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Stalins unvorstellbarer Terror

«Die Flüsterer» von Orlando Figes ist ein Meisterwerk. Der britische Historiker erzählt, wie Stalin die russische Gesellschaft traumatisiert und zerstört hat. Am Samstag liest er in Zürich.

Angelina Buschujewa kann sich nicht an ihren Vater erinnern. Sie war erst 16 Monate alt, als er in der Nacht auf den 17. Juli 1937 verhaftet wurde. Er kehrte nicht mehr zurück. Ein Gericht verurteilte den damals 31-jährigen Werftarbeiter Wladimir Buschujew wegen Sabotage und antisowjetischer Agitation zum Tod. Das Urteil wurde am 17. Januar 1938 vollstreckt. Ein halbes Jahr später, am 28. Juli 1938, war die Reihe an Angelinas Mutter Sinaida. Sie war gerade daran, das Abendessen zu kochen, als zwei Männer des NKWD, des Volkskommissariats für innere Sicherheit, in der Tür erschienen und ihr befahlen, sich anzuziehen und mitzukommen.

Arbeiten, um nicht verrückt zu werden

Im Hauptquartier angekommen, ordnete der Leiter der Untersuchung an, die zwei Töchter, Angelina und die vierjährige Nelli, in ein Kinderheim zu stecken. Nur ihren Jüngsten, den wenige Monate alten Slawa, durfte Sinaida bei sich behalten – er litt an einer Lungenentzündung und musste von ihr gestillt werden. Als zwei Wärter die beiden Mädchen wegführen wollten, bekam Sinaida einen hysterischen Anfall. Sie begann zu schreien und biss ihre Wärter. Als Nelli zurückschaute, sah sie, wie einer der Männer ihre Mutter ins Gesicht schlug.

Nelli und Angelina kamen in verschiedene Heime: Wegen ihrer dunkleren Hautfarbe brachte man Nelli in ein jüdisches Waisenhaus. Angelina landete in einem nahe gelegenen Kinderheim. Es gehörte zur Strategie des stalinistischen Regimes, die Familien von «Volksfeinden» zu zerstören. Oft erhielten solche Kinder eine neue Identität.

Sinaida Buschujewa wurde vorgeworfen, ihren Ehemann nicht angezeigt zu haben. Mehrere Wochen verbrachte sie mit ihrem kranken Baby in einer überfüllten Zelle. Dann wurde sie aufgrund von Artikel 58, Paragraf 12, zu einer fünfjährigen Haftstrafe im Arbeitslager Akmolinsk verurteilt, dem berüchtigten Lager für Ehefrauen von Vaterlandsverrätern (Alschir) in der kasachischen Steppe. Im Lager angekommen, musste Sinaida ihren Sohn im Waisenhaus im Verwaltungszentrum zurücklassen. Als ausgebildete Buchhalterin hätte sie im Lagerbüro arbeiten können. Doch Sinaida lehnte ab und bat um schwerste körperliche Arbeit. «Ich habe meine drei Kinder verloren», sagte sie zum Lagerkommandanten, «wenn ich Zeit zum Nachdenken habe, werde ich den Verstand verlieren.»

Unvorstellbare Massenmorde

Das Schicksal der Familie Buschujewa war grausam. Der Vater erschossen. Die Mutter im Arbeitslager. Die Kinder in Waisenhäusern. Doch während der Herrschaft von Josef Stalin von 1928 bis 1953 gehörten solche Tragödien zum ganz normalen sowjetischen Alltag. Insgesamt waren in dem Vierteljahrhundert mindestens 25 Millionen Menschen Repressalien durch das Sowjetregime ausgesetzt. Mehr als eine Million wurden als Volksfeinde hingerichtet oder zu Tode gefoltert. 10 Millionen wurden während der Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft als «Kulaken» (wohlhabende Bauern) aus ihren Dörfern verbannt und zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt. Weitere 10 Millionen landeten in einem der Arbeitslager, die unter Stalin dutzendweise vor allem in den rohstoffreichen, aber lebensfeindlichen arktischen Gegenden Russlands eingerichtet wurden.

Diese unvorstellbaren Zahlen sind hinlänglich bekannt. Auch Bücher über den Diktator Josef Stalin, seine Psyche und seine Zehntausende willfährige Helfer sind Legion. Wenig wusste man bislang darüber, wie der Stalinismus sich auf das Zusammenleben im Alltag und auf die Gesellschaft langfristig ausgewirkt hat. Diese Lücke schliesst der britische Historiker Orlando Figes mit seinem neuen Buch «Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland». Auf über 1000 Seiten verleiht er Dutzenden von Opfern der Repressionen zum ersten Mal eine Stimme. Aneinandergereiht und eingebettet in die sowjetische Geschichte, eröffnen die zahlreichen Zeugnisse einen neuen, erschütternden Blick in die Abgründe der stalinistischen Diktatur und ihre traumatischen Folgen.

Ausmerzung der alten Sitten

Die Bolschewiken übernahmen 1917 die Macht mit dem Vorsatz, aus den russischen Bürgern neue und ihrer Ansicht nach bessere Menschen zu machen. Sie proklamierten die Befreiung vom bürgerlichen Leben und von den bürgerlichen Moralvorstellungen. Es zählten nur noch die Klasse und das Kollektiv. «Proletarier» wurden vom Staat gefördert, die «Bourgeoisie» unterdrückt. An die Stelle der Familie setzten die Kommunisten die Partei. Die kümmerte sich früh und gründlich um ihre Untertanen. Als Kinder wurden sie Pioniere, später Komsomolzen – wobei längst nicht alle in den Verband der jungen Kommunisten aufgenommen wurden. Wer eine «volksfeindliche» Biografie hatte, war praktisch ohne Chance.

