Jeder Zweite kauft keine Bücher mehr

Dramatische Zahlen für den deutschen Buchhandel: Die Branche hat sechs Millionen Käufer verloren. Nun sucht sie nach Gründen.

Der Leserschwund betrifft vor allem die 20 bis 39-jährigen Käufer: Eine Frau hält ihrem Freund die Augen zu. Bild: iStock

Der Leserschwund betrifft vor allem die 20 bis 39-jährigen Käufer: Eine Frau hält ihrem Freund die Augen zu. Bild: iStock

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«Bei jedem meiner neuen Romane sind die Verkaufszahlen rückläufig. Die Verleger verkaufen immer weniger in immer weniger Buchhandlungen. Kein Jugendlicher liest mehr. Sogar ich komme immer seltener zum Lesen.» Das dramatische Statement stammt von einem Weltstar des Buchs – einem Autor, der sich nun wirklich nicht über schlechte Auflagen beklagen kann: John Grisham hat mehr als 300 Millionen Exemplare weltweit verkauft.

Wenn der schon klagt, wie mag es im Mittelfeld des Buchhandels aussehen, im Normalfall und im Durchschnitt? Düster. In Deutschland hat eine vom Börsen­verein in Auftrag gegebene Studie die Branche aufgerüttelt. Sie soll im Juni veröffentlicht werden, aber die Kernzahlen sind schon bekannt: Binnen vier Jahren sind dem deutschen Buchhandel 6,1 Millionen Käufer verloren gegangen. Waren es 2012 noch 36,9 Millionen, die mindestens ein Buch im Jahr gekauft haben, waren es 2016 nur noch 30,8 Millionen. Im ersten Halbjahr 2017 kauften noch mal 600'000 Personen mehr kein Buch.

Ein Desaster, das an die rasanten Leserverluste der Tageszeitungen erinnert. Steht dem Buchhandel etwa das bevor, was die Musikindustrie vor einigen Jahren getroffen hat: das Zerbröseln des Geschäftsmodells? Manche mögen sich damit trösten, dass die Umsätze ja nicht dramatisch gesunken sind.

Steigende Kaufintensität

Es haben zwar weniger Personen Bücher gekauft, diese dafür aber laut Studie mehr: 113 Euro gab ein Buchkäufer 2012 im Laden (oder per Onlinebestellung) aus, vier Jahre später waren es aber 134 Euro. Die «Kaufintensität» der Leser stieg von 10,8 auf 12,2 Bücher.

Konzentriert sich die Käuferschaft also auf eine ausgabefreudigere Kernkundschaft? Das wäre kein Grund zur Beruhigung. Denn, das zeigt die Untersuchung auch: Diese Kernkundschaft wird immer älter. Im Jahr 2002 stellten die über 70-Jährigen 8 Prozent der Käufer, 2016 hingegen schon 26 Prozent. Gleichzeitig nahm die Kaufbereitschaft jener Altersgruppen stark ab, die in den Jahren intensiver Berufstätigkeit stecken: von 22 auf 9 Prozent etwa bei den 30- bis 39-Jährigen. Bei der «kritischen Zielgruppe» der 20- bis 49-Jährigen ermittelte die Studie gar einen Rückgang der Buchkäufer von 32 Prozent.

Ein Erdrutsch auf Raten

Die internationale Beratungsgesellschaft PWC prognostiziert deshalb, dass die Umsätze gedruckter Bücher bis 2020 um 3,4 Prozent sinken werden – pro Jahr, wohlgemerkt. Eine gefährliche Erosion, ein Erdrutsch auf Raten.

Der Börsenverein – die Standesvertretung der deutschen Verleger und Buchhändler – hat nach den Motiven für die Bücherflucht gesucht, «Fokusgruppen» befragt und folgende Antworten erhalten: Die Befragten fühlten sich von der Schnelllebigkeit und dem Druck des Alltags gestresst, es fehle ihnen schlicht die Zeit und die Ruhe zum Lesen. Die Ablenkung durch Smartphone und soziale Medien verhindere jene Konzentration, die Lektüre nun mal brauche. Schliesslich böten gut gemachte TV-Serien, wie sie etwa Netflix anbiete, eine Form von Unterhaltung, die weniger anstrenge als das Lesen. Die Erklärung klingt plausibel; jeder kann sie in seinem Umfeld bestätigt sehen. Wer berufstätig ist, erlebt eine beständige Beschleunigung und Verdichtung der Arbeit; Konkurrenzdruck und Digitalisierung tun ein Übriges, damit viele, die nach Feierabend in einem Buch zu versinken pflegten, jetzt lieber auf den «Play»-Knopf drücken und sich berieseln lassen.

