Reisen ins Landesinnere

Vom Bauernsterben bis zur künstlichen Befruchtung: Der Solothurner Autor Ernst Burren hat seinen ersten Roman veröffentlicht.

Kleinbauer Fridu wünscht seinem Ross Fränzu stets eine gute Nacht und tätschelt ihm den Hals, «was är», wie seine Frau Bethli sagt, «mit mir nie macht».

Kleinbauer Fridu wünscht seinem Ross Fränzu stets eine gute Nacht und tätschelt ihm den Hals, «was är», wie seine Frau Bethli sagt, «mit mir nie macht».

(Bild: TA)

Sie wälzt sich im Brunnentrog und schreit wie eine Furie, die «jungi frou mit dene rote hoor». Kleinbauer Fridu hat sie auf seinem Hof entdeckt. Auch seine Frau Bethli und Nachbar Turi werden Zeuge dieses verzweifelten Ausbruchs. Sie lässt sich nicht beruhigen und schreit: «Dr Vatter het mi missbruucht.» Nachdem die Notfallsanität sie schliesslich abtransportiert hat, reinigt der Nachbar den Trog und Fridu berichtet von der Reaktion seiner Frau auf diesen verstörenden Vorfall: «S Bethli het em danket und gseit / gottlob hei d chüe dä dräck / i üsem brunne nit gseh / die hätte süsch nie meh / o nume ei schluck drus gsoffe.»

Fridu, Bethli, Sohn Pöili, Enkel Reto, die Nichte Erika und Nachbar Turi: Das sind die sechs Solisten, die in Ernst Burrens erstem Roman abwechselnd in inneren Monologen von ihren Nöten und Sorgen erzählen, von ihren Konflikten und Sehnsüchten. Es ist ein kleiner Chor der Generationen, der einem Kanon ähnlich Motive und Geschichten entfaltet, die einander ergänzen, kommentieren, mitunter auch widersprechen. Der 72-jährige Mundartautor aus Oberdorf bei Solothurn hat in seinen Texten immer wieder mit feiner Beobachtungsgabe und einem ausgeprägten musikalischen Sprachgefühl den Dorfkosmos am Jurasüdfuss als Spiegel der grossen Welt in Szene zu setzten gewusst.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und Kraftquelle ist vielfältigen Zerreissproben ausgesetzt; das Idyll weist zahlreiche kleine und etliche grössere Risse auf, die Burren mit tragikomischem Unterton offenlegt, ohne darüber zu urteilen. Fridu weiss, dass er als Kleinbauer ein Auslaufmodell ist, er hat früher gesoffen und seine stärksten Gefühle wohl für sein Pferd Fränzu empfunden. Im Dorf beobachtet er skeptisch die Zugezogenen, die gegen eine Schweinemast mobil machen: «De wei die lüt is grüene cho wohne / aber mit dr landluft wei si nüt z tüe ha / die schtinkt ne.»

Seine Frau Bethli hat gerade ihre gläubige Schwester verloren, die sich auf das Wiedersehen mit ihren Lieben im Jenseits freute. Selber möchte Bethli dem Ehemann nach ihrem Tod eigentlich nicht mehr begegnen. Sohn Pöili ist ein Lehrer in der Midlife-Crisis, der glaubt, seine jüngere Freundin habe es nur auf sein Geld abgesehen, und der ein geplantes Sabbatical in Paris wegen der Terroranschläge nicht antreten will; Enkel Reto gibt zur Enttäuschung des Vaters seinen Traum vom Profifussballer auf und versucht sich gegen seine besitzergreifende, ältere Freundin zu behaupten.

Bethlis Nichte Erika muss mit der Entscheidung ihrer Tochter zurechtkommen, ein Kind mit einem anonymen Samenspender zu bekommen. Und Turi hat mit 60 seinen Hof aufgegeben, mit Bauland viel Geld verdient und möchte nun in einem Wohnmobil noch etwas von der Welt sehen – aber seine etwas ältere Frau ist nicht begeistert und Turi sinniert: «Jetze eso zum privatisiere / wäri vilecht besser bedient mit ere jüngere.» Burren lässt diese nicht immer sympathischen, mitunter auch kleinmütig, neidisch und selbstgerecht wirkenden Figuren in eine Art imaginären Zeugenstand treten und unzensiert in den Sprache gewordenen Bewusstseinsstrom eintauchen – wobei das scheinbar Zufällige und Assoziative in Wahrheit vom Autor meisterlich komponiert und rhythmisiert wird. Man kann sich diesen Roman aus sechs Stimmen durchaus auch als eine Sprechoper auf der Bühne vorstellen. Das Rätsel um die Frau im Brunnentrog wird übrigens von Turi angeblich gelöst – er will sie in der Stadt gesehen haben als Lehrerin inmitten ihrer Schulklasse.

Ernst Burren: Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina. Roman. Cosmos Verlag, Muri, 2016. 130 S. 28.90 Fr.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt