Sucht Rowohlt das Heil jetzt im Porno?

Sex. So viel wie möglich. Wild, grob. Darum geht es im tausendseitigen Roman «Weltpuff Berlin» von Rudolf Borchardt. Ob das den Besuchern der Frankfurter Buchmesse gefällt?

Rudolf Borchardt (1877–1945) hinterliess einen unfertigen Text, der gerade als Klassiker-Porno und Meisterwerk gefeiert wird. Aber nicht von allen.

Rudolf Borchardt (1877–1945) hinterliess einen unfertigen Text, der gerade als Klassiker-Porno und Meisterwerk gefeiert wird. Aber nicht von allen. Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Rowohlt-Verlag hat derzeit keine gute Presse, weil er, für die Autoren wie die ganze Branche unverständlich, seiner Verlegerin Barbara Laugwitz gekündigt hat. Der Rauswurf ist Messegespräch. Sollte es deshalb ein Befreiungsschlag sein, dass Rowohlt eine ausgewählte Schar von Journalisten in den «Frankfurter Hof» einlud, zur Premiere eines «Buches ohne Autor»?

Das Geheimnis war schnell gelüftet. Präsentiert wurde unter dem Titel «Weltpuff Berlin» ein tausendseitiger Roman von Rudolf Borchardt, in dem es vornehmlich und immer wieder und in endloser Folge um das Eine geht. Borchardt: Das ist ein kaum noch gelesener Klassiker – man kann nicht mal sagen der Moderne –, der Gedichte geschrieben, Aischylos übersetzt hat (und Dante in ein künstliches Mittelalter-Deutsch), ein Konservativer oder Reaktionär, je nach Standpunkt, jüdischer Abstammung, 1945 unter elenden Umständen in Tirol gestorben: So ein Mann ist das.

Von ihm stammt der schöne Satz: «Ich lasse mich nicht auf das Niveau meiner Leser herab, sondern setzte das meine.» Und jetzt: ein Manuskript aus dem Nachlass, in den 30er-Jahren geschrieben, offenbar stark autobiografisch, mit einem Helden namens Rubor, der auf seine Zeit als Bummelstudent Anfang des Jahrhunderts zurückblickt, die anscheinend in einer, pardon, unendlichen Fickerei bestand?

Entdeckt wurde der (unfertige, unabgeschlossene) Text vor zwei Jahren im Nachlass, die Familie wollte es unveröffentlicht lassen und hat jetzt doch zugestimmt, der schwerreiche Antiquar Heribert Tenschert hat es, wie schon seit Jahren die Borchardt-Werkausgabe, finanziert. Rowohlt-Granden und der Moderator Ijoma Mangold von der «Zeit» priesen das Werk als Dokument der Kulturgeschichte und, selbstverständlich, als Meisterwerk. Martin Walser hat auch ein Sprüchlein beigesteuert: «Das ist Weltliteratur der praktizierten Liebe!»

Nun, das möge die Nachwelt oder eine sorgfältige Lektüre beurteilen. Ein erster Blick in das Buch, das am Rowohlt-Stand prunkt, lässt eher daran zweifeln, dass Rowohlt mit dem Klassiker-Porno bei einem Publikum mit Geschmack punkten kann. Wir treffen auf eine «Begattungsmaschine», die sich in den «Abgrund der absoluten Wollustraserei» stürzt, wahllos Dienstmädchen, Sekretärinnen, Prostituierte und gelangweilte Gräfinnen flachlegt, einmal, so viel Stolz muss sein, sechs in dreissig Stunden.

Vielleicht kann aber auch der schnelle Online-Leser sich über die Qualität eines Textes eine Meinung bilden, in dem der Held sein bestes Stück als «schönsten Schwanz in ganz Berlin» preist und in altherrenhafter Metaphorik «ihre Festung zum dritten Mal stürmte». Kulturhistorisch wertvoll auch sicher folgende, willkürlich aus den unzähligen Sexszenen herausgegriffene Stelle: «Ich nahm sie wortlos vor, klemmte sie auseinander und bimste sie brutal ohne einen Kuss, während sie vor Lust raste und stammelte.» Reicht das? Es reicht. Wahrscheinlich landet der «Weltpuff Berlin» demnächst in einer Neuauflage von Rainer Moritz’ Kompendium «Der schlechteste Sex der Literatur», dort, wo er auch hingehört.


Rudolf Borchardt: Weltpuff Berlin. Rowohlt, 2018. Ab 36.90 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2018, 12:56 Uhr

Artikel zum Thema

Georgien – Europa in Asien

Reportage Das Land im Kaukasus ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Deshalb erscheinen gerade Regalmeter georgischer Literatur auf Deutsch. Leitmotiv ist der Kampf gegen die Unterdrückung. Mehr...

«Mein Schweigen ist sehr mutig»

Glosse Fast alle wollen mal ein Buch schreiben. Nur Irene Gerbeldinger und Hans-Joachim Parzmann nicht. Ihre Berufung ist das Nicht-Schreiben. Mehr...

Inger-Maria Mahlke gewinnt den Deutschen Buchpreis

Die Berlinerin wurde für ihren Roman «Archipel» ausgezeichnet. Sie ist die erste Frau seit fünf Jahren, die den wichtigsten Preis der Branche erhält. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...