Die Losung lautete: «Wir müssen alle an uns arbeiten.» Doch viele mochten sich mit dem neuen Regime und den neuen Regeln nicht anfreunden. Also zwangen die Bolschewiken die Russen in ihr neues Glück. Als Erstes traf es die Bauern. Millionen Familien mussten ihre Höfe und Gerätschaften in einen Kolchos einbringen und künftig als Angestellte (für einen mickrigen Lohn) auf den eigenen Feldern arbeiten. Wer sich weigerte und wer als wohlhabender Bauer galt, wurde verhaftet und in ein Arbeitslager im Norden, in Sibirien oder Kasachstan verbannt. Zwischen 1929 und 1932 wurden mindestens 10 Millionen «Kulaken» aus ihren Dörfern vertrieben.

Als Nächstes knöpfte sich die Partei die übrige Bevölkerung vor. Die alten Sitten und Gebräuche des Privatlebens sollten ausgemerzt und den Menschen kollektive Instinkte eingepflanzt werden. Dabei kam den Bolschewiken der Wohnungsmangel in den Städten gelegen. Mitte der Dreissigerjahre lebten in Moskau und Leningrad drei Viertel der Bevölkerung in einer Kommunalka, einer Gemeinschaftswohnung, in der sich mehrere Familien eine Küche, eine Toilette und ein Badezimmer teilten. Diese Wohnform ermöglichte es dem Regime, die staatliche Überwachung auf die Privatsphäre auszudehnen. Gezielt brachte die Partei loyale Arbeiter in «bürgerlichen» Wohnblocks unter.

Ein Held, wer den Vater denunziert

1929 wurde die Funktion des Wohnungsbeauftragten eingeführt. Er musste dafür sorgen, dass die Gesetze und die Hygienevorschriften eingehalten wurden. Und er informierte die Polizei über das Privatleben der Bewohner. Innert kürzester Zeit hatte der NKWD ein umfassendes Netz von Spitzeln und Zuträgern aufgebaut. In jeder Wohnung, jeder Fabrik, jedem Büro und jeder Schule sassen Informanten.

Auf dieses System stützten sich Stalin und seine Schergen während der berüchtigten Säuberungswellen. Die Partei erklärte das Denunzieren von «Volksfeinden» zur obersten Pflicht eines Sowjetbürgers. Zur landesweiten Kultfigur jener Jahre avancierte Pawlik Morosow, ein 15-jähriger Junge aus einem westsibirischen Dorf, der von seinen eigenen Verwandten ermordet wurde, weil er seinen Vater als «Kulaken» und «Volksfeind» bei der Miliz angezeigt hatte. Die kommunistische Propaganda machte aus Morosow über Nacht einen vorbildlichen Pionier, der die Loyalität gegenüber dem Staat und der Partei über die Liebe zu seiner Familie stellte.

Bald herrschte in der Sowjetunion eine bedrückende Atmosphäre der Angst. Jeder misstraute jedem. Die Menschen wagten nicht mehr, offen miteinander zu reden. Die zwischenmenschlichen Kontakte schrumpften auf ein Minimum. Selbst innerhalb vieler Familien bereitete sich das grosse Schweigen aus. Eltern sprachen vor ihren Kindern nicht mehr über Politik und andere heikle Themen. Der Nachwuchs wurde bei jeder Gelegenheit daran erinnert, dass «die Wände Ohren haben». Es entwickelte sich eine Gesellschaft der Flüsterer.

In der Zeit des Grossen Terrors 1937 und 1938 liess Stalin mindestens 681'692 Personen wegen angeblicher «Staatsverbrechen» erschiessen – das sind jede Stunde fast 40 Hinrichtungen, jeden Tag, jede Nacht, zwei Jahre lang. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Insassen von Gulag-Arbeitslagern auf fast 1,9 Millionen Menschen.

Terror als Tabuthema

Es blieb oft den Grossmüttern vorbehalten, die verstreuten Reste einer Familie zusammenzuführen. Auch bei den Buschujews war die Grossmutter dafür besorgt. Es gelang ihr nach monatelangen Bemühungen, ihre beiden Enkelinnen Angelina und Nelli aus den Kinderheimen zu holen. 1943 zog sie mit ihnen nach Kasachstan zur Mutter Sinaida Buschujewa, die seit dem Ende ihrer Strafe im Arbeitslager für Ehefrauen von Vaterlandsverrätern zusammen mit ihrem dritten Kind, das man ihr zurückgegeben hatte, in einer Siedlung ausserhalb des Lagers lebte. 1946 kehrte die Familie zurück in die Nähe ihrer Heimatstadt Perm. Sinaida Buschujewa sprach mit ihren Kindern kein Wort über die Zeit im Lager. «In unserer Familie», erinnert sich Angelina, «sprach niemand über die Gründe der Verhaftung meiner Mutter oder darüber, weshalb wir keinen Vater hatten. Es war ein Tabuthema.» Sinaida Buschujewa hatte ein Leben lang Angst, dass der Terror wiederkehren könnte.

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