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So kalkulierte Himmler die Vernichtung von Millionen

Der in London lehrende deutsche Historiker Peter Longerich hat den SS-Chef Heinrich Himmler porträtiert. Das Buch schildert den Massenmörder, der alles für seine Karriere unternahm.

Ende Mai 1945 nahm eine britische Patrouille in der Nähe der norddeutschen Stadt Bremervörde einen kleinen, verdächtig wirkenden Mann in abgerissener Zivilkleidung fest, dessen Soldbuch ihn als Feldwebel Heinrich Hitzinger auswies. Es dauerte nur zwei Tage, bis die wahre Identität festgestellt war: Heinrich Himmler, der ehemalige Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei. Die britischen Vernehmungsoffiziere wollten zunächst nicht glauben, dass ihnen mit diesem unscheinbaren Mann einer der meistgesuchten Verbrecher aus der Führungsriege des Dritten Reichs ins Netz gegangen war. Bevor sie Näheres in Erfahrung gebracht hatten, tötete sich Himmler durch den Biss auf die im Mund versteckte Zyankali-Kapsel.

Blasse Persönlichkeit

Wie den Briten im Frühjahr 1945 ist es auch späteren Historikern immer schwergefallen, die blasse Persönlichkeit Himmlers mit der Ungeheuerlichkeit seiner Taten in Verbindung zu bringen. Und vielleicht liegt hier auch der Grund dafür, dass es – ausser einigen Vorstudien amerikanischer Autoren – bislang keine umfassende Biografie des zweitmächtigsten Mannes nach Hitler gab. Diese auffallende Lücke in der Literatur zum Nationalsozialismus schliesst nun Peter Longerich mit seinem neuen Werk, das zweifellos zu den wichtigsten historischen Neuerscheinungen dieses Herbstes zählt.

Longerich, Jahrgang 1955, einer der produktivsten und anregendsten deutschen Zeithistoriker, lehrt Geschichte am Royal Holloway College der Universität London. Er hat das Standardwerk zur Geschichte der SA geschrieben («Die braunen Bataillone», 1988), in minutiöser Recherche den Entscheidungsprozess rekonstruiert, der zur Ermordung der europäischen Juden führte («Politik der Vernichtung», 1998), und als erster Historiker die lange tabuierte Frage untersucht, was die Deutschen tatsächlich über den Holocaust erfahren hatten («Davon haben wir nichts gewusst!», 2006). Auch sein neues Buch zeichnet sich nicht nur durch ein breites Quellenfundament aus, sondern die seltene Kombination von analytischer Schärfe und anschaulicher Darstellung.

Gediegene humanistische Ausbildung

Besonders aufschlussreich ist das Kapitel über den jungen Himmler. Der Versuchung, die monströsen Verbrechen des Reichsführers-SS aus einer abnormen Persönlichkeitsbildung abzuleiten, ist Longerich nicht erlegen. Er zeigt: Nichts in Himmlers Kindheit und Jugend deutete auf die spätere Karriere als Massenmörder hin. Der 1900 geborene Sohn eines Münchner Gymnasiallehrers wuchs vielmehr in einem wohlbehüteten, katholisch-bildungsbürgerlichen Milieu auf. Der Vater war nicht der tyrannische Despot, als den ihn Alfred Andersch in seiner autobiografischen Schulgeschichte («Der Vater eines Mörders», 1980) porträtiert hat. Die Erziehung im Hause Himmler war streng, aber durchaus liebevoll. Heinrich Himmler bekam, wie seine beiden Brüder, eine gediegene humanistische Ausbildung; die Lehrer stellten dem strebsamen Schüler die besten Zeugnisse aus.

