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Der Fälscher war noch nie so nah an der Wirklichkeit

Borderline-Journalist, Interview-Erfinder, jetzt Romancier: Tom Kummer hat mit «Nina & Tom» ein extremes Buch über eine extreme Liebe geschrieben. Eine Begegnung.

Vielleicht war Tom Kummer noch nie so nah an der Wirklichkeit wie mit seinem neuen Roman. Foto: Adrian Moser
Vielleicht war Tom Kummer noch nie so nah an der Wirklichkeit wie mit seinem neuen Roman. Foto: Adrian Moser

«Superman is back». Die Jeans hat er hochgekrempelt, die Socken mit dem Konterfei des Mannes, dessen biederes Alter Ego als Journalist arbeitet, sind bestens sichtbar. Tom Kummer trägt Kinnbart und ein massives schwarzes Brillengestell, das Haupt ziert ein lockiger Irokesenschnitt light, die senkrechten Falten rahmen den Mund des 56-Jährigen wie Furchen sichelförmig ein.

Es ist das Gesicht eines Indianers, der am Schreibtisch viele eingebildete Schlachten gegen die Bleichgesichter geschlagen hat und nach 30 Jahren in Berlin und in Los Angeles vor einem Jahr in das Reservat zurückgekehrt ist, in die alte Berner Heimat, dort, wo er 1961 geboren wurde, als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Schon früh hat sich Kummer ständig neue Lebensgeschichten ausgedacht, sich mit der Aura des Rätselhaften umhüllt und eine besondere Intelligenz offenbart für das Sammeln, Stehlen und Sampeln.

Wirklichkeit und Fiktion

Am späteren Nachmittag wird Kummer noch eine Tennislektion geben in der Ballonhalle des Neufeld-Tennisclubs. Das einstige Jungtalent verdient seinen Lebensunterhalt heute als Tennislehrer. «Ich mag das Coaching, ich liebe es, Leute zu motivieren.» Wer ihn spöttisch-mitleidig mit seinem «Abstieg» zum Tennislehrer konfrontiert, dem antwortet er: «Auch ein Vladimir Nabokov hat einst Tennisstunden gegeben in Berlin.»

Bereits in Los Angeles hatte Kummer jahrelang als Paddle-Tennis-Lehrer in einem Club in Santa Monica gearbeitet, nachdem er im Jahr 2000 wegen seiner erfundenen Interviews mit Hollywood-Stars von seinen Auftraggebern fallen gelassen worden war.

Aber heute scheint alles anders. Auf seinem neuen Buch über seine drei Jahrzehnte dauernde Beziehung zu seiner 2014 an Krebs verstorbenen Partnerin steht «Roman»; das Buch, das von der Gegenwartsebene in Los Angeles immer wieder zurückblendet in die gemeinsame Vergangenheit, schrieb Kummer in einem halben Jahr in Bern. «Das Schöne war, dass ich Nina im Schreibprozess nochmals nahegekommen bin», sagt Kummer.

Seine Texte haben ihren Reiz stets aus der Reibung von Wirklichkeit und Fiktion bezogen. Zehn Jahre nach «Blow up», dieser Mischung aus Autobiografie und Rechtfertigungsschrift, schreibt Kummer nun über eine Amour fou, deren männlicher Part er selbst gewesen war. «Ich habe mit diesem Buch aus dem Nichts geschossen, ohne Strategie, wahrscheinlich hat das niemand erwartet.» Und wahrscheinlich ist er noch nie so nahe an der Wirklichkeit gewesen, an der eigenen Lebensgeschichte, wie in «Nina & Tom».

Die Frau mit der Gefühlskälte

Erstmals begegnet sei dieser Tom, so erzählt Kummer im Roman, dieser Nina Mitte der 1980er-Jahre in Barcelona. Er kommt, den Schädel kahl rasiert und in der Pose des «Underdogs», mit einem Freund aus Westberlin, um in Spanien einen Videokunst-Film zu machen – eine Pyroaktion ähnlich wie in Berlin, wo er mit inszenierten Brandanschlägen auf die Berliner Mauer «situationistischen» Kunsthappenings huldigt und davon träumt, Teil von etwas Grösserem zu sein. Im Szenelokal «Otto Zutz» entflammt er dann für ein sonderbares, androgynes Wesen mit platinblodem Haar hinter der Bar, das mit arrogant zur Schau getragenen Gefühlskälte agiert; er wusste nicht, ob es ein Mann oder eine Frau war.