Der idealtypische Arzt, der abends im Streichquartett die Bratsche spielte oder sich in Thomas Mann versenkte: verschwunden. Seine Kollegen heute machen in der Zeit ihre Abrechnungen, bilden sich fort oder schlaffen einfach ab. Am Wochenende vielleicht Golf. Der Druck sozialer Kommunikation kommt hinzu: Whatsapp-Gspäändli und Facebook-Freunde verlangen nach unmittelbaren Reaktionen auf ihre Posts. Die Angst, abgehängt zu werden, lenkt die Finger. Bücher blinken und piepsen eben nicht.

Untergangsbeschwörungen helfen nicht weiter

Das alles sind gewaltige soziale und gesellschaftliche Verwerfungen, die sich auf Bücher und Lektüre alles andere als günstig auswirken. Leser springen ab, Jüngere erst gar nicht auf. Was dabei verloren geht, tragen Vertreter des Buchhandels wie ein Mantra vor sich her: Konzentrationsfähigkeit, Fantasie, Kritikfähigkeit, Empathie – all das vermitteln Bücher. Leser sind mündige Bürger, eine illiterarische Gesellschaft ist auch nicht mehr demokratiefähig.

Alles richtig, aber solche Untergangsbeschwörungen helfen nicht weiter. Wenn man in der Branche herumfragt, bei Verlegern und Buchhändlern, stösst man auf besorgte, allerdings keine apokalyptischen Wahrnehmungen. Die Tonlage ist: differenziert.

Der Diogenes-Verlag hat seinen Sitz in Zürich, erzielt aber 90 Prozent seines Umsatzes in Deutschland. Der Käuferschwund trifft ihn also existenziell. Verleger Philipp Keel hat der FAZ einmal gesagt, seit 2000 verdiene jeder in der Branche – Autoren, Verlage, Buchhandlungen – nur noch die Hälfte. Auf diese Aussage wird er immer wieder angesprochen, die Medien zitieren sie regelmässig. Nun – Diogenes ist nicht geschrumpft und hat niemanden entlassen, selbst wenn der Verlag durch den starken Franken schwierige Jahre hatte und die Bestseller nicht mehr so hohe Auflagen erzielen wie einst.

Das kürzer fliegende Buch

«100'000 ist das neue 300'000», zitiert Keels Kollege Jo Lendle vom Münchner Hanser-Verlag einen Branchenspruch. Konkret nennt er den neuen Roman von Arno Geiger: «Unter der Drachenwand» hat sich bis jetzt 100'000-mal verkauft; ein solcher Titel hätte früher 50'000 mehr gebracht.» Ähnliche Relationen hört man vom Dumont-Verlag, der mit Mariana Lekys «Was man von hier aus sehen kann» einen Überraschungserfolg landen konnte. Aber eben: Bestseller sellen weniger best als auch schon. Hanser-Chef Lendle drückt es so aus: «Wenn ein Buch ins Fliegen kommt, fliegt es nicht mehr so lang und hoch.»

Ulrich Nebroj, 23 Jahre lang Verlagsvertreter für S. Fischer in der Schweiz, erinnert sich, dass ein Verlag, der einen der ersten Plätze auf der «Spiegel»-Bestsellerliste erobert hatte, von einer Viertelmillion verkaufter Exemplare ausgehen konnte. «Heute sind es dann eben 100'000». Das schlägt auf die Bilanzen, weil die Titel, die man ‹mitschleppt›, weil es manchmal die literarischen Perlen sind, ihrerseits absacken.

Die Zahlen für den Gesamtmarkt sind unbestreitbar, aber für den einzelnen Verlag gibt es immer Gegenbeispiele. Lendle nennt den 1000-Seiten-Roman «Ein wenig Leben» der unbekannten Autorin Hanya Yanagihara, «gegen den alles sprach, aber an den wir alle geglaubt haben» und der statt der erwarteten 14'000 Exemplare auf das Siebenfache kam.