Der Bruch

Doch der Erste Weltkrieg und vor allem die schwierigen Nachkriegsjahre bedeu-teten einen Bruch. Longerich beschreibt Himmler als einen typischen Vertreter der «Kriegsjugendgeneration» – zu jung, um selbst noch als Soldat an die Front geschickt zu werden, aber alt genug, um den Krieg als ein einschneidendes Erlebnis zu empfinden. Auch nachdem sich sein Wunsch, Offizier zu werden, durch die militärische Niederlage und die Revolution von 1918 zerschlagen hatte, orientierte sich der körperlich schwächliche und ewig kränkelnde junge Mann am Leitbild des Soldaten. Im Umgang mit anderen eher gehemmt, lernte er, seine Unsicherheit hinter einem Schutzschirm aus Kühle, Härte und Sachlichkeit zu verbergen. «Sich selbst zu beherrschen und Affekte möglichst zu vermeiden, wurde ihm zur zweiten Natur.» Hierin sieht Longerich einen psychologischen Schlüssel für das spätere Verhalten des Reichsführers-SS, der seinen Männern gegenüber von einem geradezu manischen Kontrollbedürfnis erfüllt war.

Allerdings macht der Autor deutlich, dass Himmlers Weg ins Lager der radika-len Rechten ohne den spezifischen Münchner Kontext kaum zu verstehen wäre. Die bayerische Hauptstadt war in den frühen 20er- Jahren ein Zentrum der Gegenrevolution. Schon früh engagierte sich der Student der Agrarwirtschaft in paramilitärischen Verbänden. Über das, was er damals las, hat Himmler genau Buch geführt, und Longerich nutzt diese Quelle, um die ideologische Entwicklung seines Protagonisten nachzuzeichnen. Am Ende stand ein geschlossenes völkisches Weltbild – ein krudes Gemisch aus Antisemitismus, Rassismus und Antimodernismus, angereichert mit okkulten Elementen und einer schwärmerischen Verklärung der Germanen.

Den Entschluss, seine berufliche Zukunft ganz mit der Partei Hitlers zu verknüpfen, fasste Himmler nach dem gescheiterten Putsch vom 9. November 1923. Longerich verfolgt die Stationen eines raschen Aufstiegs. Seine ersten Sporen verdiente sich Himmler als Landagitator der NSDAP in Niederbayern ab; 1926 berief ihn Gregor Strasser zum stellvertretenden Propagandaleiter in die Münchner Parteizentrale, und 1929 wurde er mit der Führung der damals noch recht kleinen «Schutzstaffel» beauftragt – eine Position, die er für den Aufbau eines einzigartigen, ganz auf seine Person zugeschnittenen Machtkomplexes nutzte.

Himmler übernahm die SS zu einem Zeitpunkt, als die NSDAP und die ihr angegliederten Organisationen sich innerhalb kürzester Zeit zu einer Massenbewegung formierten. Sinnvollerweise weitet sich nun die Perspektive dieser Biografie aus: Die private Person tritt hinter der Funktion des Reichsführers-SS zurück. In den Vordergrund rückt die Geschichte der SS, der Himmler seinen persönlichen Stempel aufzudrücken vermochte. «Ohne den Mann an ihrer Spitze lässt sich diese heterogene, ständig expandierende und sich radikalisierende Organisation nicht umfassend erschliessen.» Himmler profilierte die SS in Abgrenzung von der SA als eine Hitler ergebene, disziplinierte Eliteorganisation, die den Staatsterror auf geräuschlose, aber höchst effektive Weise praktizierte; er stiftete den inneren Zusammenhalt seines «Ordens» durch einen spezifischen Kult, und er verordnete einen strengen Verhaltenskanon, dem sich die SS-Männer zu unterwerfen hatten. Interessant ist der Nachweis, dass er besonders solche Männer in seine Umgebung holte, die in berufliche Schwierigkeiten geraten waren und nun, vom Reichsführer-SS aufgefangen, ihm um so bereitwilliger dienten.

