracht, gelobt und verboten, ins Scheinparlament abkommandiert und zur Landarbeit in die Provinz verbannt. Er hat überlebt – und in verrätselt historischen Romanen Botschaften über die Gegenwart versteckt. Kadare gehört auch ohne den Nobelpreis längst zur Weltliteratur, was ihm andere bedeutende Preisjurys wie die des Man Booker (2005), des Prinz von Asturien (2009) oder gerade eben des Neustadt-Preises bestätigt haben.

Die jüngste Veröffentlichung auf Deutsch – sie hinkt, wie meist, den französischen zum Teil um Jahre hinterher – bündelt drei Erzählungen und einen Kurzroman, alle autobiografisch. Entstanden sind sie zwischen 1986 und 2013, motivisch-thematisch verbunden durch Gjirokastra, die Geburtsstadt Kadares (und auch Enver Hoxhas), und das Geburtshaus, in dem die Kadares seit Jahrhunderten lebten und das 1999 bis auf die Grundmauern abbrannte.

Und durch die Familie! Die ist bei Kadare ein Ort der unaufhörlichen Streitereien, der Rivalität, der kleinen Sticheleien und des grossen Anschweigens. Eine Heirat, also die Verschwägerung mit einem anderen Clan, bietet die Chance, all diese Animositäten nun gemeinsam gegen die «Neuen» zu wenden. Und dies lebens-, nein generationenlang. Auch unterhalb des Blutrache-Niveaus waren epochale Feindschaften in diesem Teil des Balkans offenbar Volkssport, sie dauern auch dann noch fort, wenn der (meist banale) Anlass längst vergessen ist. Ist man verschwägert, muss die Feindschaft auf kleinem Feuer köcheln, aber kleine Feuer sind ja nicht weniger schmerzhaft. Und natürlich beginnen Erbstreitigkeiten, wenn der Leichnam noch warm ist.

Geheimgänge, eine Zisterne und ein Verlies

Wegen eines solchen «alten Zwists», den zu begründen ganz überflüssig ist, betritt Vater Kadare das Haus der Dobis, der Eltern seiner Schwiegertochter, seit elf Jahren nicht mehr. Dafür wird unentwegt verglichen. Die Dobis sind zahlreicher, sie verfügen neben den Grosseltern über den grossen und den kleinen Oheim, die grosse und die kleine Muhme mit ihren jeweiligen Eigenarten. Die Kadares haben dagegen fast nur Tote aufzubieten, dafür aber ein riesiges Gebäude mit grossen, ungenutzten Zimmern, auch unfertige, «noch-nicht-Zimmer, Föten gleich», Geheimgänge, eine Zisterne und ein veritables Verlies. Früher erledigte man Rechtshändel mitsamt der Haftstrafen in den eigenen vier Wänden. Und das alte Haus, erläutert Kadare, «war so gebaut, dass die Erinnerung an einen Verstobenen möglichst lange in ihm erhalten blieb».

Der jungen Braut, die mit 17 Jahren hier einzog – den künftigen Gatten hatte sie nur einmal kurz aus dem Fenster erspäht –, nimmt es die Luft, in ihren Worten: «Es frisst mich auf.» Es ist die Mutter des Schriftstellers, und ihr Porträt mit dem Titel «Die Puppe» nimmt den gewichtigsten Teil des Bandes ein. Das Verhältnis von Mutter und Sohn ist von einem Berg des Unverständnisses gekennzeichnet, und der Sohn versucht wenigstens posthum – die Mutter starb 1994, als Kadare schon im Pariser Exil lebte – ein Stück davon abzutragen.

Die 17-jährige war damals unter die Fuchtel einer Schwiegermutter geraten, die als «verkniffen» und zugleich äusserst «klug» galt und so doppelt einschüchternd wirkte. Ab einem bestimmten Alter verliess sie das Haus nicht mehr, was ihren Status aus unerfindlichen Gründen noch erhöhte. Dasselbe kündigt ein altes Hochzeitslied auch der jungen Braut an: «Braut / wo deine Füsse jetzt stehen / sollen dereinst / die Zähne dir ausfallen.»

