«Sie sagte, Feministinnen seien frustrierte Frauen»

Eva Perón war Argentiniens mächtigste Politikerin und Femme fatale. Historikerin Ursula Prutsch hat ihre Biografie geschrieben.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Eva Perón gilt als Popstar der lateinamerikanischen Politik. Bei ihrem Schweiz-Besuch 1947 wurde sie jedoch in Bern mit Tomaten und in Luzern mit Steinen beworfen. Weshalb die Feindseligkeit? Viele fürchteten, sie trage den Faschismus ins Land. Die Peróns galten als Faschisten, und natürlich war man so unmittelbar nach dem Krieg diesbezüglich hochsensibel. Für weiteren Unmut sorgte die argentinische Zollpolitik, die den Export von Schweizer Produkten erschwerte. Während die Tomatenwürfe von Bern rein politisch motiviert waren, so war der Steinwerfer von Luzern, der Peróns Chauffeur verletzte, psychisch krank. Eva Peróns Besuch stellte für alle Länder, vielleicht mit Ausnahme von Franco-Spanien, eine schwere diplomatische Belastung dar. Auch blamierte sich Perón öfters, weil sie weit weniger mondän war, als sie selber annahm.

Wie blamierte sie sich? Eva Perón sprach keine Fremdsprachen und kam mit Kritik, die ihr demokratische Staaten und ihre Presse entgegenbrachten, nicht zurecht. Denn in Argentinien, einer De-facto-Diktatur, war Kritik am Ehepaar Perón und an seiner Politik schwer möglich. Eva Perón umgab sich mit Freunden und Günstlingen, die ihr das Wort redeten. Widerspruch duldete sie nicht gerne. Als sie nach Europa reiste, hatte sie noch wenig politische Erfahrung, hatte wenige Reden gehalten. Sie war auf dem diplomatischen Parkett unsicher. Diese Unsicherheit überspielte sie mit Arroganz und Allüren.

Mit welchem Versprechen ist der Name Eva Perón in Südamerika heute verbunden? Der Peronismus ist mittlerweile ein sehr flexibler politischer Begriff. Ursprünglich mit Linkspopulismus verbunden, kann er seit Carlos Menem auch neoliberal interpretiert werden. Cristina Kirchner wiederum verband Peronismus mit Marxismus, etwa indem sie provokant eine Verbindung zu Che Guevara herstellte. Analog zum ikonischen Bild von Guevara in Havanna liess sie in Buenos Aires zwei Stahlplastiken von Eva Perón auf der Fassade des Gesundheitsministeriums anbringen. Oder sie liess eine Geldnote neu bedrucken, wobei sie das Konterfei eines Generals durch das Konterfei von Evita ersetzte.

Wie wirkte Eva Perón als Politikerin? Die Altperonisten und Juan Perón selber betrachteten Eva Perón nur als Werkzeug. Aber sie war eindeutig mehr als das und hinterliess ein – allerdings problematisches – politisches Erbe. Einerseits realisierte sie feministische Anliegen wie das Frauenwahlrecht. Andererseits spaltete sie das Land in Freunde und Gegner. Ihre Rhetorik war sehr militant. Ständig sprach sie von Verrätern und Feinden des Volkes. Man darf nicht vergessen, dass der Peronismus heute vor allem deshalb noch fasziniert, weil sein Populismus stark vom Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit profitierte.

War Perón eine Feministin? Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Nur knapp erreichte sie ihr grosses, nach Ansicht vieler Argentinier ungebührliches Ziel nicht – die Vize-Präsidentschaft. Viele Feministinnen waren Kommunistinnen oder Grossbürgerinnen gewesen. Das war nicht die Klientel des Peronismus. Deshalb biederte sich Evita in ihrer Autobiografie den Konservativen an – obwohl ebendiese ihre Karriere sabotierten. Sie sagte etwa: «Feministinnen sind frustrierte Frauen, die gerne Männer wären.» Das war ein Kniefall vor den Militärs, zu denen ja auch Juan Perón zählte.

Wie veränderte der Madonna-Film das Perón-Bild? Er überlagerte die geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen und veränderte das Perón-Bild im Positiven wie im Negativen. Einerseits betont Regisseur Alan Parker Evitas lebenslustige Seite. Andererseits stellt er in seinem Versuch, den Populismus zu entlarven, ihre Wohltätigkeit als reine Show dar, was ihr nicht gerecht wird.

Warum nicht? Sie wuchs in armen Verhältnissen auf, lebte als Schauspielerin ein bescheidenes Leben in Buenos Aires und wusste gut um das Elend der Massen. Sie setzte sich für Arbeiter ein und foutierte sich dabei mitunter um die ökonomischen Zwänge, die nach Ende des Nachkriegsbooms die Politik zunehmend beeinträchtigten.

Setzte Eva Perón ihre Erfahrungen als Schauspielerin ein? Sie tat das sehr geschickt. Sie wollte als Mutter der Nation wahrgenommen werden, wozu sie ihre Erotik gezielt verbergen musste. Deshalb wurden ihre Kleider bei offiziellen Anlässen immer biederer, deshalb legte sie sich den berühmten Haarkranz zu, der extra für sie erfunden worden war. Wenn sie sich unters Volk mischte, spielte sie andererseits gern die glamouröse Prinzessin. Die Botschaft war: «Wer sich anstrengt und sich von mir helfen lässt, kann es wie ich nach oben schaffen.»

Taugt Eva Perón als Vorbild für junge Politikerinnen? Nein. Perón steht letztlich für einen manipulativen Populismus, der in keiner Weise nachfolgenswert ist.

DerBund.ch/Newsnet

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