«Wenn jemand pro Tag 100-mal aufs Smartphone schaut, wird er jedes Mal abgelenkt.» Philipp Keel, Diogenes-Verleger

Auch bei Diogenes kann man Rückgänge bei Spitzentiteln mit erfreulichen Erfolgen bei neuen Autoren und Debüts kompensieren, fast alle überspringen die «Hürde der 10'000» – Philipp Keel nennt Klaus Cäsar Zehrer, Eve Harris oder Emanuel Bergmann.

Also: Die Verleger spüren den Käuferrückgang, auch wenn das eigene Haus noch nicht in den Grundfesten erschüttert ist. «Es geht kontinuierlich zurück, nicht disruptiv wie im Musikgeschäft», sagt Lendle. Hanser gibt mit einer sanften Reduktion der Anzahl Titel Gegensteuer. Siv Bublitz, Geschäftsführerin Programm und Strategie bei S. Fischer, sagt: «Weniger Bücher besser verlegen.»

Sämtliche Befragten bestätigen die Befunde des Börsenvereins, was die Gründe für die Leseabstinenz angeht. Sie liegen ja auch auf der Hand. Keel diagnostiziert eine Reizüberflutung: «Die Menschen sind müder geworden. Wir nehmen viel mehr auf als früher. Wenn jemand pro Tag 100-mal aufs Smartphone schaut, wird er jedes Mal abgelenkt.»

Fühlen, was gefehlt hat

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch: Philipp Keel glaubt, «wie viele andere auch», an die Chance einer Trendumkehr, einer Renaissance des Buchs. Jo Lendle zitiert den alten Samuel Fischer, der schon vor 100 Jahren geklagt habe: «Man treibt Sport, man tanzt, findet keine Zeit, ein Buch zu lesen.»

Ein solches Zitat mag kurzfristig verblüffen – wie das von der verdorbenen Jugend, über welche schon antike Philosophen klagten. Es hilft nicht gegen die Wucht der Zahlen, die Realität der veränderten Freizeitnutzung, die Unwiderstehlichkeit der Reize, die nach sofortiger Reaktion verlangen. Die Stunden, die jüngere und immer ältere Menschen am Smartphone verbringen, die Wochenenden, die mit Serienpaketen gefüllt werden, die fehlen.

Noch immer greifen manche in den Ferien zum «Buch der Saison» oder dem Klassiker, den sie schon immer mal lesen wollten. Und fühlen plötzlich, was ihnen gefehlt hat. Aber dass die Leser weniger werden, auf absehbare Zeit, dass das viele Verlage und Buchhandlungen die Existenz kosten wird: Das scheint ein Naturgesetz zu sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 19:04 Uhr

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Eine Statistik, die der deutschen Studie zum dramatischen Rückgang der Buchkäufer vergleichbar wäre, gibt es für die Schweiz nicht. Dafür Zahlen zum Umsatz, der in den vergangenen zehn Jahren um 25,2 Prozent gesunken ist. Dieser Rückgang um ein Viertel geht zum grossen Teil auf gesunkene Buchpreise zurück, dies wiederum wegen des starken Frankens.

Bücher sind heute knapp 20 Prozent günstiger als 2007. Zu billig, sagen Buchhändler wie Marianne Sax (Bücherladen in Frauenfeld) und Cornelia Schweizer (Buchhandlung am Hottingerplatz in Zürich). Auch der Mediensprecher des Grossanbieters Orell Füssli Thalia, Alfredo Schilirò, weist darauf hin, dass die Preise für andere Freizeitangebote sukzessive gestiegen seien im Unterschied zu denen für Bücher.

Zu schaffen machen den Buchhandlun­- gen neben den Preisen die «Alterung» der Stammkundschaft, das Verhalten von Grosskunden, die von den kleinen Läden zu Grossanbietern wechseln, wo sie Rabatte aushandeln können, die «Abwanderung nach Amazonien» (Schweizer) und, ganz generell, die Konkurrenz durch andere Ablenkungen: «Social Media ist das neue Fernsehen» (Marianne Sax).

Unterkriegen lassen sich die beiden Buchhändlerinnen nicht. Sie setzen auf individuelle Beratung, auf ein anspruchs­volles Sortiment, in dem man «das Buch findet, von dem man nicht gewusst hat, dass man es gesucht hat» (Schweizer), und auf Veranstaltungen rund ums Buch, von der Teilnahme an Festivals bis zu Aktionen wie «Frauenfeld liest ein Buch». (ebl)

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