Pure Not im vermeintlichen Paradies

«Überleben am Red River»: Auf einer wahren Geschichte basiert der neue Roman der Berner Schriftstellerin Therese Bichsel, der packend vom Schicksal Berner Auswanderer in den 1820er-Jahren erzählt.

Strapaziöse Reise: Peter Rindisbacher junior zeichnete 1821 das Schiff der Kolonisten im kanadischen Eismeer. Foto: zvg

Strapaziöse Reise: Peter Rindisbacher junior zeichnete 1821 das Schiff der Kolonisten im kanadischen Eismeer. Foto: zvg

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Unglaublich, mit welcher Skrupellosigkeit gutgläubige Menschen getäuscht werden können! Ein Berner Patrizier, Hauptmann Rudolf von May, gaukelt 1821 verschiedenen Familien aus dem Bernbiet und dem Neuenburgischen ein Schlaraffenland vor, das sich in der kanadischen Kolonie des Red River, im Gebiet des heutigen Winnipeg, befinden soll. Das Klima sei gemässigt und gesund, erzählt er, der Boden fruchtbar und leicht zu bearbeiten, Jagd und Fischerei fielen äusserst ergiebig aus, und die Siedler, die sich dort niedergelassen hätten, würden sich «allda sehr glücklich befinden».

Unsägliche Enttäuschung

Warum aber liessen sich die künftigen Kolonisten verlocken? Die Hungerjahre 1816/17 mit ihren wetterbedingten geringen Ernteerträgen hatten tiefe Spuren hinterlassen. So entschlossen sich die Männer, denen allein der Entscheid zustand, während sich die Frauen fügen mussten, im Mai 1821 schweren Herzens für die Auswanderung. Nach einer strapaziösen Reise erreichten die 170 Kolonisten bei Wintereinbruch völlig erschöpft ihr Ziel. Was sie im Paradies vorfanden, war pure Not – weitaus grösser als jene zu Hause.

Diese Geschichte einer unsäglichen Enttäuschung, die in Briefen der Siedler und von May, in Zeitungsartikeln und einer Werbeschrift dokumentiert ist, hat die im Emmental aufgewachsene Therese Bichsel in ihrem neuen Buch aufgerollt. Die bekannte Autorin von historischen Romanen verwebt die Zeugnisse mit ihrem eigenen Text und konzentriert sich in den Schilderungen auf die Familien Scheidegger aus Bern und Rindisbacher aus Eggiwil. Zwei weiblichen Mitgliedern gibt sie eine Stimme, der 21-jährigen Elisabeth Rindisbacher und der 11-jährigen Anni Scheidegger. Während die Passagen um Elisabeth in der 3. Person erzählt werden, berichtet das Mädchen Anni in der Ich-Form. Aber die Anni-Partien, die aus der Sicht einer 11-Jährigen hätten gestaltet werden müssen, wirken nicht altersgemäss, sondern sind in Duktus und Wortwahl die Texte einer Erwachsenen. Besser hätte Therese Bichsel auch hier die Haltung der auktorialen Erzählerin gewählt.

Hunger und Verzweiflung

Dies ist aber auch der einzige Einwand gegenüber einem Buch, das sofort die Lesenden fesselt und sie mit seiner Anschaulichkeit und Dynamik gar nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Wie könnten sie unbeteiligt bleiben angesichts der Leiden und Schwierigkeiten, die auf die Siedler warten. Um ihre Hoffnungen sind die Auswanderer geprellt worden, dafür kocht ihre Wut gegenüber dem Gouverneur hoch, der sie im Stich lässt, sodass die meisten Siedler 1823 die Weiterreise in den Süden, ins Gebiet um Saint Louis (USA) antreten. Jene, die zurückbleiben, weil sie auf eine Besserung ihrer Lage hoffen, werden 1826 von einer Katastrophe heimgesucht: Nach einem schneereichen Winter bricht jäh die Schneeschmelze herein, sodass der reissende Red River die Häuser der Siedler wegspült.

Alles drängt sich in der kurzen Erzählzeit von 1821 bis 1826 zusammen: Tod und Geburt, Hunger und Verzweiflung. Dass die Kolonisten dennoch durchhalten, grenzt an ein Wunder und ist nebst der religiösen Verankerung dem familiären Zusammenhalt zuzuschreiben. Überdies geniessen einige führungsstarke Personen wie etwa Peter Rindisbacher senior eine natürliche Autorität und wirken einer Zersplitterung entgegen. Auch die Kontakte mit den Siedlerfamilien aus Neuenburg verbessern die Sprachkenntnisse beider Seiten.

Wie aber der zeichnerisch begabte Peter Rindisbacher junior (1806–1834) unbeirrt seinen Weg als künftiger Künstler einschlägt und offen auf die benachbarten Indianer zugeht, trägt das Signum des ausserordentlichen Charakters. Ihm, dem «Indianermaler», ist eine Vielzahl von Impressionen aus dem Leben der Indianerstämme zu verdanken, die heute im Besitz kanadischer Museen sind.

Heiraten in einer Zwangslage

Ein trauriges Kapitel innerhalb einer ohnehin düsteren Geschichte stellen die Heiraten der Töchter aus den Siedlungsfamilien dar. Als die Kolonisten im Frühwinter ihr Ziel erreichten, fanden sie entgegen der Übereinkunft keine Häuser vor. Nur die bereits seit Jahren ansässigen Soldaten aus dem Regiment de Meuron («Meurons» genannt), die auf der englischen Seite im britisch-amerikanischen Krieg (1812–1815) gekämpft hatten, wohnten in Häusern: allein, ohne Frau. Wenn nun eine Tochter den Heiratsantrag eines «Meuron» annahm, erhielt ihre Familie ein Dach über dem Kopf. So wurde die Notlage zulasten der jungen Frauen ausgenützt, die vor einem quälenden Dilemma standen: entweder die eigene Familie vor dem Erfrieren retten und die Verbindung mit einem ungeliebten Mann eingehen oder die persönliche Integrität wahren und die Angehörigen dem Verderben preisgeben. Die Bräute, manche noch nicht sechzehn Jahre alt, handelten im Sinn ihrer Familien.

Therese Bichsel, die schon in ihrem letzten Roman «Die Walserin» (2015) ein Emigranten-Schicksal aufgegriffen hat, zeichnet auch hier ein Bild von schweizerischen Landsleuten, deren Geschichte angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik keineswegs fern erscheint und daher mitten ins Herz trifft. Und wieder staunt man über den langen Atem, die Sorgfalt und Geduld, mit denen Therese Bichsel die Wege ihrer Menschen begleitet.

Therese Bichsel: Überleben am Red River. Roman. Zytglogge-Verlag, Basel 2018, 370 Seiten, 37.90 Fr.

Vernissage: 21. März, 20 Uhr, in der Buchhandlung Stauffacher Bern. (Der Bund)

Erstellt: 10.03.2018, 09:55 Uhr

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