Kummer beschreibt dies in suggestiven Bildern wie einen Countdown vor einer personifizierten Naturkatastrophe, die sein «altes Leben» auf einen Schlag beendet. Sie schleppt ihn ab, sie haben erstmals Sex, den er als «gnadenlosen Ego-Trip» von ihr erlebt. Trotzdem braucht er immer mehr davon – ständiger Begleiter sind Gewalt, Kontrollverlust und sadomasochistische Rollenspiele. Da kollidieren, von einer animalischen Anziehungskraft angezogen, zwei junge Menschen miteinander, die in der Subkultur Westberlins die blasierte Kunst der Selbstdarstellung perfektionieren, in Los Angeles später gegen alle Wahrscheinlichkeit eine Familie gründen und ihre Vergangenheit lange voreinander vernebeln. Während er ihr zuerst sagt, er sei Amerikaner, hüllt sie sich wegen ihrer Herkunft ganz in Schweigen. Später stellt sich heraus, dass sie aus Biel stammt und er aus Bern: «Es ist unfassbar. Wir sind in unmittelbarer Nähe aufgewachsen.»

Tom Kummer wirkt drahtig und gut in Form an diesem sonnigen Frühlingstag. In der aktuellen «Weltwoche», die Kummer an diesem Tag gekauft hat – «verschämt», wie er grinsend anfügt –, melden sich die Angehörigen von Nina zu Wort. Die jüngere Schwester zeigt sich schockiert, wie drastisch das lange Sterben Ninas in der Wohnung in Koreatown geschildert wird – und es werden Unstimmigkeiten moniert, erfundene Szenen wie ein Weihnachtsbesuch bei der Mutter, während dessen Nina die konsternierte Runde mit Details zu ihrer Abtreibung provoziert. Tom Kummer zeigt sich unbeeindruckt: «Ich konnte diesen Leuten, die eh in einer anderen Welt lebten als wir, nicht den Gefallen tun, unsere gemeinsame Geschichte zu glätten und aus Pietätsgründen gewisse Szenen auszusparen.»

Extremsituationen haben den Schreiber Kummer schon immer angezogen; wie unter der Lupe mit einem porentiefen Hyperrealismus zeigt er die sterbende Nina, die zu Hause in Koreatown gepflegt wird, umgeben von den halbwüchsigen Söhnen und von Tom Kummer, der ihr Morphiumtropfen verabreicht, wenn die Schmerzen zu stark werden. «Manchmal fühlt es sich an, als würden wir uns das stille Spektakel ‹Sterben› wie eine Reality-Show reinziehen.» Er lässt sie, die auf 45 Kilogramm Abgemagerte, in High Heels und Plastikminirock in der Wohnung herumstöckeln, bis sie umfällt.

Der «sexuelle Abschied»

Eine blühende Frau mitten im Leben beim Sterben zu zeigen, das sei ein «Tabuthema», sagt Kummer. Ihn habe auch die Frage umgetrieben, wie man sich von seiner Frau in einer solchen Situation «sexuell verabschiedet». Das Begehren ist noch da, die Zärtlichkeiten auf dem Bett, die Berührungen mit einer Frau, die oft vor sich hin dämmert oder röchelnd atmet. Aber allein der präzise Gebrauch des Worts «Nachtwindel» bewirkt, dass diese zart-verzweifelten Bemühen um körperliche Nähe nicht abstossend oder gar obszön wirkt. Er habe beileibe kein Sterbehilfebuch schreiben wollen, sagt Kummer, aber in Kalifornien habe er ein progressives Krankensystem kennen gelernt, «das uns unterstützte und unseren Weg gehen liess». Was würde seine Frau zu diesem Buch sagen, das Kummer mit den Worten beschliesst, es sei sein persönlicher Bericht auf Ninas Kosten? Kummer schweigt.

«Ich glaube, sie wäre auf die Ästhetik des Buches stolz, auf das Coverbild mit unserem Hochzeitsfoto, darauf, wie gewisse Reisen und die Geburten unserer Söhne beschrieben werden.» Er macht eine Pause. «Und doch ist klar, dass sie das Buch als Verrat an unserer geheimbündlerischen Idee werten würde, das war das erste Grundgesetz unserer Beziehung.» Aber wie schreibt er einmal im Buch: Der Unterschied zwischen ihm und seiner Frau sei gewesen, dass sie mit einem schlechten Gewissen nicht habe leben können, er dagegen schon.

«Es ist ein Buch, das man erst ab 18 lesen sollte», sagt Kummer ungewohnt ernst. Seinem älteren Sohn habe er noch kein Exemplar geben können, aber er wisse Bescheid und finde es gut. Der Jüngere sei noch nicht wahnsinnig interessiert daran, «ich werde ihm ausgewählte Stellen vorlesen».

Tom Kummer: Nina & Tom. Roman. Blumenbar, Berlin 2017, 254 S., ca. 29 Fr.

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