Ein überraschend humoristischer Autor tritt uns in diesem Band entgegen: Ismail Kadare. Foto: Martin Nauclér

Kadares nachgetragene Liebe zeichnet nach, wie sehr seine Mutter, um deren Entwicklung sich niemand gekümmert hat, vom schriftstellerischen Ehrgeiz und den ersten Erfolgen des Sohnes verwirrt wird. «Nun, da du namhaftig bist», fragt sie ihn in ihrer unbeholfenen, neue Begriffe mühsam integrierenden Sprache, werde er sie ja wohl «eintauschen»?

Der frühen literarischen Aktivität des jungen Ismail gelten weitere starke Passagen des Bandes. Vor allem den sehr frühen. Denn nach ersten volksnahen Versen («Wer schafft / braucht Kraft / wer stiehlt, den straft / das Volk mit Haft») wirft er sich mit seinem Freund Ilir auf einen monumentalen Roman, von dem zumindest Titel und Schlusssatz – «Das ist der Sieg!» – sowie ausgesuchte Werbesprüche – «das posthume Hauptwerk zweier Giganten der Feder» – schon mal fixiert sind. Zur Ausführung kommt es dann nicht mehr. Einige Jahre später erscheint tatsächlich Ismails erster Gedichtband, und der Vater spendiert ihm eine Taxifahrt zum Verleger nach Tirana, was Familie und Nachbarn stärker beeindruckt als die Veröffentlichung selber.

In dieser Passage und anderen mit ähnlichen Schelmenstücken fällt der humoristische Ton auf, den man so bei Kadare noch nicht kennt. Wobei sich manches im Rückblick heiterer ausnimmt, als es wohl war: Der 12-jährige Ismail, der mit besagtem Freund Münzen in geschmolzenes Blei drückt, wandert für zwei Tage ins Gefängnis. Und der politische Umbruch mit nachfolgenden Säuberungen erscheint in der kindlichen Rückerinnerung als Räuber- und Gendarm-Spiel, mitsamt dem Erstaunen, dass die Räuber sich als Geschichtslehrer und Anwalt herausstellen, die durch die Stadt getrieben und gedemütigt werden, als «Agenten der Angloamerikaner».

Früh empfindlich gegenüber politisch-literarischer Phraseologie

Der Terror der kommunistischen Herrschaft, die Paranoia oben und die panische Angst unten, die Kadare in Romanen wie «Der Nachfolger» oder «Spiritus» auf beklemmende Weise vergegenwärtigt hat, verblassen hier zu Anekdoten. Etwa als Ismail von einem Lehrer, der ängstlich allen Schulstoff auf die «neue Zeit» zuzuschneiden bemüht ist, über die Photosynthese geprüft wird und schwadroniert, diese sei «von früheren Regimes nicht gebührend gewürdigt worden».

Sehr früh offenbar zeigt sich der künftige Schriftsteller empfindlich gegenüber politisch-literarischer Phraseologie. Die linientreuen Romane in der Leihbücherei stossen ihn ab: «Immer nur Arbeitseifer, lächelnde Menschen mit lupenreinen Herzen, die um die Wette liefen, wenn man sein letztes Stück Brot oder seine einzige Jacke an einen Genossen abgeben konnte.» Später, am Gorki-Institut in Moskau, wird den Literaturstudenten im «Seminar zur Denunzierung des Trios Joyce-Kafka-Proust», das sie «Schwarze Messe» nennen, beigebracht, wie sie auf keinen Fall zu schreiben hätten, mit der Folge, «dass wir des Nachts, von Skrupeln geplagt, letztlich der sündhaften Versuchung nicht widerstehen konnten, extra so zu schreiben wie die Bösewichte.»

Dieser Band ist jedenfalls mit leichter Hand geschrieben und mit lockerer komponiert. Es sind autobiografische Skizzen, die eher die skurrilen Elemente in der Umbruchszeit suchen als die finstere Groteske wie in seinen grossen Romanen. Auf eine wirkliche Autobiografie müssen wir wohl vergeblich warten. Obwohl kein Sujet vertrackter für den Autor und aufschlussreicher für den Leser wäre als die Rolle Kadares in einem der schrecklichsten politischen Systeme Europas.


Ismail Kadare: Geboren aus Stein. Ein Roman und autobiografische Prosa. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. S. Fischer, Frankfurt 2019. 286 S., ca. 35 Fr.

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