Simenons Kommissar mit den roten Haaren

Krimi der Woche: Zum Auftakt der neuen Werkausgabe von Georges Simenon erscheinen unter dem Titel «Das Rätsel der Maria Galanda» erstmals Geschichten um Kommissar G7 auf Deutsch.

Autor Simenon, geboren 1903, war wohl einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Er schrieb zudem unter 37 Pseudonymen.

Autor Simenon, geboren 1903, war wohl einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Er schrieb zudem unter 37 Pseudonymen. Bild: Keystone

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Der erste Satz

Fünfzig Kilometer, stockdunkel, heftiger Regen, nichts zu sehen ausser dem schwachen Lichtkegel der Scheinwerfer.

Das Buch
G7 ist ein 1905 gegründetes Taxiunternehmen in Paris, das heute noch existiert. Quasi das Markenzeichen war während vieler Jahre das rote Dach der schwarzen Taxis. Und das ist der Grund, weshalb der sonst namenlose Kommissar einiger Geschichten von Georges Simenon G7 genannt wird – der Mann hat rote Haare. Auch sonst sind die «vier Fälle für G7», die der in Zürich ansässige Kampa-Verlag unter dem Titel «Das Rätsel der Maria Galanda» jetzt erstmals auf Deutsch auflegt, eine ganz witzige Lektüre. Die frühere Werkausgabe von Simenon beim Diogenes-Verlag umfasste mehr als 200 Bücher. Dennoch kann Kampa, wo die deutschen Rechte des Bestsellerautors jetzt liegen, in der neuen Werkausgabe, die soeben gestartet wurde, noch mehrere Titel als deutsche Erstausgaben veröffentlichen.

Entstanden sind die vier kurzen Romane – «Die Irre von Itteville», «Auf Grand Langoustier», «Die Siebenminutennacht» und die Geschichte, die dem Buch den Titel gibt – Anfang der 1930er-Jahre, also etwa zur gleichen Zeit wie die ersten Romane mit Kommissar Maigret, mit dem Simenon bald weltberühmt wurde. In seinem ebenso engagierten wie kundigen Nachwort schreibt Verleger Daniel Kampa, diese Erzählungen seien «mehr als nur interessante Fingerübungen», die «typische Maigret-Atmosphäre» sei «bereits spürbar».

Das ist sicher so. Und man erfreut sich auch an der typischen gradlinigen, sehr ökonomischen Erzählweise des Vielschreibers. Ansonsten wird hier ebenfalls viel Pfeife geraucht, sowohl von G7 wie vom Icherzähler, einem Journalisten, der mit dem Kommissar befreundet ist und ihn immer wieder bei Ermittlungen begleiten darf.

Dabei geht es um einem rätselhaften Mordfall mit einer verschwundenen Leiche und einer schönen Irren in einem Provinznest, um das Verschwinden von drei Frauen auf der Mittelmeerinsel Porquerolles, um einen angekündigten Mord in einem verschlossenen Raum in einem Vorort von Paris und schliesslich – da hat G7 die Polizei verlassen und arbeitet als Privatdetektiv – um ein Schiff, das aus einem Hafen in der Normandie verschwunden ist und in dem beim Wiederauftauchen in einem Wassertank eine weibliche Leiche gefunden wird.

Das ist sehr leichte Unterhaltung, alles bleibt ziemlich oberflächlich. Nach dem Einholen von ein paar Informationen und etwas Nachdenken kann G7 jeweils schnell die Lösung des Falls vorstellen. Am reizvollsten ist die «Locked-room mistery»-Geschichte «Die Siebenminutennacht», denn hier kann G7 den Fall nicht auf Anhieb lösen. Er verstrickt sich schliesslich privat in den Fall, und das führt dazu, dass er den Polizeidienst verlässt.

Die Wertung

Der Autor
Georges Joseph Christian Simenon, geboren 1903 in Lüttich, Belgien, gestorben 1989 in Lausanne, begann mit knapp 16 Jahren für eine Zeitung in Lüttich zu schreiben. Als 19-Jähriger ging er nach Paris, um Schriftsteller zu werden. Er wurde zum wahrscheinlich produktivsten und meistgelesenen Autor weltweit. Zwischen 1924 und 1937 schrieb er unter 37 verschiedenen Pseudonymen mehr als 1000 Kurzgeschichten und gegen 200 Groschenromane. Seine grosse Figur Maigret tauchte in den 1930er-Jahren erstmals auf und wurde in 75 Romanen zu einem Grosserfolg, der bis heute anhält. Daneben schrieb Simenon rund 120 weitere Romane sowie 150 Erzählungen und veröffentlichte später autobiografische Werke, die er diktiert hatte. Simenon lebte in Belgien, Frankreich, Kanada und den USA, bevor er 1957 in die Schweiz zog. Zuletzt wohnte er in Lausanne in einem Hochhaus an der Avenue des Figuiers. Nach seinem Tod am 4. September 1989 wurde seine Asche seinem Wunsch entsprechend im Garten verstreut.

George Simenon: «Das Rätsel der Maria Galanda – Vier Fälle für Kommissar G7» (Original: «L’enigme de la Marie-Galante», Gallimard, Paris 1938). Aus dem Französischen von Kristian Wachinger. Kampa, Zürich 2018, 280 S., ca. 27 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2018, 09:55 Uhr

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