Kein farbloser Bürokrat

Longerich korrigiert ein beliebtes Klischee: Himmler war keineswegs der pedantische, farblose Bürokrat, als den man ihn immer wieder bezeichnet hat. Ausser organisatorischen Fähigkeiten verfügte er über ein hohes Mass an Zähigkeit und Intelligenz, um sich im Machtgerangel gegen alle Konkurrenten durchzusetzen. Seine eigentliche Stärke aber bestand laut Longerich darin, Ideologie und Machtpolitik flexibel zu verbinden und für sein wachsendes SS-Imperium immer neue, auf die wechselnden Bedürfnisse des NS-Staates zugeschnittene Aufgabenfelder zu erschliessen. So entwarf er, nachdem ihn Hitler 1936 auch noch zum Chef der Deutschen Polizei ernannt hatte, ein umfassendes Konzept für eine Verschmelzung von SS und Polizei zu einem «Staatsschutzkorps», das präventiv gegen alle vermeintlichen Gefahren für «Volk und Rasse» vorgehen sollte.

Als das Dritte Reich Ende der 30-Jahre zur kriegerischen Expansion überging, eröffnete sich für Himmler eine weitere Dimension des Staatsterrors: In seiner neuen Funktion als «Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums» konnte er sich nun daran machen, mit Hilfe von SS und Polizei die eroberten Gebiete einer radikalen «völkischen Neuordnung» zu unterziehen. Sein Fernziel war die Schaffung eines «Grossgermanischen Reichs», wobei er die Ver-treibung, Versklavung und Vernichtung von Millionen «Fremdvölkischen» kühl einkalkulierte. Mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion schien diese monströse rassistische Utopie in den Bereich des Realisierbaren zu rücken.

Treibende Kraft

In diesen Kontext ordnet Longerich auch den Mord an den Juden ein. Er sieht Himmler hier als die treibende Kraft, ohne die ausschlaggebende Rolle Hitlers in Frage zu stellen. Wiederholt griff der Reichsführer-SS persönlich ein, um den in Gang gesetzten Massenmord in den besetzten Ostgebieten voranzutreiben und ihn seit Frühjahr 1942 schrittweise auf alle europäischen Juden auszudehnen – in der sicheren Annahme, damit den Willen des Diktators zu exekutieren.

Die Kriegswende von 1942/43 entzog allen Plänen vom «Grossgermanischen Reich» die Grundlage. Doch das Morden ging weiter, und Himmler konnte seine Machtstellung sogar noch ausbauen. Im August 1943 wurde er zum Reichsinnen-minister ernannt und nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auch noch zum Chef des Ersatzheeres. Der immer wieder geäusserten Vermutung, dass er über die Vorbereitungen des Staatsstreiches informiert gewesen sei, aber bewusst nicht eingegriffen habe, tritt Longerich entgegen. Himmlers Schergen seien zwar die Aktivitäten der Widerständler nicht völlig verborgen geblieben, aber von einer Aufdeckung der Verschwörung seien sie im Juli 1944 noch weit entfernt gewesen.

Erst im Frühjahr 1945, als sich das Ende des Dritten Reichs rasch näherte, sank auch Himmlers Stern. Seinen Versuch, in letzter Minute noch einen Separatfrieden mit den Westmächten anzubahnen, empfand Hitler als Verrat, und er verstiess Himmler aus der Partei und allen Ämtern.

Peter Longerich hat die selbstgestellte Aufgabe, die schwer zugängliche Persönlichkeit Himmlers und die Motive seines Handelns zu enträtseln, auf vorbildliche Weise erfüllt. Die Frage, warum gerade dieser Mann zu einem der fürchterlichsten Verbrecher der Weltgeschichte werden konnte, beantwortet er, indem er die Deutung der persönlichen Antriebe mit der Analyse der Strukturgesetze und Machtmechanismen des SS-Staates verschränkt. Gerade in dieser Verbindung von Biografie und Strukturgeschichte liegt die besondere Leistung seines Werkes, das der grossen Hitler-Biografie von Ian Kershaw gleichrangig an die Seite zu stellen ist.

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