So einfühlsam wie gewalttätig

Krimi der Woche: Der harte Noir-Roman «Gravesend», das Debüt des Amerikaners William Boyle, brilliert durch empathische Charakterzeichnungen.

Das etwas heruntergekommene Quartier Gravesend im Stadtteil Brooklyn – in welchem der Autor William Boyle aufgewachsen ist – wird im Roman zum Mikrokosmos.

Das etwas heruntergekommene Quartier Gravesend im Stadtteil Brooklyn – in welchem der Autor William Boyle aufgewachsen ist – wird im Roman zum Mikrokosmos. Bild: Katie Farrell Boyle

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Der erste Satz
Es war Mitte September, und Conway hatte sich von McKenna zu einem Schiessstand in Bay Ridge mitnehmen lassen, damit er ihm das Schiessen beibrachte.

Das Buch
«Jeden Tag, den er draussen rumläuft, habe ich einen Tag zu lang gewartet», sagt Conway D’Innocenzio, nachdem Ray Boy Calabrese nach 16 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er hatte Conways Bruder in den Tod getrieben, weil dieser schwul war. Doch als Conway dann mit der Knarre vor Ray Boy steht, kann er nicht abdrücken. Sein Freund McKenna, als Polizist in Frührente, weil er jemanden erschossen hatte, hat ihn schon gewarnt, dass es nicht so einfach sei, «weil du tief drin weisst, dass du was in dir umbringst, wenn du ’nen anderen umbringst». Zudem ist Ray Boy nicht der im Knast gestählte Kotzbrocken, den Conway erwartet hat, sondern ein gebrochener Mann, der nichts anderes wünscht, als dass Conway sein Leben beende.

«Gravesend» heisst diese Geschichte, und sie ist der erste Roman von William Boyle. Ein starker Noir-Roman, der durch die einfühlsame Charakterisierung der Protagonisten brilliert. Gravesend ist ein Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Keine Hipster-Gegend – in einem Ranking der beliebtesten Quartiere Brooklyns habe ich Gravesend auf Rang 36 gefunden.

Doch Gravesend ist überall. Bei William Boyle wird das etwas heruntergekommene Quartier zu einem Mikrokosmos, der von Menschen bevölkert ist, die gefangen sind in ihrer Geschichte und in ihrer Umgebung. Und das sind nicht nur Conway und Ray Boy. Für die meisten ihrer Verwandten, Nachbarn und Bekannten ist schon Manhattan ein fremdes Land. Nur Alessandra, die in der Schule vor Conway sass, hatte den Ausbruch gewagt, um in Los Angeles Schauspielerin zu werden.

Doch jetzt ist sie zurück in der Tristesse von Gravesend, wo sie bei ihrem Vater wohnt. Ihre Klassenkameradin Stephanie wohnt bei ihrer Mutter, arbeitet mit Conway im Rite-Aid-Drugstore im Viertel und ist immer noch Jungfrau. Auch Conway, bald 30, lebt bei seinem Vater. Sein Freund, der Ex-Cop McKenna, wurde eben von seiner Frau verlassen. Und dann ist da Eugene, der 15-jährige Neffe von Ray Boy, ein schlimmer Finger, der sich von der Rückkehr seines Onkels Hilfe versprach bei seinem Plan, ein Gangster zu werden, und nun bitter enttäuscht, aber nicht weniger entschlossen ist.

Die Geschichten all dieser Menschen, die Boyle bei aller Gewalttätigkeit mit so viel Empathie porträtiert, dass sie einem nahegehen, haben zum Teil nur lose Berührungspunkte, überschneiden sich manchmal oder laufen ein Stück weit gemeinsam. Dass bis zum Ende dieser ausserordentlich gut erzählten Geschichte ein Teil dieser Menschen nicht mehr unter den Lebenden weilt, kann nicht verwundern.

PS: William Boyle, der ein leidenschaftlicher Musikhörer ist, hat auf Spotify den Soundtrack zu seinem Roman «Gravesend» zusammengestellt mit mehr als zwei Stunden Musik von Lou Reed, Tom Waits, Nirvana, Wu-Tang Clan, Ice Cube, Nick Cave and the Bad Seeds, The Cramps und vielen anderen.

Die Wertung

Der Autor
William Boyle stammt aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn, wo er aufgewachsen ist. Er studierte kreatives Schreiben an der University of Mississippi; heute ist er da als Lehrbeauftragter tätig. «Gravesend» war 2013 sein erster Roman. Es folgte der Storyband «Death Don’t Have No Mercy». Sein zweiter Roman «Everything Is Broken» erschien im vergangenen Jahr zunächst unter dem Titel «Tout est brisé» in Frankreich. Dort hatte Boyle schon mit seinem Debüt, das 2016 in der renommierten, von Frankreichs Krimipapst François Guérif 1986 gegründeten Reihe Rivages/Noir als Band Nummer 1000 erschien, Furore gemacht. Boyles dritter Roman «The Lonely Witness» erscheint in den USA im kommenden Mai. William Boyle lebt in Oxford, Mississippi.

William Boyle: «Gravesend» (Original: «Gravesend», Broken River Book, Portland OR, 2013). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Polar, Hamburg 2018. 293 S., ca. 25 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2018, 11:50 Uhr

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