«Präsenz ist beim Schreiben vermutlich das Wichtigste»

Für Peter Stamm war das Uni-Seminar in Bern «Zeitverschwendung im besten Sinn». Ein Gespräch über die Kunst des Entdeckens, den Besuch im Einsteinhaus und das «starke Mittel» der Intuition.

«Lernen bedeutet unter anderem auch, dem Dozenten Widerstand entgegenzusetzen, das Gegenteil von dem auszuprobieren, was er gesagt hat», sagt Peter Stamm.<p class='credit'>(Bild: Gaby Gerster)</p>

«Lernen bedeutet unter anderem auch, dem Dozenten Widerstand entgegenzusetzen, das Gegenteil von dem auszuprobieren, was er gesagt hat», sagt Peter Stamm.

(Bild: Gaby Gerster)

Das Seminar, das Sie als Dürrenmatt-Professor an der Universität Bern leiten, neigt sich dem Ende zu. War es Zeitverschwendung?
Wenn es Zeitverschwendung war, dann im besten Sinn. Was ich rüberbringen wollte, ist nicht einfach zu vermitteln. Ich bin kein geborener Pädagoge, aber wenn die Studierenden am Ende begriffen haben, dass künstlerische Arbeit anders funktioniert als das, was sie normalerweise an der Uni machen, dann habe ich mein Ziel erreicht. Wenn jemand weiter diesen Weg gehen will, wird er oder sie natürlich noch viel zu tun haben, aber das habe ich ja auch, das gehört zum Beruf.

Sie sagten einmal, ein guter Dozent bringe die Studierenden dazu, die Welt anders zu sehen. Oder in diesem Fall das Phänomen Zeit. Ist Ihnen das als Dozent gelungen?
Das ist immer schwer zu sagen. Manchmal ist es eine einzige Aussage in einem halben Jahr, die hängen bleibt und an die man sich irgendwann später erinnert. Der Satz, der mir vielleicht am wichtigsten ist, stammt von einem amerikanischen Künstler, der meinte, man müsse in der Kunst nichts machen, sondern etwas entdecken. Das gilt im Übrigen in ganz vielen Bereichen. Aber Lernen bedeutet unter anderem auch, dem Dozenten Widerstand entgegenzusetzen, das Gegenteil von dem auszuprobieren, was er gesagt hat, und auf die Nase zu fallen. Der beste Lehrer ist immer noch das Leben.

Im Seminar haben vor allem Studenten Rückmeldungen auf einen gemeinsamen Theaterbesuch gemacht. Haben Sie den Abend «Mann ohne Eigenschaften» nach Robert Musils 1700- Seiten-Roman am Stadttheater Bern als kurzweilig in Erinnerung?
Ich sitze nicht gerne vier Stunden im Theater, ich bin ein ungeduldiger Mensch. Aber der Abend war sehr schön und überhaupt nicht zu lang. Ich habe manchmal nicht gewusst, welche Figur gerade spricht oder was genau passiert, aber das ist bei dieser Inszenierung auch gar nicht so wichtig. Wichtig sind die anregenden Texte, das gute Schauspiel, die Gedanken, die eigene Gedanken anregen.

Der ins Seminar eingeladene Dramaturg sprach von der grössten Herausforderung für Schauspieler: sich dem Moment übergeben und loslassen, um etwas zu entdecken. Wenn man nichts entdecke, werde auch kein künstlerischer Prozess in Gang gesetzt. Würden Sie das aus Sicht des Autors bestätigen?
Ja, absolut. Wenn man mit dem Schreiben anfängt, meint man oft, man müsse jetzt tolle Sätze formulieren, ausgefallene Metaphern finden, überhaupt sehr gescheit sein oder seine Botschaft an den Mann oder die Frau bringen. Das ist aber keine Kunst. Präsenz ist beim Schreiben vermutlich das Wichtigste. Und auch Ehrlichkeit, vor allem sich selbst gegenüber. Dann kann man auch mit Dreiwortsätzen Kunst machen.

Sie haben mit Ihren Studenten auch das Einsteinhaus besucht und sich dort von einem Physiker die Relativitätstheorie erklären lassen. Einige der Studierenden sagten, sie seien gescheitert beim Versuch, diese Theorie zu verstehen. Wie ist es Ihnen ergangen?
Es ging ja um noch viel wildere Theorien, um die Stringtheorie und um die Quantentheorie. Aber die verstehen selbst die meisten Physiker nicht wirklich. Was ich von diesem Besuch mitnahm: Ich begriff, dass Zeit etwas viel Komplexeres ist, als unsere Uhren anzeigen. Dass es nicht eine Zeit gibt, sondern dass jede und jeder seine oder ihre Zeit hat. Und dann gab es noch diesen Gedanken, dass Zeit und Raum vielleicht aus denselben Elementen bestehen könnten. Daran studiere ich jetzt noch herum. Ich habe nicht erwartet, dass die Studierenden am Ende der Sitzung die Weltformel entdecken.

Noch sind nicht alle Gäste aus anderen Kunstsparten im Seminar zu Gast gewesen. Gleichwohl: Gibt es da besondere Erkenntnisse bei Ihnen, wenn Sie das Verhältnis der Literatur zur Zeit mit dem anderer Sparten vergleichen?
Faszinierend waren eher die Verwandtschaften zwischen den Künsten. Mit Peter Zumthor habe ich über die Parallelen von Theater und Architektur gesprochen. Die Tänzerin hat einen Bibeltext zitiert, mit dem Physiker haben wir Texte von Augustinus besprochen, und die Philosophin hat einen Filmausschnitt mitgebracht, um ihre These zu verdeutlichen. Im Grunde geht es allen um dasselbe; nur die Mittel, mit denen wir arbeiten, sind verschieden. Die Unterschiede sind natürlich schon auch interessant. Leider hatte ich keine Zeit mehr, um eine Musikerin einzuladen.

Im Seminar wurden auch einige Geschichten von Ihnen gelesen. Gab es besondere, überraschende Reaktionen?
Nicht wirklich. Ich bin es gewohnt, dass auf meine Geschichten die unterschiedlichsten Reaktionen kommen, dass sie ganz verschieden gelesen werden.

Wenn Sie nach diesem Seminar jemand fragt, ob die künstlerische Herangehensweise an die Zeit der wissenschaftlichen Methode überlegen sei – was antworten Sie?
Ich weiss nicht, ob die künstlerische Herangehensweise überlegen ist. Wenn man die Theorie von allem sucht, dann sollte man sich wohl an die Physik halten. Aber wenn Physiker von Geistesblitzen sprechen, von plötzlichen Eingebungen, dann sind das auch eher künstlerische als wissenschaftliche Prozesse. Künstlerische Herangehensweisen sind weniger präzise als wissenschaftliche, aber sie führen oft zu überraschenderen Ergebnissen. Die Intuition ist ein sehr starkes Mittel. Und übrigens eines, das wohl kaum je ein Computer beherrschen wird.

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